Perlentaucher.de
Pressenotiz zu : Süddeutsche Zeitung, 22.03.2000
Eine "wunderbare" Liebesgeschichte von John Berger sei das, schreibt Monika Schattenhofer, aber sie stammt schon von 1988. Sie spiele in Savoyen, wo Berger lebt, sei tragisch und "hoffnungsvoll altmodisch" und setze sich unter anderem mit Umweltproblemen auseinander. Ihren Reiz bezieht die wieder veröffentlichte Fassung für Schattenhofer aus den Fotos von Patricia Macdonald, die ganz und gar auf jede illustrative Ambition verzichten und oft kaum wieder erkennbare Flächen und Gegenstände zeigten: "Sie schwelgen in Farben, sind jedoch entschlossen indirekt."
© Perlentaucher Medien GmbH
Eine "wunderbare" Liebesgeschichte von John Berger sei das, schreibt Monika Schattenhofer, aber sie stammt schon von 1988. Sie spiele in Savoyen, wo Berger lebt, sei tragisch und "hoffnungsvoll altmodisch" und setze sich unter anderem mit Umweltproblemen auseinander. Ihren Reiz bezieht die wieder veröffentlichte Fassung für Schattenhofer aus den Fotos von Patricia Macdonald, die ganz und gar auf jede illustrative Ambition verzichten und oft kaum wieder erkennbare Flächen und Gegenstände zeigten: "Sie schwelgen in Farben, sind jedoch entschlossen indirekt."
© Perlentaucher Medien GmbH
Pressestimmen
"Der britische Autor verfügt über einen Erzählton, der schlicht und einfach als Seelenklang zu bezeichnen ist, mit Schwingungen, die in der Gegenwartsliteratur einzigartig sind." Werner Krause, Kleine Zeitung, 18.03.00 "Eine von Bergers wunderbaren Liebesgeschichten, die Menschen beschreiben und die ganze Welt meinen." Monika Schattenhofer, Süddeutsche Zeitung, 22.03.00 "Die Menschen, auf deren Schmerz und Schicksal es einzig ankommt, werden nicht irgendwie beschrieben oder dargestellt, sondern erfasst, so wie sie täglich vom Unglück getroffen werden, wie sie der gewöhnlichen Ungeheuerlichkeit ausgesetzt sind. Das gelingt John Berger mit schlichten Stilmitteln, mit kurzen und deutlichen Sätzen." Georges-Arthur Goldschmidt, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.04.2000
Kurzbeschreibung
Odile Blanc, Tochter eines Bauern in einem kleinen Dorf in Savoyen, blickt zurück auf ihr Leben, während sie mit ihrem Sohn Christian, dem Drachenflieger, hoch über der Landschaft ihrer Jugend schwebt. Die Fotografin Patricia MacDonald ist ebenfalls über die Landschaft geflogen, in der John Bergers Geschichte spielt. Ihre außergewöhnlichen Luftaufnahmen stehen in wunderbarem Gleichklang mit dem Text, der vom Verschwinden des bäuerlichen Lebens erzählt, und von der Liebe.
Über den Autor
John Berger wurde 1926 in London geboren. Er absolvierte ein Kunststudium und war dann Zeichenlehrer und Maler mit mehreren erfolgreichen Ausstellungen. In den fünfziger Jahren beteiligte er sich an der internationalen Kampagne "Artists for Peace". Seine Kunstkritiken erschienen in zahlreichen Zeitschriften. Außerdem arbeitete er für das Fernsehen und schrieb Drehbücher. 1989 erhielt Berger den Österreichischen Staatspreis für Publizistik. Heute lebt er in einem Bergdorf der Haute Savoie, weil er sich hier "näher an der wirklichen Welt" fühlt. Für sein Werk erhielt John Berger 1991 den Petrarca-Preis.
Auszug aus Einst in Europa. von John Berger. Copyright © 2000. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Der Winter ging nur langsam vorbei. Eines Samstags gingen wir im Schnee spazieren. Er trug blaue Wollhandschuhe. Und während wir gingen, den Arm um meinen Hals und eine seiner riesigen blauen Hände auf meiner Schulter, erzählte er mir eine Geschichte. Es waren einmal zwei Bären, die schliefen unter einem Felsen. Ihr Fell war ganz weiß vom Rauhreif. Der kleinere der beiden öffnete die Augen. Mischka! brummte sie. Mouchenka! brummte der andere. Wir können sprechen! Sag etwas. Sag ein Wort. Honig, brummte er. Schnee, sagte sie. Frühling, sagte er. Tod, sagte sie. Warum Tod? fragte Mischka. Sowie wir sprechen können, wissen wir vom Tod. Gott! sagte Mischka und stieß seine Schnauze in ihren Nacken. Warum hat Gott so wenig Macht, fragte Mouchenka und legte eine Pfote auf seinen Rücken. Woher soll ich das wissen? Alles, was existiert, verbirgt ihn, sagte sie. Er ist in seiner Höhle, sagte er. Er könnte herauskommen, oder etwa nicht? klagte Mouchenka. Mouchenka steckte den Kopf unter dem schützenden Felsen hervor, und der Schnee fiel auf ihre große schwarze Schnauze. Mischka, warum hat er so wenig Macht? Weil er die Welt erschaffen hat, brummte der Bär. Er hat also dabei seine ganze Macht verausgabt, und seitdem ist er erschöpft! Sie pustete sich den Schnee vom Maul. Nein, sagte Mischka. Was soll das heißen, nein? Er hätte alles anders erschaffen können, so daß alles genau das getan hätte, was er will. Und das wäre besser gewesen? Ja. Eine lange Zeit sagten die beiden Bären nichts. Schließlich sagte die Bärin Wenn alles genau das tun würde, was er will, würde ihn niemand erkennen! Verstehst du? Es gäbe keine Notwendigkeit, ihn zu erkennen. Es gäbe nur ihn! Mouchenka! Du warst einfacher, als du noch nicht sprechen konntest. Aber wie es nun einmal ist, fuhr sie fort, hofft er die ganze Zeit, daß er erkannt wird. Und schickt dauernd Mahnboten. Sieh, wie der Schnee fällt, Mischka, er fällt auf jede Tannennadel.