Das kennen Sie doch auch? Sie sitzen im Zugabteil und fragen sich, wer ist die Person mir gegenüber? Und Sie beginnen, sich die Lebensgeschichte ihres temporären Begleiters auszumalen. Peter Bichsel, bekannter Schweizer Schriftsteller und überzeugter Eisenbahnnutzer macht das auch, er konstruiert es gar. Rainer Weiss hat in dem Büchlein neun Kurzgeschichten Bichsels zum Eisenbahnfahren zusammengestellt. Für den Schweizer ist die Eisenbahn nicht nur Fortbewegungsmittel. Wenn er während seiner Fahrten nicht arbeitet, errinnert er sich, vielleicht auf dem Weg von Zürich nach Olten, an seine Jugend und den Roten Pfeil oder phantasiert bei einer Fahrt durch sein geliebtes Norddeutschland über seine spanische Reisebegleitung. Dass seine Geschichten mitunter ins Grotesk-Komische umschlagen, belebt die kleinen und kleinsten Erzählungen nur. Bichsel erweist sich als aufmerksamer Beobachter und Kenner der Eisenbahnwelten. Persönlich lebt er „die Kunst des Eisenbahnfahrens", die eine Kunst des Wartens sei. Der eigentliche Zeitgewinn, behauptet Bichsel, sei nicht, dass man Zürich zu erreichen habe, sondern zu erwarten. Die Eisenbahn ist in Bichsels Welt eine Fluchtmöglichkeit - vor allem für die Phantasie.