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Eins, zwei, drei und du bist frei: Roman [Taschenbuch]

Janet Evanovich , Thomas Stegers
4.2 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (29 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

Seit sie ihren Job in der Unterwäscheabteilung eines Kaufhauses verloren hat, ist Stephanie Plum, die unerschrockene Lady mit der 38er in der Handtasche, als Kopfgeldjägerin in den Straßen von Trenton, New Jersey, unterwegs. Diesmal sucht sie nach Onkel Mo, dem Eisverkäufer, der zu den beliebtesten Bürgern der Stadt zählt. Obwohl ihm eigentlich nur eine Geldstrafe wegen unerlaubten Waffenbesitzes gedroht hätte, ist Onkel Mo seiner Verhandlung aus unerfindlichen Gründen ferngeblieben. Stephanie ist überzeugt, dass er den Termin schlichtweg vergessen hat - bis ein paar unerfreuliche Unfälle mit tödlichem Ausgang sie eines Besseren belehren...

Klappentext

"Stephanie Plum macht einfach süchtig: Kaum hat man das neueste Abenteuer verschlungen, schon wartet man ungeduldig auf das nächste Buch."
Bücherschau

"Diese Serie ist das Beste, was es im Moment gibt!"
Booklist

"Je mehr Stephanie-Plum-Romane man liest, desto schneller möchte man mit dem nächsten Buch aus dieser Serie anfangen."
Harriet Klausner -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Umschlagtext

Stephanie Plum, die unerschrockene Kopfgeldjägerin mit dem sonnigen Gemüt, ist mal wieder einem Kautionsflüchtling auf den Fersen. Allerdings kann sie sich nicht recht vorstellen, warum der von allen geliebte Eisverkäufer Mo Bedemier seiner Verhandlung unentschuldigt fernblieb. Erst als sie bei ihrer Suche nach ihm niedergeschlagen wird und neben einem toten Gangster erwacht, schwant ihr Übles. Daß Onkel Mo offenbar in zwielichtige Geschäfte verwickelt war, bleibt auch der Polizei nicht verborgen. Und so mischt sich Joe Morelli, der Polizist mit dem unwiderstehlichen Lächeln, ebenfalls wieder in die Geschichte ein. Obendrein sind noch Grandma Mazur sowie ein paar weitere schräge Vögel mit von der Partie, und gemeinsam versuchen sie nun, Mo vor einem bösen Schicksal zu bewahren... Einmal ist keinmal wurde von Publishers Weekly zum Buch des Jahres gekürt.

Über den Autor

Janet Evanovich, die mit jedem ihrer Romane in den USA einen Nummer-1-Bestseller landet, stammt aus South River, New Jersey, und lebt heute in New Hampshire. Die Autorin wurde von der Crime Writers Association mit dem "Last Laugh Award" und dem "Silver Dagger" ausgezeichnet und erhielt bereits zweimal den Krimipreis des Verbands der unabhängigen Buchhändler in den USA.

Auszug aus Eins, zwei, drei und du bist frei. von Janet Evanovich. Copyright © 2001. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Trenton im Januar. Der Himmel war bleigrau, und eisige Kälte hing schwer über Autos und Gehsteigen. Im Büro von Vincent Plum, Kautionsdetektiv, herrschte ein nicht minder frostiges Klima, aber ich schwitzte, nicht weil mir heiß war, sondern vor Aufregung.
»Das kann ich unmöglich machen«, sagte ich zu meinem Vetter. »Ich habe noch nie einen Auftrag abgelehnt, aber den Kerl kann ich unmöglich verhaften. Überlaß Ranger den Kram, oder Barnes.«
»So eine Lappalie kann ich Ranger nicht zumuten«, sagte Vinnie. »Das ist dein Ressort. Meine Güte, jetzt benimm dich endlich mal wie ein Profi. Du bist Kopfgeldjägerin, und das seit geschlagenen fünf Monaten. Was ist denn schon dabei?«
»Es handelt sich um Onkel Mo!« erwiderte ich. »Ich kann Onkel Mo nicht festnehmen. Das würde mir ganz Trenton übelnehmen. Meine Mutter würde mir das übelnehmen. Meine besten Freunde würden mir das übelnehmen.«
Vinnie ließ seinen schlanken, geschmeidigen Körper in den Sessel hinter seinem Schreibtisch fallen und legte den Kopf an die gepolsterte Rückenlehne.
