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Eisfieber: Roman
 
 
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Eisfieber: Roman [Taschenbuch]

Ken Follett , Jan Balaz , Till R. Lohmeyer , Christel Rost
2.9 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (159 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Supergau im Kreml! Was bei Oxenford Medical niemand auch nur zu denken wagte, ist eingetreten. Ein durchgeknallter Laborant hat aus dem Kreml, wie das Hochsicherheitslabor in der Nähe von Edinburgh liebevoll genannt wird, ein Kaninchen entwendet. Nicht wirklich Erwähnenswert, wäre das Langohr nicht mit Madoba-2 infiziert, einem noch tödlicheren Verwandten des berüchtigten Ebola-Virus. Nach dem grausamen Ansteckungstod des Diebs beginnt eine hektische Schadensbegrenzung. Toni Gallo, die schöne Ex-Polizistin und Sicherheitschefin bei Oxenford, fühlt sich schuldig am Geschehen. Frank, ihr Ex, ein Polizist, sieht seine Chance zur Rache gekommen und Osborne, ein schleimiger Medienmensch, predigt die baldige Pest in Schottland! Und Weihnachten steht doch vor der Tür.

Polizei auf dem Laborgelände, eine Vorstellung, die nicht zu Kits Plan gehörte. Hatte doch der missratene und hochverschuldete Spross des Firmengründers Stanley Oxenford selbst die Idee, die Alarmanlagen zu deaktivieren, um in den Besitz des hochbrisanten Stoffes zu kommen. Weihnachten auf dem nahe gelegenen Familiensitz. Ein nächtlicher Ausflug in die Labors, unterstützt von dem dubiosen Gangstertrio Nigel, Elton und Daisy. Schließlich die Übergabe an den unbekannten Auftraggeber. Auf einen Schlag wäre Kit seine Spielschulden los. Doch in Schottlands schlimmstem Schneesturm seit Jahren kommt der große Coup gewaltig ins Schleudern. Schöne Bescherung! Ken Follett , ausgewiesener Großmeister solch unterschiedlicher Genres wie Die Nadel und Die Säulen der Erde, hat einen merkwürdigen Zwitter vorgelegt, der nicht alle britischen Leser überzeugte. In der Tat: Bio-Terrorismus, Familiendrama mit zehn Beteiligten und unzähligen Binnen- und Liebesgeschichten -- hier können auch weniger begnadete Erzähler in die Knie gehen. Spätestens jedoch im zweiten Teil zündet der altbekannte Follett-Turbo. Ein Glanzstück nebenbei: Unter dem niedlichen Namen „Daisy“ hat der Autor einen wahrhaft beängstigenden Charakter geschaffen, eine gepiercte weibliche Kampfmaschine, unter deren Tritten kein Knochen heil bleibt. Am Ende (und hier glühen die Spannungsdrähte fast durch), treffen Gut und Böse in Steepfall, dem Anwesen der Oxenfords bei einem wahnwitzigen Schnee-Showdown aufeinander. X-mas perdu! Eine Familie beginnt, bis aufs Blut zu kämpfen. --Ravi Unger -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Kurzbeschreibung

Ein tödliches Virus verschwindet aus einem privaten Forschungslabor. Für die junge Sicherheitschefin Toni Gallo ist dies eine Katastrophe. Sie ahnt nicht, dass der Dieb aus dem engsten Kreis um den Firmengründer Stanley Oxenford kommt. In dessen verschneitem Landhaus im schottischen Hochland entbrennt ein dramatischer Kampf, bei dem mehr auf dem Spiel steht als ein einzelnes Leben ...

Klappentext

Ein tödliches Virus verschwindet aus einem privaten Forschungslabor. Für die junge Sicherheitschefin Toni Gallo ist dies eine Katastrophe. Sie ahnt nicht, dass der Dieb aus dem engsten Kreis um den Firmengründer Stanley Oxenford kommt. In dessen verschneitem Landhaus im schottischen Hochland entbrennt ein dramatischer Kampf, bei dem mehr auf dem Spiel steht als ein einzelnes Leben ...

Über den Autor

Ken Follett, geboren 1949 in Wales, von Beruf Journalist, wurde mit seinem Thriller 'Die Nadel' weltberühmt. Brillante Erzählkunst verbindet sich in seinen Büchern mit fundierter Sachkenntnis.

