John Knittel El Hakim Fischer TB ISBN 3596178460
John Knittel kam in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts zu Ruhm und Ehren. Er wurde 1891 als Sohn eines deutschen Missionars in Indien geboren, siedelte 1908 nach London über, wurde Bankangestellter und gründete eine Familie. Nachdem sein literarisches Talent entdeckt wurde, ließ sich Knittel 1921 in der Schweiz nieder.
Aus seiner Feder stammen zahlreiche Romane, deren bekanntester Via Mala ist. Er schrieb alle seine Bücher in englischer Sprache wurde aber auch im deutschen Sprachraum viel gelesen, wo sich seine Romane großer Beliebtheit erfreuten. Seine Helden zeichnen sich durch besonderes Heldentum und aufrechte Mannhaftigkeit aus, mutig und immer stark.
Im vorliegenden Roman geht es um einen aus armen Verhältnissen stammenden ägyptischen Jungen, Ibrahim Gamal e Assiuti aus Mittelägypten, der sich zum Arzt berufen fühlte. Mit Leidenschaft, unbändigem Durchhaltevermögen und allen Widrigkeiten zum Trotz gelingt es ihm, seinen Traum zu verwirklichen. Er wird ein großer Arzt, berühmt, menschlich mitfühlend und ein charakterliches Vorbild für alle, die ihn lieben und verehren.
Die Geschichte spielt zur Zeit der englischen Kolonialherrschaft.
Man begegnet Ibrahim in seinem einfachen Elternhaus, einer Lehmhütte, wo er mit den Eltern und seinem Bruder wohnt. Der Vater verkauft Gewürze und hat anfangs nichts übrig für die anspruchsvollen Pläne seines Sohnes.
Dieser aber setzt sich durch, unterstürzt von seiner Mutter, einer sehr schönen Ägypterin. Die Eltern waren koptische Christen und hatten damit eine Außenseiterposition in der vorwiegend dem Islam angehörenden Bevölkerung inne.
In einer ruhigen und bewegenden Erzählweise erfährt man vom Leben und von den Gebräuchen der uns so unbekannten fernen Welt des Orients.
Ibrahim gelangt auf abenteuerlichen Wegen nach Kairo.
Auf seinem Weg lernt er einen imponierenden jungen Arzt kennen, der ihn fördert und ihm freundschaftlich verbunden ist.
Während seiner Reise an die Universität in Kairo gerät er in ein Gebiet, in dem die Cholera wütet. Sein Freund stirbt an der Seuche. Eine liebreizende Ägypterin säumt seine Spur, und nach vielen Hindernissen kann er sein Studium endlich aufnehmen.
Knittel erzählt vom Leben in Armut und beweist den Idealismus seines Helden an vielen markanten Beispielen.
Abenteuerlich und malerisch bunt ist das Leben. Zuweilen glaubt man sich in ein orientalisches Märchen versetzt. Da wimmelt es von Ungeziefer und Schmutz, von Korruption und Bestechung. Und dann passieren immer wieder Wunder in Form von bedeutsamen Heilungen, die El Hakim vollbringt. Er gerät ins Gefängnis, und dank seiner Heilkunst kann er dem Inferno wieder entkommen. In seinem Leben begegnen ihm häufig und unvorhergesehen wohlwollende und ernsthafte Gönner, die ihm dabei behilflich sind, seine von missionarischem Eifer getragenen und oftmals unerträglichen Arbeitsbedingungen zu verbessern. Die Liebe zu seiner jungen Freundin Aziza berauscht ihn. Sie zerbricht jedoch an seiner aufrechten, enthaltsamen und zielstrebigen Lebensweise. Durchsetzt ist sein Lebensweg von stetig neuen Einsichten und Erkenntnissen, die ihn zu einem allseits hoch geachteten, weisen und immer gütigen Menschen stilisieren.
Die alte ägyptische Kultur ist überall gegenwärtig. Trotz großer Armut werden die Menschen stolz und würdevoll in ihrem Auftreten charakterisiert. Das Gefälle von Arm und Reich ist beträchtlich, so wie auch heute noch.
Märchenhaft und von magischen Vorstellungen beseelt mutet der Orient an. Auch das ist heute noch zu spüren, wenn man einmal Ägypten bereist.
Der Roman ist 1935 zum ersten Mal erschienen und war heiß geliebte Lektüre von jung und alt in den dreißiger Jahren. Heldentum, Entbehrung und Aufstieg aus ärmsten Verhältnissen, dazu eine hehre Gesinnung verkörperten das Ideal jener Jahre, in denen die Menschen durch Arbeitslosigkeit und Krieg sich nach erhebenden Zielen sehnten. Die Neuauflage des Romans bietet die Chance, sich noch einmal in längst vergangene Zeiten zurück zu versetzen und einen Eindruck von den Verhältnissen in Ägypten zur Zeit der englischen Kolonialherrschaft zu gewinnen. Sehr ausgeprägt ist die schwarz- weiß Malerei zwischen Gut und Böse, und auch die hehren Ziele und ihre Durchsetzung scheinen reichlich übertrieben. Dabei ist das Thema der Armut in den Ländern der dritten Welt nach wie vor hoch aktuell, wenn man bedenkt, dass die Länder in diesen Regionen noch immer ökonomisch und ökologisch am Abgrund stehen. Krankheiten, Bildungsmangel und Chancenlosigkeit herrschen weiterhin in weiten Teilen der von Armut und Hunger betroffenen Gegenden.
Das Buch verlockt zum gemütlichen Schmökern und regt trotz berechtigter Zweifel an der Genauigkeit der Schilderung zum Nachdenken an.