»Mo hat die Kautionsvereinbarung gebrochen und ist nicht vor Gericht erschienen. Er ist flüchtig, der alte Schleimer. Alles andere interessiert mich nicht.«
Ich verdrehte die Augen so weit nach oben in meinem Schädel, daß mir fast schwindelig wurde.
Moses Bedemier, allen bekannt als Onkel Mo, verkauft seit dem 5. Juni 1958 Eiscreme und Süßwaren an Kinder und hat sein Lebtag nichts anderes gemacht. Sein Laden befindet sich am Rand von Burg, einem gemütlichen Eckchen von Trenton, wo engstirnige Menschen auf engstem Raum zusammenleben und noch stolz darauf sind, im allgemeinen aber das Herz auf dem rechten Fleck haben. Ich bin in Burg geboren und aufgewachsen. Meine jetzige Wohnung liegt zwar über einen Kilometer außerhalb, aber ich bin immer noch durch eine unsichtbare Nabelschnur mit Burg verbunden. Ich schlage mich seit Jahren damit herum, aber es ist mir bisher noch nicht gelungen, mich abzunabeln.
Moses Bedemier ist waschechter Burgianer. Er und der Linoleumfußboden in seinem Laden sind in die Jahre gekommen, so daß sie äußerlich etwas angeschlagen wirken und die ursprüngliche Farbe nach über dreißigjähriger Neonbeleuchtung verblaßt ist. Die gelbe Backsteinfassade und das Ladenschild aus Eisenblech über der Tür sind veraltet und verwittert. Das Chrom und Resopal der Stühle und der Ladentheke haben ihren Glanz verloren. Aber das ist alles überhaupt nicht von Bedeutung, denn Onkel Mo ist so etwas wie Burger Urgestein.
Und ich, Stephanie Plum, 60 Kilo Lebendgewicht, eins siebzig groß, braune Haare, blaue Augen, ansonsten Kopfgeldjägerin, hatte soeben den Auftrag erteilt bekommen, den Heiligen Mo im Knast abzuliefern.
»Was hat er denn angestellt?« fragte ich Vinnie. »Wieso hat man ihn überhaupt verhaftet?«
»Er hat sich mit sechzig Stundenkilometern erwischen lassen, bei erlaubten vierzig, von Officer Picky, auch bekannt unter dem Namen Officer Benny Gaspick, frisch von der Polizeischule und noch grün hinter den Ohren. Er hätte nur Mos Mitgliedsausweis vom Polizeiförderverein einzuziehen brauchen und Mo laufen lassen sollen, und die Sache wäre erledigt gewesen.«
»Bei einem Verkehrsdelikt ist keine Kaution erforderlich.«
Vinnie pflanzte einen lackledernen Schnabelschuh auf die Schreibtischkante. Vinnie war sexuell ziemlich gestört, besonders dunkelhäutige junge Männer mit Brustwarzenringen und spitzbrüstige Frauen mit Foltergeräten aus dem 14. Jahrhundert hatten es ihm angetan. Vinnie war Kautionsbürge, was bedeutete, daß er Leuten das Geld für die gerichtlich festgesetzte Kaution lieh. Die Kaution hatte den Zweck, es dem Beschuldigten in finanzieller Hinsicht schwerzumachen, sich einfach abzusetzen. Sobald die Kaution hinterlegt war, wurde der festgehaltene Beschuldigte auf freien Fuß gesetzt, er konnte zu Hause im eigenen Bett schlafen und in Ruhe den Prozeß abwarten. Der Preis für Vinnies Service betrug fünfzehn Prozent der Kautionssumme und wurde nicht rückerstattet, egal wie der Prozeß ausging. Wenn der Kautionsnehmer nicht zum Prozeßtermin erschien, behielt das Gericht Vinnies Geld ein. Es behielt nicht nur die fünfzehn Prozent, es behielt den ganzen Jackpot, Kaution inklusive Prämie. Darüber konnte sich Vinnie jedesmal von neuem aufregen.
Hier kam ich ins Spiel. Ich spürte den Kautionsnehmer auf, der jetzt offiziell als Verbrecher galt, und führte ihn wieder der Justiz zu. Wenn ich den »Nicht vor Gericht Erschienenen«, kurz NVGler, innerhalb einer bestimmten Frist fand, erstattete das Gericht Vinnie das Geld. Ich strich für die Ergreifung des Geflüchteten zehn Prozent der Kautionssumme ein, und Vinnie blieben die restlichen fünf Prozent Gewinn.
