Es hätte so ein schöner Tag werden können. Zwar hat Sternenfeuer, Lautloser Wolfs Waffenmeister, den jungen Kai-Lord zur Strafe noch eine Waffenübung aufgedrückt, aber angesichts des großartigen Festes das ihn erwartet hätte, wäre das gar nicht ins Gewicht gefallen, wenn ihm die Alarmglocken der ehrwürdigen Abtei der Kai und die drohenden Schatten am Himmel nicht dazwischen gekommen wären. Es sei soviel schon gesagt, dass aus dem Lautlosen der Einsame Wolf werden wird und der Angriff auf seine Heimat nur der Anfang seiner langen Flucht aus dem Dunkel darstellt.
"Flucht aus dem Dunkel" ist eine überarbeitete Neuauflage der beliebten Fantasy-Spielebücherreihe um den namensgebenden Einsamen Wolf, den letzten der großen Kai-Lords, eine Art verwestlichte Form asiatischer Waffenmeister und Überlebenskünstler, dessen Abenteuer sich im englischen bisher auf 28 Bände erstrecken und die vom Autor Joe Dever noch um ein vierbändiges Finale ergänzt werden soll. Im deutschen Sprachraum wurden nur 12 Bände verlegt, obwohl sie sich scheinbar auch hier größter Beliebtheit erfreuten, was die Neuauflage umso erfreulicher macht. Und diese kann sich durchaus sehen lassen. Das Abenteuer selbst ist vierhundert Seiten dick, was auch daran liegt dass Joe Dever das Buch noch um 200 weitere Abschnitte bereichert hat, wodurch der Band nun 550 Abschnitte umfasst. Neu sind hierbei auch der im Beginn meiner Rezension angeschriebene Anfang, der den Spieler den Niedergang der Kai-Abtei direkt miterleben lässt und auch einen guten Start in die düstere, aber auch heroische Welt Magnamund ermöglicht und es vor allem Neueinsteiger erleichtern dürfte, sich mit seiner Hauptfigur zu identifizieren.
Aber wie spielt man dieses Buch überhaupt?
Das zu Grunde liegende Prinzip ist simpel aber genial: Das Buch ist in mehrere kleinere Abschnitte (in diesem Fall von 1 bis 550) eingeteilt, die jeweils mehr oder weniger ausführlich beschrieben werden. Als Spieler/Leser liest man diese und wird am Ende jeden Abschnitts damit konfrontiert eine Entscheidung zu fällen, um die Fortsetzung der Geschichte (in einem vorgegebenen Rahmen selbstverständlich) zu beeinflussen.
Wenn man sich also gerade in Abschnitt 27 befindet, liest man dass man in einem Raum steht in dem sich eine Truhe befindet. Jetzt steht es dem Spieler offen, die Truhe zu öffnen (wozu er zu Abschnitt 234 blättern muss), sie zu untersuchen (dass wäre dann Seite 17) oder den Raum zu verlassen (Seite 65). Eine vierte Möglichkeit wäre es beispielsweise, eine Kai-Fertigkeit anzuwenden um die Truhe auf Fallen zu untersuchen.
Von diesen gibt es 10, alle mit verschiedenen Funktionen versehen, allerdings kann man sich im ersten Buch nur 5 davon aussuchen, erhält aber für jedes bestandene Buch eine zusätzlich dazu. Sie erleichtern den Spielverlauf an vielen Stellen ungemein, aber beim ersten Mal ist es wohl eher eine reine Bauchentscheidung welche man nimmt und welche nicht und ihre tatsächliche Nützlichkeit stellt sich erst im Verlauf des Abenteuers heraus.
Der letzte, aber nicht unwichtige, Aspekt des Spielbuches ist der Kampf, von denen es in "Flucht aus dem Dunkel" nicht gerade wenige gibt. Hierbei werden die zu Beginn ausgewürfelten Werte des Spielers (das Buch geht auf den ersten Seiten sehr informativ darauf ein) mit denen des Gegners verglichen und das anschließende Ergebnis (man zieht die Kampfkraft des Helden minus der des Kontrahenten ab) wird in einer Tabelle betrachtet und vermerkt. Danach würfelt man die Kampfergebnisse für jeden Kampf (oder tippt diese mit einer Zufallstabelle am Ende des Buches) aus und zieht beiden Seiten ihre Ausdauerpunkte (die man zu Beginn auch ausgewürfelt hat) ab. Wer zuerst 0 hat, stirbt. Einfach, aber auch tödlich da weniger kampfstarke Spieler schnell sterben werden, wenn ihnen weder großes Würfel- noch Tippglück beschienen ist. Sterben ist im Allgemeinen ein gutes Stichwort, denn auch ohne Pech im Kampf bietet das Buch unzählige Möglichkeiten dem Spieler das Leben zur Hölle zu machen, sei es dass man die falsche Entscheidung zu Beginn eines Abschnitts getroffen hat oder weil einem ein wichtiger Gegenstand abhanden gekommen ist oder sich schlichtweg nicht im Besitz von Einsamer Wolf befindet. Ergo sollte man also auch eine große Frustresistenz mitbringen, wenn man vielleicht viermal innerhalb einer Stunde verstirbt( ein Erlebnis, das ich mit dem zweiten Band der Reihe hatte) und sich darauf einstellen sich durchbeißen zu müssen. Es lohnt sich auf jeden Fall.
Denn mag der Schreibstil etwas einfach sein und die Handlung an manchen Stellen etwas naiv wirken, es ist nichts im Vergleich zur unvergleichlichen Atmosphäre auf jeder einzelnen Seite (bei guter Papierqualität und nahezu perfekten Lektorat) und dem großartigen Gefühl wenn man sich ersteinmal in das Buch eingelesen hat.
Denn man selbst IST Einsamer Wolf, der große Held, die letzte Hoffnung des Guten im Lande Sommerlund und man wird nicht eher ruhen bis die Welt wieder friedlicher geworden ist und man seine Ordensbrüder gerächt hat. Man ist ein Held in Reinform und jeder von uns weiß wohl am besten, wie sein eigener Einsamer Wolf, denkt und fühlt und warum er das alles tut. Und das macht die Spielbücher einzigartig und lässt einen mit Ungeduld auf den nächsten Band, dieser hoffentlich großartig weitergehenden Reihe, warten.