Zwei. Alles in mir trägt die Zahl zwei. Ich hasse diese Zahl. Zwei Sprachen, zwei Länder, im Sternzeichen des Zwilling geboren, mehr als im doppelten Sinne betrogen: der Sprache, der Heimat, der Liebe. So bricht es aus der sechsjährigen Eleni bitter heraus, als sei von ihrem Cousin Dimitris gesagt bekommt, sie soll doch nach Deutschland zurückgehen. Vielleicht hat sie ihm beim Spiel im Heu zu sehr die Vorzüge Deutschlands, wie z.B. die vielen Schokoladensorten, geschildert. Mit ihren Eltern besucht Eleni zum ersten Mal ihre Großeltern in Griechenland, und lernt ihre Verwandtschaft kennen. Verwirrt fragt sie am Abend ihre Mama, und welche ist meine Sippe?. Nach vier für Eleni wunderschönen Wochen dort gerät manches in ihr durcheinander. Auf dem Flughafen weiß sie nicht, soll ich es auf griechisch oder auf deutsch sagen? Es spielt keine Rolle, die Stewardess versteht beides.
Eine große Rolle, welche Sprache man spricht, spielt es jedoch in Deutschland, diesem fremden Land, in dem vermeintlich nur Bier getrunken wird. Für Eleni, für ihre Eltern, vom kleinen Kind bis ins abgeklärte Erwachsenenalter. Und über Generationen, erfährt Eleni doch, dass ihre Großeltern nicht aus dem kleinen Dorf Chrisokéfalo stammen, und dennoch Griechen sind. Als ein Bündel Wunden, Dreck und Schmerz kamen sie nach Griechenland, waren auf ihrer Odyssee gezwungen, griechisch sprechend und dort schon lange lebend, aus der Türkei wegzugehen; wegen Feindseligkeiten zwischen den beiden Staaten Griechenland und Türkei. Die Eltern von Elenis Großmutter wurden auf der Flucht getötet.
Mit kleinen Szenen, wie sie wohl die allermeisten der Emigranten, der Gastarbeiter, dieser fremden Mitbürger erzählen könnten, verdeutlicht die Autorin blitzlichtartig, was es bedeutet, woanders als in der ureigenen Heimat zu leben. So ein Schicksal ist schwierig genug, aber wohl immer noch besser als zwangsweise Vertreibung. Und allzu-menschlich, berührend und mit manchmal lyrisch erzählt, wird z.B. deutlich, dass immer zwei Seiten dazu gehören, wenn es darum geht, sich anzupassen. Denn der halbwüchsige Dimitris, den seine Eltern nach Deutschland geholt hatten und seine geliebten Großeltern in Griechenland verlassen musste, kann es nicht ändern, wenn ihm auf dem Schulhof zugeschrieben wird Hau ab, du Gyros!
Welch ein innerer Weg müssen (diese) Migranten, wohl noch weiter als von Griechenland nach Deutschland bzw. umgekehrt, je nachdem, wo man den Anfang und das Ende des Weges sieht.
Nein, Eleni ist letztlich nicht im Meer oder auf dem langen Weg zwischen beiden Ländern, Kulturen usw. verloren gegangen, sie hat sich ihre Heimat gewählt. Diese Freiheit haben nur du und ich, und alle, die unser Schicksal teilen., schreibt Eleni wiederum eine Generation später ihrem Cousin Emanuel, der zehn Jahre alt ist. Hoffentlich schaffen es viele, zu lernen, sich die Heimat zu wählen, eine Heimat, die jeden Tag neu entsteht. Ein, wenn auch vielleicht kleines Stück einer inneren Selbstbestimmung.
Ich wünsche diesem Buch, dass viele in ihm eine Heimat finden.