Aus der Amazon.de-Redaktion
Es gibt doch immer wieder Bücher, die einem auf mehr oder minder gesichertes Wissen einen wirklich völlig neuen Blickwinkel und damit auch einen veränderten Zugang ermöglichen. Genauso erging es mir mit Peter Galison, der sich in seinem Buch
Einsteins Uhren, Pioncarés Karten mit der Entwicklung hin zur Relativitätstheorie beschäftigt. So überrascht es nicht, dass Albert Einstein zwangsläufig ein Hauptprotagonist einer solchen Betrachtung sein wird, dass aber auch Henri Poincaré sich dieser Thematik über einen gänzlich anderen Weg angenähert hat, dürfte zumindest in den hier zum Ausdruck kommenden Umständen sicher vielen Lesern neu sein.
Poincaré war als einer der brillantesten französischen Wissenschaftler unserer heute vermeintlich allgemein bekannten Relativitätstheorie vielleicht so nahe, dass ihm eventuell nur ein kleines Stück Konsequenz oder Radikalität gefehlt haben könnte, um den entscheidenden Schritt selbst zu tun. Im Verlaufe der Lektüre werden auch die historisch-politischen Umstände, in denen sich die beiden Wissenschaftler Einstein und Poincaré entwickelten, durch Peter Galison sehr ausführlich geschildert und erlauben dem konzentriert Lesenden rasch einen vielschichtigen und interessanten Einblick in die zweite Hälfte des 19. und das frühe 20. Jahrhundert.
Es wirkt dabei aus unserer Sicht fast grotesk, wie heutige Selbstverständlichkeiten zur damaligen Zeit fast unüberwindliche wissenschaftlich-technische Hindernisse darstellten und in welche Neuentwicklungen die entsprechenden Lösungsansätze dann letztendlich führten. So mündete schließlich die Frage nach der Gleichzeitigkeit zweier Ereignisse und der Wunsch nach möglichst genauen Landkarten in einer völlig neuen Physik. Zusätzlich erhält der Leser einen umfassenden Einblick in Philosophie nebst Zeitgeschichte und erfährt zu den Personen biografisch Interessantes, wie z. B. Details aus den Anfängen Einsteins oder Ausführungen zur geometrisch-visuellen Herangehensweise Poincarés an mathematische oder physikalische Problemstellungen.
Insgesamt ist das hochinteressante Buch von Peter Galison sicher in Teilen keine leichte Lektüre, wird aber jedem wirklich interessierten Leser großes Lesevergnügen bereiten und darf nach meiner Ansicht als hochgradig horizonterweiternd angesehen werden -- für mich eine klare Kaufempfehlung. --Dr. Frank Zehren
Spektrum der Wissenschaft
Wenn Albert Einstein sein Wohnhaus in der Berner Kramgasse verließ und sich auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz, dem Patentamt, nach links wandte, fiel sein Blick auf einen jener berühmten Uhrtürme, die an 26 Plätzen mit Schweizer Präzision exakt dieselbe Zeit anzeigten. Der 26-Jährige hatte eine Idee: Die Zeit ist nicht absolut, wie Newton behauptet hatte. Sie ist relativ in dem Sinne, dass Gleichzeitigkeit immer nur über den Austausch von Signalen festgelegt werden kann. Damit war die Relativitätstheorie geboren, oder doch zumindest eine ihrer zentralen Ideen. Einstein kam zugute, dass Bern ein Zentrum der Uhrensynchronisation war.
Nein, so einfach war es natürlich nicht. Peter Galison, allseits bekannter Wissenschaftshistoriker an der Harvard-Universität, erhebt auch keineswegs den Anspruch, eine psychologische Erklärung der Leistung Einsteins vorzulegen. Vielmehr will er am Beispiel von Einstein und Poincaré zeigen, wie ganz unterschiedliche Einflüsse auch und gerade diejenigen der Praxis bei der Entstehung einer umwälzenden Theorie zusammenspielten. Dabei gibt es keinen geraden Weg von der Praxis zur Theorie ("fortschreitende Sub-limierung") oder umgekehrt ("Niederschlag"). Vielmehr sieht der Autor "Opaleszenz": ein dynamisches, instabiles Gleichgewicht zwischen Theorie und Praxis. Dieser interessante Ansatz wird den Wissenschaftstheoretikern und -historikern einigen Diskussionsstoff liefern.
