Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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87 von 87 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Demokratie auf der Anklagebank, 5. Oktober 2006
"Tintenhaft kroch die Unsicherheit durch die Fugen und Risse spröde gewordener Tage, schlich sich unter die Oberfläche der Dinge. Man vermochte in den Gesetzen der Wohnung, aber kaum noch denen des Gebäudes zu leben, und so hatte man das Gefühl, etwas schwer Greifbarem ausgesetzt zu sein, das keine Züge besaß, kein Gesicht, keine Gestalt, die man zum Ziel einer Verteidigung hätte nehmen, gegen die man sich hätte zur Wehr setzen können. Die Menschen kämpften, aber sie kämpften gegen Spiegelbilder, es schien mir, als bemerkten sie, dass es nichts half, so dass sie sich aus Furcht vor den schleichenden Wandlungen auf die Verteidigung dessen verlegten, was sich mit ihren Mitteln verteidigen ließ: das, was sie sahen, was sie hatten, was sie besaßen. Mir schien, dass sie immer bösartiger, besessener, irrsinniger vor Angst wurden, weil sie spüren mochten, dass das nicht genügte, denn es war so, als ob sie sich gegen das Untergehen eins Schiffes versicherten bei dem, der selbst auf dem Schiff war und nicht bei einem, der sie retten konnte aus ihrer Not" (S. 69/70)
Das ist die Grundstimmung von Uwe Tellkamps Buch "Eisvogel", einer der ungewöhnlichsten Neuerscheinungen der letzten Jahre. Wiggo Ritter, ein gegen seinen Vater rebellierender Philosophiestudent, ein nörgelns-labiles Abbild seiner Zeit, trifft auf einen wirklich Radikalen: auf den "Eisvogel" Mauritz Kaltmeister, den Spiritus Rektor der "Organisation Wiedergeburt", der als einziger die Frage wagt, "ob diese Gesellschaft vielleicht deshalb nicht funktioniert, weil der ihr zugrunde liegende Gedanke, das sie bestimmende System: die Demokratie, nicht funktioniert." (S. 150). Die Frage zu stellen, bedeutet sie zu bejahen, denn "Die Demokratie ist die Gesellschaftsordnung des Mittelmaßes, des Geschwätzes und der Unfähigkeit, aus dem Geschwätz heraus fruchtbares Handeln werden zu lassen. Alle Räder sind festgefressen in gegenseitiger Hemmung, fordern die Ungernehmer dies, blocken es die Gewerkschaften ab, sollen die Steuern herunter, laufen die Sozialverbände Sturm, die Arbeitslosenraten steigen, die Wirtschaft wandert ab, die Gesellschaft vergreist, die Jugend hat kaum noch Perspektiven."(S. 150/1) Die Menschen sind "krank von Demokratie", konstatiert Mauritz, und das kann nur durch ein Mittel geändert werden: durch Terror, einen Terror, der die Verhältnisse aufbricht und die Menschen nach einer Ordnung rufen lässt, aus der der künftige "Ordens- und Elitestaat" hervorgehen soll. Die RAF lässt grüßen, allerdings diesmal aus einer nicht rechtsradikalen sondern ständestaatlich-konservativen Seite.
Dem Leser stockt der Atem, wenn er liest, wie knallhart hier jemand über die Ränder des common sense hinausdenkt und wie radikal hier ein Ketzer die wahre Religion unserer Zeit, die Demokratie, auf die Anklagebank zerrt. Aber keine Sorge, die Einwände gegen diese Radikalität werden in dem Buch gleich mitgeliefert, ein ganzer Chor der Gegenargumente flattert dem Leser entgegen, sogar innerhalb der "Organisation Wiedergeburt" schreckt man vor dem Fanatismus Mauritz Kaltmeisters zurück, auch wenn sich Wiggo Ritter, der nörgelns-labile Romanprotagonist, eine Zeitlang dem Einfluss des radikalern Mauritz erliegt. Am Ende aber wenden sich alle vom Eisvogel ab, seine Gönner, seine Freunde, selbst seine schöne Schwester Manuela und schließlich auch Wiggo.