Ursprünglich hatte ich den Job aus reiner Verzweiflung angenommen, nachdem mir nämlich - unverschuldet - meine Stelle als Dessouseinkäuferin bei E. E. Martin gekündigt worden war. Die Alternative zur Arbeitslosigkeit wäre ein Job als Einrichterin der Verpackungsmaschine in der Tamponfabrik gewesen. Eine verantwortungsvolle Tätigkeit, aber auch nicht gerade die reinste Wonne.
Ich wußte selbst nicht genau, warum ich für Vinnie arbeitete. Wahrscheinlich hatte es etwas mit der Berufsbezeichnung zu tun. Kopfgeldjägerin. Das verlieh einem ein gewisses Ansehen. Jedenfalls brauchte man keine Strumpfhosen zu tragen. Das kam mir entgegen.
Vinnie grinste dreckig. Er hatte seinen Spaß an der Geschichte. »In seinem maßlosen Drang, den Orden für den unbeliebtesten Bullen des Jahres verliehen zu bekommen, hält Gaspick dem armen Mo eine Strafpredigt über Sicherheit im Straßenverkehr. Währenddessen rutscht Mo immer tiefer in den Fahrersitz, und Gaspick sieht plötzlich eine Fünfundvierziger in Mos Jackentasche stecken.«
»Und kriegt Mo wegen verdeckten Mitführens einer Waffe dran«, sagte ich.
»Erraten.«
Verdecktes Mitführen einer Waffe war in Trenton nicht gerne gesehen. Mit Waffenscheinen ging man sparsam um, sie wurden höchstens an Juweliere, Richter und an Geldboten ausgegeben. Verdecktes Mitführen einer Waffe galt, wenn man sich erwischen ließ, als unerlaubter Waffenbesitz und damit als Straftat. Die Waffe wurde beschlagnahmt, eine Kaution wurde festgesetzt, und der Waffenhalter war der Angeschissene.
Natürlich hielt das einen beträchtlichen Teil der Einwohnerschaft von Jersey nicht davon ab, heimlich Waffen zu tragen. Waffen kaufte man in Bubba's Gun Shop, erbte sie von Verwandten, reichte sie unter Nachbarn und Freunden weiter und erwarb sie aus zweiter, dritter und vierter Hand von Zivilisten, die es mit den Feinheiten des Waffengesetzes nicht so genau nahmen. Die Gesetze der Logik besagten: Wenn der Staat mir erlaubt, eine Waffe zu besitzen, dann darf ich sie auch bei mir tragen und in die Tasche stecken. Wozu besorgt man sich sonst eine Waffe, wenn man das Ding nicht auch tragen darf? Und wenn es verboten ist, eine Waffe in die Tasche zu stecken, dann ist das Gesetz blöd. Und blöde Gesetze brauchen wir uns in Jersey nicht gefallen zu lassen.
Von mir war sogar allgemein bekannt, daß ich gelegentlich heimlich eine Waffe mit mir führte. Und noch während wir uns unterhielten, sah ich Vinnies Enkelholster den Aufschlag seiner Kunstfaserhose ausbeulen. Das war nicht nur verdecktes Mitführen einer Waffe, ich wäre auch jede Wette eingegangen, daß die Waffe nicht registriert war.
»Das ist doch kein Schwerverbrechen«, sagte ich zu Vinnie. »Noch lange kein Grund, nicht vor Gericht zu erscheinen.«
»Wahrscheinlich hat Mo seinen Gerichtstermin einfach vergessen«, sagte Vinnie. »Und du brauchst ihn nur daran zu erinnern.«
Ein tröstlicher Gedanke. Halt dich daran fest, redete ich mir zu. Vielleicht war es ja wirklich nur eine Lappalie. Es war zehn Uhr. Ich konnte gemütlich zu Mos Süßwarenladen rüberfahren und mit ihm reden. Je mehr ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, daß meine Aufregung völlig unbegründet war. Mo hatte kein Motiv, nicht vor Gericht zu erscheinen.
Ich machte die Tür hinter mir zu, als ich aus Vinnies Büro trat, und versuchte, Connie Rosolli aus dem Weg zu gehen. Connie war Büroleiterin und gleichzeitig Vinnies Wachhund. Sie brachte Vinnie soviel Hochachtung entgegen, wie man sie normalerweise für Schleimhäuter übrig hat, aber sie arbeitete seit Jahren für Vinnie und hatte akzeptiert, daß sogar Schleimhäuter Teil der göttlichen Schöpfung sind.
