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Die in den Einzelheiten gesammelten Essays entstanden zwi¬schen 1957 und 1962. Sie stammen also alle aus den deutschen Wiederaufbau- und Wirtschaftswunder-Jahren, ja, sie bilden diese in einer luziden, analytischen, aber auch hinterhältig-vergnüglichen Weise ab. Der junge Enzensberger, damals in seinen späten Zwanzigern, nahm sich das Triviale wie das Hohe der gerade etablierten Bundesrepublik vor, er untersucht die Gruppe 47 genauso wie den Neckermann-Katalog, er analysiert die Schlagzeilen der Frankfurter Allgemeine Zeitung jener Jahre, nahm den Massentourismus oder den Taschenbuchmarkt unter die Lupe, die Käufer, die Programme, den Apparat. Und er zeigt schon damals die Qualitäten, die ihn seither als alle überragenden Könner der essayistischen Form in der deutschen Nachkriegsliteratur ausweisen: Er ist genau, er ist beweglich, er ist tänzelnd leicht. Er schreibt, wie Muhammad Ali boxte, als er noch Cassius Clay hieß. Beide feierten ihre frühen Siege etwa zur gleichen Zeit.
Als einer der Ersten überhaupt beugte sich Enzensberger über das, was er Bewußtseins-Industrie nannte, jenes komplexe Erzeugungssystem von Meinungen, intellektuellen Strategien, Propaganda und Diskursen, das den Marxschen Überbau mitkonstituierte, und von den Kulturkritikern um Adorno und Horkheimer als Verblendungszusammenhang oder falsches Bewußtsein kritisiert wurde. In seinen Erkundungen geht Enzensberger mäandernd vor. Er stürmt nicht sofort dem Feldherren-Sessel der Theorie zu, sondern er erkundet das Gelände. Er mischt sich unter die Leute, buchstäblich, er ist mittendrin.
Wenn er etwa den gerade massenhaft siegenden Taschenbuchmarkt beschreibt, steht er mit den Kunden am Drehregal, und die Bilder, die er erzeugt, sind in ihrer Eindrücklichkeit die eines Lyrikers. Harmlos, beinah leichtfertig, wie ein anmutiges Spielzeug steht der neue Baum der Erkenntnis vor den gläsernen Ladentüren Ein Fingerdruck versetzt es, wie ein kleines Karussell, in sanfte Rotation. Seine bunt lackierten Früchte gleiten einladend vorbei. Ein paar Absätze lang hängt diese Lust am Mobile über den Sätzen, und mit jedem Kreisen ergibt sich ein neuer Gedanke, eine neue Komplikation, eine neue Deutung, bis es schließlich Zeit wird für ein paar zusammenfassende Feststellungen. Zum Beispiel die: Auffällig ist an ihr (der Taschenbuchindustrie) zunächst, daß der Passant mit dem Bücherständer völlig allein ist. Das Blechgestell ist sein einziger Gesprächspartner. Der Buchhändler hat sich zurückgezogen. Das ist die Lage, heute erst recht. Das Buch ist Ware, es verlässt sich auf den flüchtigen Reiz seines Umschlags, es richtet sich an den zerstreuten Vorübereilenden. Das Buch kommt dem Laufkunden auf die Straße entgegen.
Immer geht es Enzensberger nicht nur um die Generalthese, sondern um das interessante Detail. Am Ende dieses Essays wissen wir, dass unter den ersten tausend Nummern von Reclams Universal-Bibliothek Schillers Wilhelm Tell mit einer Auflage von über einer Million Exemplaren an der Spitze steht, und wir haben uns nebenbei mit W. H. Smiths Londoner Bahnhofsbuchhandlung, Rowohlts Monografien, amerikanischen pocket books, mit Faulkner, Döblin und Buddha bekanntgemacht. In Partikeln der Trivialkultur, schon damals, entdeckte Enzensberger oft mehr Wahrheit als im Staatsakt. Später sollte er seine linke Gefolgschaft genau mit dieser Methode provozieren. Die Reinheit der Theorie war bei ihm immer getrübt durch die Erfahrung des Alltags, durch dessen Verführungen und Lügen und Annehmlichkeiten. Enzensberger war viel zu sehr Künstler, um je den Versuchungen zu erliegen, die von den Herrschaftsposen der Dogmatiker ausgingen.