Auszug aus Eisfieber von Ken Follett, Till R. Lohmeyer, Christel Rost. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Heiligabend

01.00 Uhr
Zwei müde Männer sahen Antonia Gallo mit feindseligen, ja hasserfüllten Blicken an. Sie wollten nach Hause, aber das ließ Antonia nicht zu. Beiden war klar, dass sie Recht hatte – und das machte die ganze Sache noch schlimmer.
Alle drei befanden sich im Personalbüro der Pharmafirma Oxenford Medical, eines kleinen, aber feinen Unternehmens, das im Börsenjargon „Boutique Company“ genannt wurde. Antonia – Rufname Toni – war Abteilungsleiterin und Sicherheitsbeauftragte. Bei Oxenford Medical wurden Viren erforscht, die unter Umständen tödlich sein konnten. Sicherheit war daher eine todernste Angelegenheit.
Bei einer unangemeldeten Bestandskontrolle hatte Toni festgestellt, dass zwei Proben aus einer Experimentierreihe fehlten – und das war eine schlimme Sache: Die Substanz, ein Reagens mit antiviraler Wirkung, unterlag größter Geheimhaltung, und die dazu gehörige Formel war unbezahlbar. Gut möglich, dass die Proben mit der Absicht, sie an eine Konkurrenzfirma zu verkaufen, gestohlen worden waren. Die dunklen Ringe um Tonis grüne Augen und der Ausdruck finsterer Betroffenheit in ihrem sommersprossigen Gesicht hatten jedoch eine andere Ursache. Es gab nämlich noch eine weitere Möglichkeit, und die war ungleich prekärer: Womöglich hatte der Dieb die Proben gestohlen, weil er sie für sich selber brauchte. Dafür aber gab es nur einen einzigen plausiblen Grund: Irgendjemand hatte sich mit tödlichen Viren infiziert, mit denen in den Labors von Oxenford Medical gearbeitet wurde.
Die Labors befanden sich in einem riesigen Gebäude aus dem neunzehnten Jahrhundert, das einst als schottisches Ferienhaus für einen viktorianischen Millionär errichtet worden war. Weil es sich hinter zwei Zaunreihen aus NATO-Draht verbarg, die Eingänge von uniformierten Wachposten kontrolliert wurden und auch die elektronischen Sicherheitsvorkehrungen stets dem neuesten Stand entsprachen, hieß es im Volksmund „der Kreml“. Dabei sah es mit seinen Spitzbögen, den Türmchen und den zahlreichen Wasserspeiern, die das Dach säumten, eigentlich eher wie eine Kirche aus.
Das Personalbüro war in einem Raum untergebracht, der einst als Schlafgemach gedient hatte. Die Fenster mit den Spitzbögen und die Faltwerk-Paneele stammten noch aus den Zeiten der ehemaligen Besitzer, doch deren Kleiderschränke waren inzwischen durch Aktenschränke ersetzt worden, und dort, wo sich einst Kristallfläschchen und Haarbürsten mit Silbergriffen gegenseitig den Platz auf der Frisierkommode streitig gemacht hatten, standen nun Computer und Telefone auf Büroschreibtischen.
Toni und die beiden Männer waren damit beschäftigt, alle Mitarbeiter anzurufen, die zum Betreten der Hochsicherheitslabors berechtigt waren. Es gab vier Sicherheitsstufen, so genannte Bio Safety Levels. In der höchsten, BSL-4, arbeiteten die Wissenschaftler mit Viren, gegen die es keinen Impfschutz und keinerlei Gegenmittel gab, und mussten daher Schutzankleidung tragen, die an die Raumanzüge von Astronauten erinnerte. BSL-4 war naturgemäß die am besten gesicherte Abteilung im Hause, daher waren die verschwundenen Proben auch dort gelagert gewesen.
Nur ein kleiner Kreis von Mitarbeitern hatte zum BSL-4-Labor Zugang. Selbst für die Wartungscrew der Luftfilter und Autoklaven war ein spezielles Sicherheitstraining für biologische Störfälle unbedingte Voraussetzung. Auch Toni hatte sich dieser Ausbildung unterzogen, damit sie jederzeit die Sicherheitsvorkehrungen innerhalb des Labors überprüfen konnte.