Connie hatte einen fuchsroten Lippenstift aufgelegt, dazu passenden Nagellack, und trug eine weiße Bluse mit großen schwarzen Punkten. Der Nagellack war wirklich Klasse, aber die Bluse schickte sich nicht für eine Person, deren Körpergewicht zu sechzig Prozent von den Brüsten eingenommen wurde. Gut, daß die Modepolizei in Trenton nicht Streife fuhr.
»Du hast den Auftrag doch nicht etwa angenommen, oder?« fragte sie. Der Tonfall besagte, daß nur ein Dreckschwein dazu fähig wäre, so jemandem wie Onkel Mo auch nur ein Haar zu krümmen.
Es war nicht böse gemeint. Ich wußte, aus welchem Stall sie kam. Wir funkten auf gleicher Wellenlänge. »Mal ein Wörtchen mit Onkel Mo zu reden? Doch. Ich werde mal ein Wörtchen mit Onkel Mo reden.«
Connie zog in aufrechter Empörung die schwarzen Augenbrauen zusammen. »Der Bulle hatte kein Recht, Onkel Mo zu verhaften. Jeder weiß, daß Onkel Mo keiner Fliege was zuleide tun könnte.«
»Er hatte eine Waffe dabei.«
»Seit wann ist das ein Verbrechen?« sagte Connie.
»Seit es ein Verbrechen ist. Basta!«
Lula schaute von ihren Akten auf. »Was soll eigentlich das ewige Gerede von diesem Onkel Mo?«
Lula war eine ehemalige Prostituierte, die jetzt die Aktenablage machte. Sie hatte gerade an einem »Machen Sie das Beste aus Ihrem Typ«-Kursus teilgenommen, sich die Haare blond färben, glätten und sie anschließend in Ringellöckchen legen lassen.
Nach der Verwandlung sah sie aus wie eine zwei Zentner schwere fetzige schwarze Ausgabe von Shirley Temple.
»Moses Bedemier«, sagte ich. »Ihm gehört der Süßwarenladen in der Ferris Street. Ziemlich beliebter Typ.«
»Ach, der?« sagte sie. »Ich glaube, den kenne ich. So Anfang Sechzig? Ein bißchen kahlköpfig? 'ne Menge Leberflecken? Und seine Nase sieht aus wie 'n Schwanz?«
»Auf seine Nase habe ich noch nie besonders geachtet.«
Vinnie hatte mir Onkel Mos Akte gegeben, die aus den zusammengehefteten Kopien des Verhaftungsprotokolls, der unterschriebenen Kautionsvereinbarung und einem Foto bestand. Ich nahm das Foto von Onkel Mo zur Hand und betrachtete es aufmerksam.
Lula sah mir über die Schulter. »Genau«, sagte sie. »Das ist er. Die alte Schwanznase.«
Connie sprang vom Stuhl auf. »Willst du mir etwa weismachen, Onkel Mo wäre ein Freier von dir gewesen? Das kaufe ich dir nicht ab.«
Lulas Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, und sie schob die Lippen vor. »Halt die Luft an, Schätzchen.«
»Nimm's nicht persönlich«, sagte Connie.
»Hnh«, erwiderte Lula bloß, die Hände in die Hüften gestemmt.
Ich zog den Reißverschluß an meiner Jacke hoch und band mir einen Schal um den Hals. »Kennst du Onkel Mo wirklich?« fragte ich Lula.
Sie warf noch mal einen Blick auf das Foto. »Schwer zu sagen. Ich finde, alte weiße Männer sehen alle gleich aus. Vielleicht besser, wenn ich mitkomme und mir den Macker aus der Nähe ansehe.«
»Nein!« Ich schüttelte den Kopf. »Das halte ich für keine gute Idee.«
»Glaubst du etwa, ich könnte diesen ganzen Kopfgeldscheiß nicht auch erledigen?«
Eine Verfeinerung der Sprachsitten hatte nicht zu ihrem Kurs gehört.
»Natürlich kannst du das auch«, sagte ich. »Es ist nur so, daß es sich hierbei um eine... heikle Situation handelt.«
»Scheiße«, sagte sie und zwängte sich in ihre Jacke. »Ich zeig dir gleich, was heikel ist.«
»Na ja, aber...«
»Vielleicht brauchst du ja Hilfe. Angenommen, er macht Stunk. Da kann eine stattlich gebaute Frau wie ich die richtige Überzeugungsarbeit leisten.«
Lula und ich waren uns bei meiner ersten Verbrecherjagd über den Weg gelaufen. Sie ging auf den Straßenstrich, und ich wußte nicht, wo es lang ging. Ich hatte sie unabsichtlich in einen Fall mit hineingezogen, und das Ergebnis war, daß ich sie eines Morgens übel zugerichtet und blutüberströmt auf meiner Feuertreppe fand.