Das heißt nicht, dass nicht auch Enzensberger zu Rigorismus in der Lage war. Im Gegenteil. Das berühmte Kernstück der Einzelheiten ist ohne Zweifel seine Untersuchung Die Sprache des Spiegel, in der er unserem Magazin die Leviten liest. Er ist sich der Virtuosität seiner Mittel bewusst. Er ist der Kritiker des Journalismus und er führt gleichzeitig überaus elegant vor, wie sich dessen Bestecke handhaben lassen: die Recherche, die Analyse, die Glosse. Die Aufbereitung des Materials und die überraschende Wendung. Kein Wunder, dass sich Rudolf Augstein, der SPIEGEL-Herausgeber, die Pointe nicht entgehen ließ, Enzensbergers zunächst als Radio-Dialog veröffentlichten Beitrag im SPIEGEL selber abzudrucken.
Kein Wunder auch, dass sich Enzensberger immer wieder gern überreden ließ, für eben den gescholtenen SPIEGEL als Kolumnist zu arbeiten. Bis in die jüngste Zeit hinein, etwa mit dem großartigen Essay über die Psychologie der radikalen Verlierer, der islamistischen Selbstmordattentäter, hat Enzensberger die großen Themen der Zeit immer wieder in Aufsätzen für den SPIEGEL behandelt.
Damals, Ende der fünfziger Jahre, ist er dafür als inkonsequent kritisiert worden. Er antwortete mit der ihm eigenen Geschmeidigkeit. Warum solle man seine Kritik nur in den der reinen ¬Linie verpflichteten Rand-Medien äußern, wenn man stattdessen das ganz große Megafon zur Verfügung gestellt bekommt? Die ¬Spiegel-Kritik als Essay im SPIEGEL Augstein hat diese Ironie sosehr genossen wie Enzensberger. Natürlich könne er für den SPIEGEL arbeiten, beschied Enzensberger seine Kritiker. Schließlich habe sich seine vernichtende Analyse der SPIEGEL-Sprache auf jene nicht namentlich gezeichneten Beiträge bezogen, die damals die Hauptsache des Heftes ausmachten an der Bedeutung des SPIEGEL selber habe er nie gezweifelt.
Tatsächlich war Enzensbergers Kritik sehr genau. Er beschrieb die eigens im SPIEGEL erfundene Sprache und ihre Funktionen. Es war eine oft sehr unterhaltsame, polemische, interessante Kunstsprache, die sich, wie Enzensberger feststellte, ihre Leser regelrecht erzog. Bis weit in die achtziger Jahre hinein war es nicht üblich für Redakteure, ihre Beiträge namentlich zu kennzeichnen. Ja, bisweilen bestand die Wucht von SPIEGEL-Auftritten gerade darin, dass sie von einem anonymen Kollektiv also dem gesamten SPIEGEL-Apparat ausgewiesen wurden.
Die Anonymisierung wurde zunächst im Kultur-Ressort aufgehoben, im Rezensionsbetrieb also, wo sich der einzelne Kritiker mit seinem Urteil zum neuen Walser-Roman, zum Enzensberger-Gedichtband, zum Boulez-Konzert herauswagen muss. Ende der neunziger Jahre, als der subjektive Reportage-Journalismus auch im SPIEGEL Fuß gefasst hatte, wurde die Anonymisierung auch in allen anderen Ressorts aufgehoben.
Nicht nur der SPIEGEL jedoch bekam sein Fett ab. Auch die FAZ musste sich den von ihr damals gepflegten Kommuniqué-Stil und die Erratik ihrer Schlagzeilengestaltung um die Ohren hauen lassen Enzensberger nahm sich neun aufeinanderfolgende Ausgaben vor und verglich sie mit der Weltpresse, und kam zu vernichtenden Urteilen. Enzensberger kam zu einem verblüffenden Befund: Rein stilistisch gab die Aufmachergestaltung keine großen Unterschiede her zwischen FAZ und totalitärer Propaganda im anderen Teil Deutschlands.
So ganz zu sich selbst kommt seine Sprache, wenn es um poetologische Fragen geht, um das Verhältnis von Politik und Lyrik, wenn er die Geschichte des Herrscherlobs untersucht und die ¬totalitären Schüler Platons mit den politisch unzurechnungs¬fähi¬gen Söhnen des deutschen Bürgertums vergleicht und keinen Zweifel daran lässt, dass seine Sympathie den Letzteren gehört, den nicht domestizierbaren, den nicht brauchbaren Trakl und Stadler und Mandelstam und Eliot.
Enzensbergers Essays lassen sich bis heute mit Gewinn lesen. Sie haben den Test der Zeit bestanden, nicht zuletzt, weil sie neben dem Interesse, das sie an ihren Gegenständen wecken, immer auch mit der Geschmeidigkeit ihres Stils beeindrucken mit einer Eleganz, die auch heutzutage ein seltener Glücksfall ist.
Nachwort von Matthias Matussek zu Einzelheiten I & II. SPIEGEL-Edition Band 24
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