Insgesamt waren nur siebenundzwanzig der achtzig Firmenangehörigen berechtigt, das Hochsicherheitslabor zu betreten, doch viele von ihnen hatten sich schon für die Weihnachtsfeiertage verabschiedet, und der Montag war bereits zum Dienstag geworden, als die drei für die Klärung des Falles Verantwortlichen endlich auch den Letzten von ihnen aufspürten.
Toni fragte sich bis in ein Feriencamp namens Le Club Beach auf Barbados durch, erwischte dort den Assistenten der Geschäftsleitung und überredete ihn mit Engelszungen, eine junge chemisch-technische Laborantin namens Jenny Crawford ausfindig zu machen und ans Telefon zu holen.
Während sie wartete, betrachtete Toni ihr Spiegelbild im Fenster. Dafür, dass es schon so spät war, hielt sie sich ganz gut. Ihr schokoladenbrauner Anzug mit Kreidestreifen wirkte immer noch geschäftsmäßig, ihr volles Haar nach wie vor gepflegt, und auch ihrem Gesicht war die Müdigkeit kaum anzusehen. Ihr Vater war Spanier gewesen, doch sie hatte die blasse Haut und das rotblonde Haar ihrer Mutter geerbt. Sie war groß gewachsen und sportlich fit. Nicht schlecht für eine Achtunddreißigjährige, dachte sie.
Endlich meldete sich Jenny Crawfords Stimme am Telefon. „Das muss doch mitten in der Nacht sein bei euch!“, sagte sie.
„Wir haben einen Fehlbestand im BSL-4“, erklärte Toni.
Jenny war ein wenig beschwipst. „Das kommt doch immer wieder mal vor“, sagte sie ohne erkennbare Beunruhigung. „Und bisher hat noch nie jemand ein großes Drama gemacht.“
„Ja, weil es bisher nicht mein Job war“, erwiderte Toni gereizt. „Wann waren Sie das letzte Mal im BSL-4?“
„Am Dienstag, glaub ich. Aber das muss Ihnen doch eigentlich der Computer sagen, oder?“
Doch, dachte, Toni, aber ich möchte wissen, ob Jennys Aussage mit den Computerdaten übereinstimmt ... „Und wann waren Sie zum letzten Mal am Tresor?“ Der so genannte Tresor war ein verschlossener Kühlschrank innerhalb des Labors.
Jennys Tonfall verriet, dass ihr die Befragung allmählich auf die Nerven ging. „Das weiß ich nicht mehr genau, aber das wird doch alles aufgezeichnet.“ Das Touchpad-Kombinationsschloss des Tresors aktivierte eine Videokamera, die so lange lief, wie die Tür geöffnet war.
„Erinnern Sie sich daran, wann Sie das letzte Mal mit Madoba-2 zu tun hatten?“ Madoba-2 war das Virus, mit dem die Wissenschaftler gegenwärtig arbeiteten.
Jenny erschrak. „Au, verdammt – gehört die fehlende Probe etwa dazu?“
„Nein. Trotzdem ...“
„Ich hab, glaube ich, niemals konkret mit einem echten Virus zu tun gehabt. Meistens arbeite ich im Labor für Gewebekulturen.“
Das stimmte mit den Informationen überein, die Toni vorliegen hatte. „Ist Ihnen vielleicht aufgefallen, dass sich ein Kollege oder eine Kollegin in den letzten Wochen ungewöhnlich benommen oder dass sich sein oder ihr Verhalten plötzlich geändert hat?“
„Das klingt ja wie ein Verhör“, protestierte Jenny.
„Mag sein. Trotzdem ...“
„Nein, mir ist nichts dergleichen aufgefallen.“
„Eine Frage noch: Haben Sie Fieber oder erhöhte Temperatur?“
„Verdammt noch mal, soll das etwa heißen, ich könnte Madoba-2 haben?“
„Sind Sie erkältet?“
„Nein!“
„Dann ist alles in Ordnung. Sie haben das Land vor elf Tagen verlassen – wenn irgendwas nicht stimmen würde, hätten Sie inzwischen grippeartige Symptome. Ich danke Ihnen, Jenny. Vermutlich handelt es sich bloß um einen Irrtum im Protokollbuch. Trotzdem müssen wir der Sache nachgehen.“
„Mir haben Sie jedenfalls die Nacht gründlich verdorben“, erwiderte Jenny und beendete das Gespräch.
„Pech für dich“, sagte Toni in die tote Leitung, legte den Hörer auf und fügte hinzu: „Jenny Crawford scheidet aus. Dumme Kuh, aber ehrlich.“