So weit so spektakulär - wie aber wird dieser Plot literarisch umgesetzt? Denn es ist eine Sache, eine brisante Thematik aufzugreifen, eine ganz andere aber sie künstlerisch zu meistern. Steht Tellkamp für sein Thema eine Sprache zur Verfügung, die nicht in Klischees und Banalitäten abrutscht sondern das Außergewöhnliche, um das es geht, mit einer ebenso außergewöhnlichen Sprache beschreibt? Uneingeschränkt ja. Tellkamps Sprache ist wie ein Skalpell, mit dem durch das Hundertmal Gesagtes zu immer neuen überraschenden Formulierungen durchstößt. An der formalen Konstruktion des Romans allerdings werden sich die Geister scheiden. Ob die gesamte Handlung wirklich im anstrengenden Antunes'haften Absatzschreddderstil. erzählt werden muss, bei dem auf einer einzigen Seite zwei- bis dreimal die Zeitebenen gewechselt werden, sei dahingestellt. Auf der andern Seite fällt auf, dass die formale Gesamtkomposition als Ganzes genau jeder Kreisbewegung ähnelt, die an verschiedenen Stellen des Buches als Misere einer Demokratie bezeichnet wird, mit der es nicht vorangeht.
Das Problem des vorliegenden Romans aber ist seine Handlung.. Außer einigen Szenen (beeindruckend: S. 275ff., wo ausgerechnet der Eisvogel ein arabisches Pärchen gegen eine Horde Skinheads in der U-Bahn verteidigt ) wird in dem Roman fast nur palaverert, eine wirkliche Geschichte, in der die Personen, das was sie sagen auch durch ihre Handlungen beglaubigen, findet nicht statt. Dem eiskalten und konsequenten Demokratieverächter Mauritz stehen nur Deppen oder Zögerlinge, Egomanen oder Quietisten gegenüber, die eine mögliche und gehaltvolle Gegenposition zur Verteidigung der Demokratie nicht artikulieren können. So sehr es aber längst überfällig ist, die Sackgassen der Massendemokratie und den Bankrott der politischen Gutmenschenklasse ("Morbus 68" - übrigens das Geburtsjahr des Autors ) kritisch zu thematisieren, so kann dies doch nicht geschehen, ohne nicht der demokratische Position einen ähnlich glaubhaften und charismatischen, jedenfalls gleichberechtigten Handlungsträger zuzuordnen wie ihn der "Eisvogel" Mauritz auf der anderen Seite darstellt. Mit anderen Worten: dem "Eisvogel" Mauritz, der in dem Romans ein aktivistischer Naphta auftritt, fehlt der Settembrini als Widerpart. Das ist schade, denn durch diese Einseitigkeit wurde die Chance vertan, einen wirklichen wegweisenden Roman zu schreiben, der das Tor zu ganz neuen Debatten aufstoßen könnte.
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25 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Der Frust am Sein. Ein Rückblick, 1. August 2006
Was für ein komischer Zufall es doch war, der mir dieses Kleinod in die Hände gespielt hat.
Es war spätabends, und ich zappte bereits schlaftrunken durch das mitternächtliche Abendfernsehen als ich plötzlich auf eine Sendung über Literatur stieß, die, welch schicksalhafte Fügung, den Eisvogel als Thema hatte.
Dabei wurde viel gelobt, viel gesprochen und noch viel mehr gelobt. Der Inhalt so schien mir war lesenswert, die Bachmann-Preis-Jury war 2004 übrigens der selben Meinung.
So kam es wie es kommen musste, ich kaufte mir das Buch und kurz darauf begann ich zu lesen. Ganz vorsichtig und ohne Hast. Ich genoss es, in vollen Zügen. Das wieso will ich ihnen hier kurz erläutern.
Uwe Tellkamps Eisvogel ist, ähnlich wie auch Hesses Steppenwolf, den ich im übrigen zu einem meiner Lieblingsbücher zähle, eine Geschichte über einen Menschen, der nicht so recht weiß was er mit seinem Leben anfangen soll. Er liest viel, reist auf Kosten seiner Eltern durch die Lande und versucht sich als ein Philosoph zu beweisen, in jeder Hinsicht.
