Viele Köche verderben manchen Brei. Viele Zutaten nicht unbedingt. Vor allem, wenn sie erlesen sind. Im spanischen Himmel über Kalifornien haben die vier Jungs von Dredg auf ihrem neuen Album eine riesige Fülle musikalischer Ingredienzien zurückgegriffen. Und sie hatten ein gutes Rezept. Ähnlich wie in der Versuchsküche bei "essen und trinken" ist dabei aus scheinbar ungewöhnlichen Zutaten am Ende keine musikalische Nudelsuppe entstanden, sondern ein formidables Ergebnis auf dem (Platten-)Teller gelandet. Es ist schon erstaunlich, wie geschmeidig sich unterschiedlichste Klangwelten in das Gesamtkonzept einfügen: Gregorianische Choralfragmente, Wassergluckern, verzerrte Flugzeugpilot-Tower-Korrespondenzen, mittelalterliche Dulcimerklänge, osteuropäische Frauenchöre, A-Capella-Chöre im Stile der Renaissance, impressionistische, leicht schräge Klaviermalerei, orientalische Skalen, krude Rhythmuswechsel, Cellopassagen, Elektronikgeplucker, kurzfristige Anflüge von Breakbeats, Orchesterpauken, Streicher... die Liste ließe sich beliebig verlängern. Doch bei all diesen Zutaten findet sich auf dieser Platte doch vor allem eins: Mehr als veritable Rockmusik! Und dank der verschiedenen Zusatzzutaten eine ungemein vielseitige, vielschichtige und doch sehr homogene Platte. Nicht zu verleugnen ist auf diesem Album der Hang zum Hymnischen, den die Band pflegt. Nach ruhigen, eher filigranen Strophen bricht irgendwann der Pathosvulkan aus und schleudert den Hörer in den Himmel voller Geigen und breitwandiger Harmonien. Über allem prangt die Stimme von Sänger Gavin, der vielleicht stimmlich zwischen Morten Harket von a-ha und Keith Caputo (ehemals Life of Agony) angesiedelt ist. Dazu gibt es von den Gitarren mal fast streicherhaft gehaltene, mal zart gezupfte Töne, mal schrammelig, fast im Stile der alten U2, mal breitwandig verzerrt. Die Basis des Ganzen bildet das ungemein kreative, kraftvolle und zugleich feinfühlige Schlagzeugspiel, das die dynamischen Fäden souverän in der Hand hält. Vergleiche zu anderen Bands zu ziehen ist ob der Eigenständigkeit dieses Werkes schwierig. In seinem Hang zu Pathos und ausladenden Refrains mit dem Hang zum Hymnischen, liegen Dredg in der Nähe der ebenfalls famosen Sigur Rós, wenngleich wesentlich vitaler und agiler. Gleichzeitig fühlt man sich mal an die besten Momente des Rocks der 80er Jahre erinnert (die soll es ja auch gegeben haben). Mal fällt einem Keith Caputo wie Schuppen aus den Haaren, mal winken ?A Perfect Circle? aus dem Nachbarfenster, mal schieben Coldplay einen melancholischen Gruß durch den Briefschlitz. Die vielseitigen Rhythmen von Tool und Peter Gabriel schwofen gemeinsam im Esszimmer. Auch der Progressiv-Rock ist auf dem Stammbaum eingezeichnet. Auch wenn Dredg mit diesem Genre äußerst angenehm unprätentiös umgehen. Es geht hier nicht darum, möglichst viele Takt- und Tonarten in möglichst lange und ausladende Epen zu verpacken, es geht hier nicht um den Lautstärke-, Virtuositäts- oder Geschwindigkeitsolymp. Der Frickelfaktor geht fast gen null. Es waren nicht zuerst die festgelegten Ideen von Tonart (fis-phrygisch vielleicht???) oder Takt (wir hatten schon lange keinen 5/8-Takt mehr!) da, sondern die musikalischen Ideen. Die einzelnen Einflüsse sind homogene Bestandteile des Ganzen. Die Stücke sind zwar sehr vielseitig und pfiffig arrangiert, aber gleichzeitig harmonisch recht simpel gehalten. Als Fazit geht für mich eine absolute Empfehlung an alle Leute die musikalisch neugierig sind, offen für Neues, ohne sich auf avantgardistische Klangexperimente einlassen zu wollen. Sehr gute Rockmusik, dynamisch vielseitig und facettenreich und unglaublich homogen. Ab ins Raumschiff und ab in den spanischen Himmel!