Howard McAlpine war der Leiter des Labors. Sein buschiger grauer Bart zog sich über die Wangenknochen hinauf, sodass die Haut um seine Augen herum wie eine rosa Maske wirkte. McAlpine war ein sorgfältiger Mann, aber kein Pedant. Toni arbeitete normalerweise recht gern mit ihm zusammen, doch diesmal war er alles andere als gut gelaunt. Er lehnte sich in seinem Sessel zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. „Sie können doch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass das Material, für das Ihnen der Nachweis fehlt, von einer dazu berechtigten Person benutzt wurde, die lediglich vergessen hat, die Entnahme ins Protokollbuch einzutragen.“ Seine Stimme klang gereizt, denn er hatte dieses Argument bereits zwei Mal vorgebracht.
„Ich hoffe, Sie haben Recht“, erwiderte Toni unverbindlich, erhob sich und trat ans Fenster. Vom Personalbüro aus konnte man den Anbau sehen, in dem das BSL-4-Labor untergebracht war. Mit seinen verschnörkelten Schornsteinen und einem Uhrturm fügte er sich nahtlos ins Gesamtbild des Kremls ein, sodass es einem Fremden aus der Entfernung sicher nicht leicht gefallen wäre zu sagen, wo genau in dem ganzen Komplex sich das Hochsicherheitslabor befand. Aber die Fenster mit den hohen Bögen waren mit Milchglas versehen, die Eichentüren mit ihrem Schnitzwerk ließen sich nicht öffnen, und aus den monströsen Köpfen der Wasserspeier spähten einäugig Videokameras herab. Der Anbau war ein einstöckiger Betonkasten in viktorianischer Verkleidung. Die Labors nahmen das gesamte Erdgeschoss ein. Außer den Arbeitsplätzen für die Forscher und den Vorratsräumen gab es eine intensivmedizinische Quarantänestation für Personen, die sich mit einem gefährlichen Virus infiziert hatten. Bisher war sie allerdings noch nie in Anspruch genommen worden. Im ersten Stock waren die Luftfilteranlagen untergebracht und im Keller eine komplizierte Anlage für die Sterilisation aller Abfallstoffe, die in den Labors anfielen. Außer den Menschen blieb dort unten nichts am Leben.
„Wir haben eine ganze Menge aus dieser Geschichte gelernt“, sagte Toni in einem um Versöhnung bemühten Tonfall. Ihr war bewusst geworden, dass sie sich in einer nicht unkritischen Lage befand, denn die beiden Herren in den Fünfzigern bekleideten von Rang und Alter her höhere Positionen als sie. Obwohl Toni nicht berechtigt war, ihnen Anweisungen zu erteilen, hatte sie darauf bestanden, dass das Verschwinden der Proben als Krisenfall eingestuft wurde. Zwar mochten die beiden sie durchaus, doch mit ihrem Verhalten strapazierte sie deren guten Willen bis zur Belastungsgrenze. Dennoch hatte sie das Gefühl, dass ihre Vorgehensweise notwendig war und sie gar nicht anders handeln konnte: Die öffentliche Sicherheit, das Ansehen der Firma und ihre eigene Karriere standen auf dem Spiel.
„Künftig muss jeder, der Zugang zum BSL-4 hat, rund um die Uhr telefonisch erreichbar sein, wo immer er sich aufhält“, forderte sie. „Das kann, wenn Gefahr im Verzug ist, entscheidend sein. Außerdem müssen wir die Protokollbücher öfter als einmal im Jahr kontrollieren.“
McAlpine räusperte sich. Als Labordirektor fielen die Bestandsverzeichnisse in seine Zuständigkeit, und der wahre Grund für seine schlechte Laune lag darin, dass Toni und nicht er selbst den Fehlbestand entdeckt hatte. Ihre Sorgfalt warf ein schlechtes Licht auf ihn.
Sie wandte sich an den anderen Mann, James Elliot. Er war der Personalchef. „Sind wir mit der Liste durch, James?“, frage sie ihn.
