Der Autor bzw. sein Buch
Fette Welt wurde mir von meinem Deutschlehrer ganz beiläufig empfohlen. Da mir die Geschichte um Hagen Trinker aber vom Thema her nicht zugesagt hatte, habe ich mich nach anderen Romanen Helmut Kraussers umgeschaut und - siehe da - prompt traf ich auf "Einsamkeit und Sex und Mitleid", welches mich schon durch die Verballhornung der einschlägigen Passage der Nationalhymne ansprach.
Eine lange Zugfahrt stand bei mir an, so dass ich nicht lange überlegen musste und dieses knapp 230-seitige Werk schnell gekauft habe.
Den Inhalt in Kürze zusammenzufassen, fällt ungemein schwer: Sind es doch zu viele Menschen und unterschiedliche Persönlichkeiten, die in dem Roman eine tragende Rolle spielen. Sei es der Callboy Vincent, der am Weihnachtsabend von einer Einbrecherin in seiner leeren Wohnung überrascht wird - und die sich anschließend anfreunden oder Herr Dr. Stern, der mit seiner Mitarbeiterin Carla eine Affäre eingeht, von der seine Ehefrau Sarah weiß und diese auch duldet. Oder die sechzehnjährige Swentja, die mit Johnny, einem Jungen, der von seinen Eltern nach Sektenstandards erzogen wurde, zusammen ist, diesen aber nach einer Beziehung, "die nun fast sieben Wochen dauerte" und dadurch der Meinung war "im Leben bereits zu viel verpasst zu haben", sitzen lässt und sich lieber Mahmud - einem Fremden - zuwendet, der ihr per SMS ein für sie verlockenedes Angebot macht. Außerdem wird noch ein kleines Mädchen entführt, Menschen werden verprügelt, bepöbelt und angeschossen...
Zu den genannten acht Personen gesellen sich aber noch mindestens 15-20 weitere, die alle ihr eigenes Päckchen zu tragen haben.
Das Tolle an diesem neuesten Roman von Helmut Krausser ist, dass der Leser sofort in die Handlung hineinfindet. Sukzessive werden die Protagonisten vorgestellt und in Verbindung mit anderen schon kennengelernten Figuren gebracht. Und hier ist auch ein großer literarischer Hut vor Herrn Krausser zu ziehen, denn wie er es schafft, sämtliche Personen in einen Zusammenhang mit anderen zu bringen, ist wirklich beachtlich. Keines dieser "Treffen" oder dieser "Zusammenstöße" wirkt konstruiert oder gekünstelt.
Die teils lakonische und ironische Schreibweise, die die Situationen und Handlungsverläufe wunderbar beschreibt, ist zu keinem Zeitpunkt falsch gewählt. Zu jeder Person kreiert Krausser andere innere Monologe und Gedankengänge.
An vielen Stellen des Romans habe ich laut aufgelacht, so dass ich im Zug von vielen schief angeguckt wurde.
Eine der ersten Szenen des Buches, in der Dr. Stern einen kleinen Jungen beschuldigt seinen Turnschuh geklaut zu haben, ist, meiner Meinung nach, absolut herausragend, meisterlich und urkomisch.
Natürlich spielt der Sex in jeder, der vielen Geschichte eine tragende Rolle. Ob bei den zwei einsamen Menschen, die sich per Online-Dating kennenlernen und treffen oder innerhalb einer obdachlosen Punker-Gruppe: zu jeder Zeit ist die Ware Sex ein Thema.
Und da ist auch schon der Knackpunkt: Nie wirken die Szenen, die Krausser beschreibt, reißerisch oder gar überbordend, eher wirkt die fehlende Erotik, die eigentlich ein Teil dessen sein sollte, mitleiderregend. Eigentlich sind alle Protagonisten einsame Menschen, die der Meinung sind, sich durch Sex aus dieser Lage herausretten zu können. Und ob und wie sie es versuchen, beschreibt Helmut Krausser in tollen sprachlichen Bildern und Szenen.
Ich bin froh, diesen Roman spontan gekauft zu haben, denn er hat meinen literarischen Fundus um einiges bereichert. Das nächste Buch von Krausser, welches ich lesen werde, wird die
Schmerznovelle sein. Ich bin sehr gespannt, ob meine Erwartungen erfüllt werden.