Lula hielt mir zugute, ihr Leben gerettet zu haben, und ich hielt mir vor, es überhaupt in Gefahr gebracht zu haben. Es wäre mir lieber gewesen, reinen Tisch zu machen, aber Lula entwickelte eine gewisse Zuneigung zu mir. Ich würde nicht so weit gehen und behaupten, es sei Heldinnenverehrung. Es war eher das, was wir von den Chinesen kennen. Wenn man da einem Menschen das Leben rettet, gehört er einem ein Leben lang, auch wenn man ihn gar nicht haben will.
»Wir brauchen keine Überzeugungsarbeit zu leisten«, sagte ich. »Schließlich handelt es sich um Onkel Mo. Der verkauft Süßigkeiten an Kinder.«
Lula hängte sich ihre Handtasche um. »Alles klar«, sagte sie und kam hinter mir her. »Fährst du immer noch den alten Buick?«
»Ja. Mein Lotus ist in der Werkstatt.«
Eigentlich war der Lotus nur in meinen Träumen vorhanden. Vor ein paar Monaten wurde mir mein Jeep gestohlen, und in einem Anfall fehlgeleiteter wohlmeinender Absicht hatte mich meine Mutter mit sanfter Gewalt gezwungen, auf dem Fahrersitz von Onkel Zandors Buick, Baujahr 53, Platz zu nehmen. Eine angespannte Finanzlage und mangelndes Rückgrat brachten es mit sich, daß ich jetzt beim Fahren immer noch über die ellenlange, taubenblaue Motorhaube des Buicks hinwegsehen mußte. Blieb bloß die Frage, mit welchen gräßlichen Schandtaten ich so ein Auto verdient hatte.
Eine Windböe rüttelte an dem Ladenschild von Fiorellis Feinkostgeschäft neben Vinnies Büro. Ich schlug den Kragen hoch und suchte in meiner Tasche nach Handschuhen.
»Wenigstens ist der Buick fahrtüchtig«, sagte ich zu Lula. »Das ist doch das wichtigste, oder?«
»Hnh«, entgegnete Lula. »So was sagen nur Leute, die keinen anständigen Wagen fahren. Was ist mit dem Radio? Taugt das Scheißding was? Hat es Dolby?«
»Es hat kein Dolby.«
»Moment mal«, sagte sie. »Du erwartest doch wohl nicht, daß ich in ein Auto ohne Dolby einsteige. Ich brauche heiße Musik. Ich muß mich in Stimmung bringen, um andere Leute hochzunehmen.«
Ich schloß die Wagentür auf. »Wir nehmen keine Leute hoch. Wir wollen uns nur mit Onkel Mo unterhalten.«
»Klar«, sagte Lula, ließ sich auf dem Beifahrersitz nieder und warf einen angewiderten Blick auf das Radio. »Ich weiß Bescheid.«
Ich fuhr bis zur nächsten Querstraße die Hamilton runter und bog nach links in die Rose Street, die nach Burg führte. Die Gegend hatte im Januar wenig Erfreuliches zu bieten. Die blinkenden Lichterketten und roten Plastiknikoläuse waren weggepackt, und der Frühling war noch reine Zukunftsmusik. Die Hortensienbüsche waren zu nackten, braunen Sträuchern abgemagert, der Rasen durch den Bodenfrost jeder Farbe beraubt und die Straßen wie leergefegt, keine Kinder, keine Katzen, keine autowaschenden Männer und keine plärrenden Radios. Fenster und Türen waren fest verriegelt und verrammelt gegen Kälte und Trübsinn.
Sogar bei Onkel Mo wirkte alles kahl und abweisend, als ich mit dem Wagen vor seinem Haus anhielt.
