Inhalt:
Henning Saalbach ist ein durchaus erfolgreicher Drehbuchautor mit einem vernünftigen Auskommen, einer intakten Familie und einem interessanten Freundeskreis. Eigentlich kann er mit sich und der Welt rund um zufrieden sein.
Von einer Sekunde zur anderen jedoch ist alles anders. Sein Leben ändert sich. Nachhaltig, dauerhaft, endgültig. Ein Einbrecher raubt ihm das, was ihm am Wichtigsten ist. Der Mann tötet seinen ... Jahre alten Sohn.
Zwar wird der Täter gefasst, doch Henning Saalbachs Leben ist zerstört. Unfähig zur Normalität zurückzufinden vegetiert er von nun an wie ein Seelenloser dahin. Seine Ehe scheitert, sein Haus verfällt, er selbst versucht erfolglos die ihn durchdringende Leere mit Alkohohl zu betäuben.
Nur eines hält ihn noch am Leben, nur ein Gedanke lässt ihn durchhalten: Rache!!
Und dann ist der Tag der Abrechnung gekommen. Der Mörder wird aus der Haftanstalt entlassen. Alles ist geplant, perfekt vorbereitet, akribisch durchdacht.
Doch irgendetwas läuft schief....
Kritik:
Raimon Weber ist wie kaum ein anderer Autor in der Lage menschliche Ausnahmeemotionen erschreckend nachvollziehbar transparent in Schriftform zu verbalisieren. Das Ergebnis ist immer ein faszinierendes, packendes, besonderes Leseerlebnis. Entsprechendes gilt auch für Webers Roman Eis bricht.
Akribisch recherchiert, perfekt dramaturgisch in Szene gesetzt erzählt er einen Krimi der besonderen Art. Es geht um Mord, Hass, Rache und die übelsten, tiefen Abgründe der menschlichen Seele. Authentisch vermittelt der Roman das Psychogramm eines Triebtäters und seines auf Rache sinnenden Konterparts. Er besticht dabei durch eine Handlungsführung, die das Genre Thriller voll und ganz bedient.
Gemein sind in diesem Zusammenhang die wirklich üblen Wendungen in der Geschichte, die die Sicherheit des Lesers in Bezug auf das vermutete zukünftige Geschehen immer wieder als überaus trügerisch entlarvt. Ich will nicht stöhnen, sind es doch gerade diese netten Überraschungen, die atemlose Spannung garantieren.
Die Geschichte schafft es durch die besondere Art der Erzählweise die Charaktere lebendig und deren Psyche verständlich nachvollziehbar, ja fast schon schmerzhaft nachfühlbar zu machen. Ihre Motivation, ihre Beweggründe, ihre Grundlage des Handelns werden durch die Art der Beschreibung des Geschehens in einer Art greifbar und lebendig, die normale Helden eines Romans im Vergleich dazu wie platte Abziehbilder ohne Tiefgang und Konturen aussehen lassen.
In der Tat kann man die seelischen Schmerzen des Henning Saalbach fast selbst spüren.
In der Tat kann man nachvollziehen, was den heruntergekommenen, zerstörten Mann bewegt und was ihn trotz allen Verfalls am Leben hält.
In der Tat kann man den Wunsch nach Rache des in allen Belangen der Selbstaufgabe anheim gefallenen Mannes nachfühlen.
Doch Vorsicht: Vielleicht entlarvt man sich bei dem Gedanken, wie befreiend es doch wäre, wenn Saalbachs Opfer nun endlich seiner gerechten Strafe zugeführt würde. Eventuell freundet man sich mit dem Gedanken an, dass Saalbach richtig und nur gerecht handelt. Möglicherweise entdeckt man in diesem Sinne eine Seite an sich, die man als vehementer Gegner aller Gewalttaten im Allgemeinen und von Selbstjustiz im Besonderen gar nicht entdecken möchte.
Chapeau, genau dann hat Weber erneut sein perfides Handwerk bewiesen.
Zum Glück offenbart sich eine elegante Lösung des Problemsam Ende der Story
Fazit:
Raimon Webers Roman ist ein Hammer und schreit geradezu nach einer Verfilmung. Ein perfekter Thriller, der in gekonnter Symbiose Krimi und Psychodrama miteinander verbindet. Das Besondere hierbei ist erneut die Tiefe des Plots und die Echtheit der Charaktere. Ein klares Qualitätsmerkmal, das dahinstümpernde, massenkompatible Fließbandbestseller produzierende Autoren nicht bedienen können.
Exzellent!
(c) Oliver Schulte