Ell iot sah von seinem Computermonitor auf. Er war gekleidet wie ein Börsenmakler, in Nadelstreifen und gepunkteter Krawatte, als lege er Wert darauf, sich deutlich von den Wissenschaftlern abzuheben, die lieber in Tweedanzügen herumliefen. Die Sicherheitsvorschriften schien er für lästige bürokratische Kleinkrämerei zu halten, was daran liegen mochte, dass er selber niemals direkt mit Viren zu tun gehabt hatte. Toni hielt ihn für eingebildet und dumm.
„Wir haben mit sechsundzwanzig von siebenundzwanzig Mitarbeitern gesprochen, die zum BSL-4 Zugang haben“, sagte er mit übertriebener Deutlichkeit und klang dabei wie ein müder Lehrer, der dem dümmsten Schüler der Klasse etwas erklären will. „Alle sechsundzwanzig haben wahrheitsgemäß geantwortet, als wir sie fragten, wann sie zum letzten Mal im Labor waren und den Tresor geöffnet haben. Keinem von ihn ist aufgefallen, dass sich ein Kollege oder ein Kollege merkwürdig verhielt. Und Fieber hat auch keiner.“
„Wer ist der Siebenundzwanzigste?“
„Michael Ross, ein Laborant.“
„Ich kenne ihn“, sagte Toni. Er war ungefähr zehn Jahre jünger als sie, ein schüchterner, intelligenter Mann. „Ich war sogar schon einmal bei ihm. Er hat ein Haus im Grünen, etwa fünfundzwanzig Kilometer von hier.“
„Er arbeitet seit acht Jahren für uns und ist noch niemals negativ aufgefallen.“ McAlpine fuhr mit dem Finger über einen Computerausdruck und ergänzte: „Sonntag vor drei Wochen war er zum letzten Mal im Labor. Es ging um eine Routineüberprüfung der Versuchstiere.“
„Und was hat er seitdem getan?“
„Er war in Urlaub.“
„Wie lange? Drei Wochen?“
„Er hätte heute zurückkommen müssen“, warf Elliot ein und warf einen Blick auf seine Armbanduhr. „Oder nein, gestern. Am Montagmorgen. Aber er ist nicht aufgetaucht.“
„Hat er sich krank gemeldet?“
„Nein.“
Toni zog die Brauen hoch. „Und er ist nicht erreichbar?“
„Bisher nicht. Er meldet sich weder unter seiner Privat- noch unter seiner Handynummer.“
„Kommt Ihnen das nicht seltsam vor?“
„Dass ein unverheirateter junger Mann seinen Urlaub eigenmächtig verlängert, ohne sich beim Arbeitgeber abzumelden? Das ist allenfalls so seltsam wie ein Regenschauer im schottischen Hochland.“
Toni wandte sich wieder an McAlpine. „Aber Sie sagten doch, dass er als zuverlässig gilt.“
Der Direktor machte aus seiner Betroffenheit keinen Hehl. „Er ist sehr gewissenhaft. Unentschuldigtes Fehlen würde mich bei ihm sehr wundern.“
„Welcher Kollege ist das letzte Mal bei ihm gewesen?“, fragte Toni. Dass Michael nicht allein im Labor gewesen sein konnte, lag an der „Zwei-Personen-Regel“: Wegen des hohen Risikos war es niemandem gestattet, allein im BSL-4 zu arbeiten.
McAlpine überprüfte die Liste. „Dr. Ansari.“
„Den kenne ich nicht, glaube ich.“
„Die. Es ist eine Frau. Dr. Monica Ansari, eine Biochemikerin.“
Toni griff zum Telefon. „Nummer?“
Monica Ansari sprach schottischen, genauer gesagt Edinburgher Dialekt und klang, als habe man sie aus dem Tiefschlaf geweckt. „Howard McAlpine hat mich vorhin schon angerufen“, sagte sie.
„Tut mir Leid, dass ich Sie noch einmal behelligen muss.“
„Ist was passiert?“
„Es geht um Michael Ross. Wir können ihn nicht erreichen und wissen nicht, wo er steckt. Wenn ich richtig informiert bin, waren Sie am Sonntag vor drei Wochen mit ihm im BSL-4.“
„Ja, das stimmt ... Augenblick, ich muss erst mal Licht machen ...“ Nach kurzer Pause fuhr sie fort: „Drei Wochen ist das schon her?“
„Michael ist am nächsten Tag in Urlaub gefahren“, fügte Toni in drängendem Ton hinzu.
„Er wollte zu seiner Mutter in Devon. Hat er mir jedenfalls erzählt.“