Galison wendet sich jedoch keineswegs nur an die Experten. Sein Buch ist lebendig und interessant geschrieben, kommt fast ohne Vorkenntnisse aus und vermittelt eine Fülle allgemein interessanter, spannender Informationen.
Der größere Teil des Buchs beschäftigt sich mit Henri Poincaré (1854 1912). Im Unterschied zu Einstein verlief seine Karriere geradlinig und ganz im Sinne französischer Elitebildung: Primus im Gymnasium in allen Fächern mit Ausnahme von Sport und Zeichnen, desgleichen in der hyperelitären École polytechnique, Besuch der hoch angesehenen École des mines mit Abschluss als Bergwerksingenieur, ein halbes Jahr in diesem Beruf tätig, dann endlich Mathematiker an der Universität Caen, wenig später in Paris, Mitglied der Académie des sciences und der Académie française, einer der produktivsten Mathematiker aller Zeiten. Soweit die allgemein bekannten Fakten.
Galison macht uns aber auf die weniger bekannten Aspekte seines Lebens aufmerksam: Als Ingenieur scheut Poincaré weder Mühe noch Arbeit, um ein Bergwerksunglück aufzuklären, als Mitglied des Pariser "Bureau des longitudes" muss er sich um die weltweite Koordinierung der Zeit Gedanken machen und ist in die Auseinandersetzungen über die Lage des Nullmeridians ebenso involviert wie in diejenigen um die Dezimalisierung der Zeit; als theoretischer Physiker hätte er beinahe den Nobelpreis bekommen; seine populärwissenschaftlichen und wissenschaftstheoretischen Bücher wurden zu Bestsellern. Das geläufige Bild von Poincaré als Musterbeispiel des weltabgewandten Theoretikers wird von Galison schlagend widerlegt.
Eine Auseinandersetzung mit dem Konzept der "lokalen Zeit" von Hendrik Antoon Lorentz gipfelte 1906 in dem Aufsatz "Sur la dynamique de lélectron", in der Poincaré der Relativitätstheorie in vielen Punkten unabhängig von Einstein sehr nahe kam. Anhänger dieser Theorie kamen in Zeiten des Nationalsozialismus auf die Idee, Poincaré als Beleg für den "arischen" Ursprung der Relativitätstheorie ins Feld zu führen, was den Diskussionen um dieses Thema bis heute einen unguten Beigeschmack gibt.
Einsteins Tätigkeit als Experte II. Klasse im Berner Patentamt gilt allgemein als stumpfsinniger Broterwerb; aber auch dieses einseitige Bild wird von Peter Galison überzeugend zurechtgerückt. Er weist nach, wie fruchtbar für den "Bastler" Einstein die Arbeit in Bern war unter anderem, weil er sich hier intensiv mit allen Fragen der Chronometrie beschäftigen musste: Theorie im Dienste der Praxis. Wir erfahren manches auch über den jungen Rebellen Einstein, die Diskussionen mit seinen Freunden in der von ihm selbst gegründeten Akademie "Olympia" und ihre Auseinandersetzung mit erkenntnistheoretischen Klassikern wie Mach, Pearson und eben auch Poincaré.
Im Vergleich der beiden Helden erscheint Einstein als der vorbehaltlose Erneuerer, der die Prinzipien der Physik ähnlich penibel prüft wie den Patentantrag für ein neues System der Uhrenkoordination. Poincaré dagegen ist ein Bewahrer, tief geprägt vom Geiste der Aufklärung verkörpert in der Dritten Republik mit ihrem Glauben an den Sinn vernünftiger Übereinkünfte (paradigmatisch realisiert durch die Meter- und die Längengradkonvention) und vom Geist der Polytechnique.
Galisons Buch ist ein bemerkenswerter Versuch, die traditionell säuberlich getrennten Ebenen des Biografischen, des Sozial- und des Ideengeschichtlichen durch eine integrale Darstellung zu überwinden, und das an einem der faszinierendsten Themen aus der Geschichte der exakten Wissenschaften.
-- Dr. Klaus Volkert