Nach einer längeren Pause, in der von der Sängerin (jedenfalls hierzulande im Rampenlicht der Öffentlichkeit) nichts mehr zu vernehmen war, hat Olivia Molina mit einer Reihe großartiger Aufnahmen wieder auf sich aufmerksam gemacht. Die Freunde ihrer Kunst werden darüber besonders glücklich sein. Freilich entzieht sich Olivia Molina eher einem breiten Publikumsgeschmack, der von Wankelmütigkeit geprägt ist. Ihr Gesang hat auch außerhalb ihrer religiösen und weihnachtlichen Konzerte etwas Zeitloses und Tiefsinniges, vor allem aber Menschliches. In erheblichem Maße hat sich Olivia Molina dem Tango gewidmet.
Der Schriftsteller Henry Miller hatte einmal mit Bezug auf das U.S.-amerikanische Musikleben surreale Aphorismen verlauten lassen, wie z.B. "im Bauch des Saxophons offenbart sich die Seele Amerikas oder "Samstagabend Aushöhltanz der Seele". Beim argentinischen Tango könnte man in ähnlicher Weise sagen: "Im Tango offenbart sich die Seele Argentiniens", wenn auch nicht im negativ besetzten Sinn eines Aushöhltanzes. Eigentlich mag ich den Tango selbst nicht, aber dennoch geht von ihm eine starke Faszination aus. Dieser kurze, teils marschartige Rhythmus, scheint eine ganze Lebenswirklichkeit zu suggerieren: Neben einem Anflug von Rauheit, Stolz und melancholischer Verlorenheit aber auch Schwung, Eleganz und Lebenswillen, bestehend aus Harmonie und Liebe, aber ganz gewiss vor allem Laszivität und Erotik (der argentinische Tango war im Rotlichtmilieu entstanden).
Die deutsch-mexikanische Sängerin veredelt mit ihren Liedern den Tango so, dass man ins Schwärmen und Träumen kommen kann.