Plötzlich fiel es ihr ein: Toni erinnerte sich, warum sie Michael damals in seinem Haus besucht hatte. Vor etwa einem halben Jahr hatten sie sich in der Kantine unterhalten, und Toni hatte dabei zufällig erwähnt, wie sehr ihr Rembrandts Bildnisse von alten Frauen gefielen, all die mit großer Liebe und Sorgfalt gemalten Runzeln und Falten. „Daran lässt sich ersehen, wie sehr Rembrandt seine Mutter geliebt haben muss“, hatte sie damals gesagt – und bei Michael offene Türen eingerannt. Er habe eine ganze Sammlung von Rembrandt-Radierungen daheim, hatte er gesagt, ausgeschnitten aus Kunstzeitschriften und Auktionskatalogen. Sie waren dann nach der Arbeit zu ihm gefahren und hatten sich die Bilder angesehen – lauter Porträts von alten Frauen in geschmackvollen Rahmen, die eine ganze Wand in Michaels kleinem Wohnzimmer bedeckten. Hoffentlich bittet er mich nicht, mit ihm auszugehen, hatte Toni damals gedacht – sie mochte ihn ja, aber eben nicht so. Zu ihrer großen Erleichterung war ihr eine entsprechende Frage erspart geblieben. Michael hatte offenbar wirklich nichts anderes im Sinn, als ihr voller Stolz seine Sammlung zu präsentieren. Ein Mamakind, hatte sie damals gedacht.
„Das ist ein guter Tipp“, sagte sie jetzt zu Monica. „Bleiben Sie dran, ja?“ Toni wandte sich an James Elliot. „Haben wir die Anschrift und die Telefonnummer seiner Mutter gespeichert?“
Elliot bewegte seine Maus und klickte etwas an. „Ja, sie ist als nächste Verwandte registriert.“ Er nahm den Telefonhörer ab.
Toni wandte sich wieder an Monica. „Hat Michael an jenem Nachmittag normal gewirkt?“
„Vollkommen.“
„Haben Sie das BSL-4 gemeinsam betreten?“
„Ja. Aber dann haben wir uns natürlich in getrennten Umkleidekabinen umgezogen.“
„Als Sie dann ins eigentliche Labor kamen – war er da schon dort?“
„Ich glaube, ja. Ja, er hatte sich schneller umgezogen als ich.“
„Haben Sie Seite an Seite gearbeitet?“
„Nein. Ich war in einem Nebenraum und habe mich mit Gewebekulturen beschäftigt. Michael hat sich um die Versuchstiere gekümmert.“
„Haben Sie das Labor gleichzeitig mit ihm verlassen?“
„Er ging ein paar Minuten vor mir raus.“
„So, wie es klingt, hätte er leicht an den Tresor gehen können, ohne dass Sie etwas davon bemerkt hätten.“
„Ohne weiteres, ja.“
„Was haben Sie für einen Eindruck von Michael?“
„Der ist in Ordnung ... harmlos, würde ich sagen.“
„Ja, das beschreibt ihn ganz gut. Wissen Sie, ob er eine Freundin hat?“
„So viel ich weiß, nein.“
„Finden Sie ihn attraktiv?“
„Hübscher Kerl, aber nicht sexy.“
Toni lächelte. „Genau! Gibt es sonst irgendwelche Merkwürdigkeiten oder Besonderheiten, die Ihnen an ihm aufgefallen wären?“
„Nein.“
Toni glaubte ein gewisses Zögern in Monicas Stimme zu hören und sagte nichts, um ihrer Gesprächspartnerin Zeit zum Nachdenken zu geben. Neben ihr telefonierte Elliot mit irgendjemandem und bat darum, mit Michael Ross oder seiner Mutter sprechen zu können.
Monica meldete sich wieder zu Wort. „Also, ich meine, bloß deshalb, weil jemand allein lebt, ist er ja noch nicht verrückt, oder?“
Neben Toni sagte Elliot: „Sehr seltsam, ja. Bitte entschuldigen Sie, dass ich Sie so spät in der Nacht noch belästigt habe.“
Die Gesprächsfetzen, die sie von nebenan mitbekam, erregten Tonis Neugier. Sie sagte: „Nochmals vielen Dank, Monica. Ich hoffe, Sie können wieder einschlafen.“
„Mein Mann ist Arzt“, erwiderte Monica. „Wir sind daran gewöhnt, mitten in der Nacht angerufen zu werden.“
Toni legte auf. „Michael Ross hatte genug Zeit, den Tresor zu öffnen“, sagte sie. „Außerdem lebt er allein.“ Sie sah Elliot an. „Haben Sie seine Mutter erreicht?“
„Es war ein Altenheim“, sagte Elliot und man sah ihm an, dass ihm der Schreck noch in den Knochen steckte. „Mrs. Ross ist im vergangenen Winter gestorben.“
„Au, verflucht“, sagte Toni.

(Seite 7 – 16) -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

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