Dieses Buch bekam ich zu meinem Geburtstag geschenkt. Leidenschaften lassen sich nicht verheimlichen! Und wenn meine Liebe bisher einsamen, wolkenverhangenen Hochebenen, tiefblauen Fjorden, türkisfarbenen Bergseen - gespeisst von Gletschern aus magisch-schimmerndem Eis, diesem bergigen Land mit seinen allerorts wahrnehmbaren Zeugnissen der Anwesenheit von Trollen und anderen mystischen Gestalten galt, so nimmt mich Nina Freydag heute auf eine ganz besondere, private Reise mit. Und dafür bin ich ihr sehr, sehr dankbar! Sie öffnet Haustüren – denn vergessen wir nicht, neben dieser beinahe unbeschreiblichen Schönheit von Natur und Landschaft leben hier Menschen, wenn auch – Gott sei es gedankt und ihnen ein klein wenig geneidet – viel weniger pro Quadratmeile als bei uns. Und diese Menschen präsentieren sich auf eine unerwartete, durchaus heitere Weise. Wohlgemerkt, Nina Freydag lässt keine Romanfiguren erstehen, alles scheint wohl recherchiert, nicht zuletzt schreibt die Autorin für GEO. In ihren tagebuchartig verfassten Essays lernen wir z.B. einen der Letzten eines berühmten, in die Jahre gekommenen Fischerchors und nebenbei das ganz spezielle, typische und immer wiederkehrende Ritual einer ersten Begegnung in Norwegen kennen: "Ach du kommst von..., dann kennst du sicher...", und "nein, das war nicht mein Onkel sondern der Bruder von....". Zu Ostern rutschen wir auf dem Weg zu unserer "hytta" rücklings verschneite Hänge hinunter und versuchen dabei den gebunkerten "Brennstoff" nicht zu zerbrechen. Wir begleiten unsere Freunde auf die Elchjagd, steigen schmale Treppen hinab, wo manches über Norwegens Volkssport Nr.1, der Herstellung von "hjemmebrent" in Erfahrung zu bringen ist. Wir staunen über staatlich geführte Wein- und Alkoholhandlungen, in denen apothekengleich und mancherorts erst nach vorheriger Abstimmung durch die Bevölkerung Alkohol zu für uns unerhörten Preisen abgegeben wird. Alternativ lernen wir einen "kaffedoktor" nebst den benötigten Zutaten zuzubereiten. Dies alles erfahren wir von Menschen, die wir auf unserer Reise immer wieder auch näher kennen lernen dürfen. So besuchen wir in Oslo die Krimiautorin und ehemalige Justizministerin Norwegens, Anne Holt, längst Kult auch in unseren Breitegraden, und erfahren viel Persönliches.
In der Julisonne verspeisen wir genüsslich Krabben mit Mayonnaise und Weissbrot am Strand, trinken anderntags frische warme Milch zu selbstgebackenem, mit fettem Sauerrahm bestrichenem Brot aus Weizenkleie, Gerste und Roggen, färben uns andermal die Münder mit zuckersüssen Blaubeeren aus dem Überfluss des nahen Waldes.
Und erfahren wieder Neues: Warum es Jungen in Norwegen schwer fällt Regierungschef zu werden und Mädchen es viel leichter haben. Oder wieso wochenlanger vorabiturieller Schabernack und Unfug Pflicht ist und ein Versagen einem Ausschluss gleich kommt!
Dies alles und vieles mehr erleben wir gemeinsam mit Nina Freydag und so glaubt man am Ende der Reise ein Gefühl für und eine Idee von den Menschen dieses wunderbaren Landes, von ihren Befindlichkeiten und Bedürfnissen, ihren Angelegenheiten und Sorgen, aber auch ihrer Heiterkeit und Ausgelassenheit bekommen zu haben. Oder vielleicht einfach nur einen kurzen Blick in ihre Seelen geworfen zu haben - kein Reiseführer leistet hier Vergleichbares!
Ein Manko dieses wunderschönen Büchleins darf nicht unerwähnt bleiben und ich wünsche mir baldigste Behebung! Es ist viel, viel zu kurz und mein Appell an sie, liebe Frau Freydag: Bitte, bitte schreiben sie mehr ihrer wundervollen Geschichten!