Lula schaute argwöhnisch zum Laden hinüber. »Ich will dir ja nicht die Radieschen verhageln«, sagte sie, »aber ich habe den starken Eindruck, daß das Arschloch geschlossen hat.«
Ich stellte den Wagen am Straßenrand ab. »Unmöglich. Onkel Mo hat nie geschlossen. Onkel Mo hat seit seiner Eröffnung neunzehnhundertachtundfünfzig nicht einen Tag geschlossen gehabt.«
»Dann mach dich auf was gefaßt. Ich gehe jede Wette ein, daß er heute geschlossen hat.«
Ich entstieg Big Blue, ging zu Mos Tür und sah durch die Scheibe. Es brannte kein Licht, und von Onkel Mo keine Spur. Ich probierte die Klinke, abgeschlossen. Ich klopfte laut und vernehmlich an der Tür. Nichts. Scheiße.
»Muß wohl krank sein«, sagte Lula.
Der Süßwarenladen befand sich in einer Straßenecke. Seitlich grenzte der Laden an die King Street, aber der Eingang ging zur Ferris Street raus. Die Ferris Street entlang zog sich eine Reihe gepflegter Zweifamilienhäuser, die bis ins Zentrum von Burg reichte. Die King Street dagegen machte schlimme Zeiten durch; die meisten Zweifamilienhäuser waren in mehrere kleine Wohnungen unterteilt worden. Die sauberen weißen Gardinen und gestärkten Martha-Washington-Vorhänge, die man aus Burg kannte, bekam man in der King Street nicht zu Gesicht. Privatsphäre garantierten einem hier gespannte Bettücher und zerschlissene Rollos und das unangenehme Gefühl, daß es sich hier nicht mehr um ein begehrtes Wohnviertel handelte.
»Nebenan sieht uns eine gruselige alte Dame vom Fenster aus zu«, sagte Lula.
Ich schaute zum Nachbarhaus in der Ferris Street hinüber und erschauderte. »Das ist Mrs. Steeger. Sie war meine Lehrerin in der dritten Klasse.«
»War bestimmt lustig.«
»Mein längstes Schuljahr.«
Bis heute bekam ich Krämpfe bei Rechenaufgaben mit schriftlicher Division.
»Wir können sie ja mal fragen«, sagte ich zu Lula.
»Ja«, sagte Lula. »Diese neugierigen alten Frauen wissen doch immer über alles Bescheid.«
Ich hängte mir meine Handtasche um, und Lula und ich marschierten zielstrebig auf das Haus zu und klopften an Mrs. Steegers Tür.
Die Haustür wurde nur einen Spaltbreit geöffnet, aber es reichte, um zu erkennen, daß sich Mrs. Steeger im Laufe der Jahre kaum verändert hatte. Sie war immer noch spindeldürr, mit verkniffenem Gesicht und flinken Äuglein, die unter den mit einem Stift nachgezogenen Brauen auf der Lauer lagen. Letztes Jahr war sie Witwe geworden, das Jahr zuvor in Rente gegangen. Sie trug ein braunes Kleid mit weißem Blümchenmuster, dicke Strümpfe und solides Schuhwerk. Das Haar war in winzige Locken gelegt und braungetönt. Sie wirkte nicht wie jemand, der sich auf ein Leben in Müßiggang vorbereitete.
Ich reichte ihr meine Visitenkarte und stellte mich als Agentin zur Ergreifung Flüchtiger vor.
»Was soll denn das bedeuten?« wollte sie wissen. »Sind Sie bei der Polizei?«
»Das nicht gerade. Ich arbeite für Vincent Plum.«
»Ach so«, sagte sie und überdachte die Information. »Sie sind Kopfgeldjägerin.«
Es wurde mit der Zuneigung gesagt, die man sonst Drogendealern und Kinderschändern entgegenbringt. Ihr vorgeschobenes Kinn kündigte von möglichen Strafmaßnahmen, und ihre Haltung ließ durchblicken, daß vielleicht noch etwas aus mir geworden wäre, wenn ich nur die schriftliche Division beherrscht hätte.
»Und was wollen Sie von Moses?« fragte sie.
»Er wurde wegen eines geringfügigen Vergehens festgenommen, aber er hat es versäumt, vor Gericht zu erscheinen. Die Agentur von Plum hat die Kaution gestellt, und deswegen muß ich Mo finden, um mit ihm gemeinsam einen neuen Termin festzusetzen.«
»Mo würde sich nie etwas zuschulden kommen lassen«, sagte Mrs. Steeger.
Also sprach der Herr.
»Wissen Sie, wo er ist?« fragte ich sie.
Sie richtete sich extra ein paar Zentimeter auf. »Nein. Und ich finde, es ist eine Schande, daß Sie nichts Besseres zu tun haben, als rechtschaffene Menschen wie Moses Bedemier zu belästigen.«
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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