Er stellt alles in Frage, alles was ihm in die Quere kommt wird beinahe kriminell angefochten, jede Existenz wird verbal vernichtet und jedwedes Leben, das anders ist als das einen großen Denkers wird verdammt. Er lebt die geistige Freiheit ohne jedoch zu bedenken, dass es auch eine Welt außerhalb seiner Geisteswelten gibt. Bis er eines Tages auf einen Gleichgesinnten trifft, einen Freund fürs Leben, einen der ihm die Tür zu seiner geistigen Freiheit weist, einem Rebellen, einem Umstürzler, kurz gesagt, einen Mann der Wiggo Ritters Traumwelt, so im übrigen der Name unseres Philosophen, Wirklichkeit werden lassen kann. Seine Name ist Mauritz. Und zu allem Überfluss hat Mauritz noch eine Schwester in der Wiggo die Frau seines Lebens gefunden zu haben scheint, doch der Schein trügt manchmal, vor allem wenn er golden glänzt und lange Beine hat.
Zurück zur Geschichte, Wiggo ist der Sohn von einem der erfolgreichsten Bankiers Deutschlands, er schwelgt in Luxus und duelliert sich verbal mit seinem mächtigen Vater um seine Zukunft, bis dieser zuletzt an seinem Sohn scheitert. Ab dann beginnt Wiggos wahres Leben, das Leben eines Philosophen, in einem Rückblick. Erzähltechnisch genial. Vor allem die eingeflochtenen Sprachfetzen, die, die jeweiligen Handlungsstränge durchziehen, tragen zu der Intensität dieses Buches bei. Mancher wird sie lieben und viele werden an ihnen verzweifeln. Ich vergöttere sie. Von der Schärfe der Sprache die diesen Roman durchfließt und der, wie mit literarisch goldenem Garn durchwunden, in Form von lieblicher Akustik durchflutet wird ganz zu schweigen. Tellkamp versteht sein Handwerk.
Und wer den Eisvogel zu Ende gelesen hat, wird erkennen, dass er soeben einen modernen Klassiker der deutschen Literatur genießen durfte.
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20 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Überfrachtet, 8. April 2005
Nicht gerade leichte Kost ist es, die uns Uwe Tellkamp mit seinem Roman "Eisvogel" zumutet. Das Werk besteht größtenteils aus Erinnerungsbruchstücken des Protagonisten Wiggo Ritter, aber auch anderer Figuren, die an dessen Verteidiger in einem Mordprozess gerichtet sind. Ziel dieser Fragmente ist es zu erhellen, warum Ritter seinen Freund Mauritz Kaltmeister erschossen hat. Was die Sprache betrifft, so zeichnet sich das Werk durch komplexe, scheinbar nicht endenwollende Sätze und eine nicht immer gelungene Bildlichkeit aus ("dunkleres Land, das unnahbar und still hinter den sichtbaren Dingen begann"). Was meines Erachtens besonders stört, ist, dass Tellkamp keinen Willen zur Form zeigt: Er springt vor und zurück, verharrt über lange Zeit hinweg detailverliebt auf einem Fleck und kanalisiert das, was er dem Leser mitteilen möchte, nicht. Dazu kommt auch noch erschwerend hinzu, dass der Roman thematisch überfrachtet ist: Es geht um Terrorismus, Vaterkomplexe, böse Kapitalisten, fehlende Orientierung, Sado-Maso-Sex, Arbeitslosigkeit, eine Gesellschaft ohne Ideale und vieles mehr... Was Tellkamp wirklich gut gelingt, ist die bis ins Detail glaubwürdige Zeichnung seiner Figuren. Hier hat er echte Stärken. Vielleicht hafte ich mit meinen Erwartungen an ein Buch zu sehr im Trivialen, aber meines Erachtens ist Tellkamps Roman "Eisvogel" zu ambitioniert, es ist ein Buch, dem ich nicht so viel abgewinnen konnte.
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