Im Buddhismus gilt "rechtes Denken" als einer der Glieder des achtgliedrigen Pfades zur Befreiung vom Leid. Auch im Hinduismus und in der islamischen Mystik gilt, dass der Verstand unter Kontrolle gebracht werden muss, wenn man dahin kommen will, dass die - vom Verstand ohnehin nicht fassbare - und metaphysische Qualitäten besitzende "wahre Wirklichkeit" hindurchscheint. Auf dem Weg dorthin kann der Verstand immer neue Kapriolen schlagen in Form von unbegründeten Zweifeln, Selbstgerechtigkeit und Eitelkeit, Selbstmitleid... und vielen ähnlichen Hindernissen. Ein christlicher Mystiker, so empfiehlt Grün, kann auf seinen spirituellen Pfad zurückkehren oder geistige Ruhe erlangen, wenn er sich beispielsweise Zitaten aus der Bibel bedient, die er Zweifel, Anfechtung oder Versuchung entgegensetzt. Hält er sich an die Empfehlungen der Wüstenväter, wählt er solche Sätze oder Zitate, die für ihn (oder sie) an sich schon Kraft besitzen, weil sie tief in eigenen Glaubensvorstellungen verankert sind. Glaube, stellt Anselm Grün klar, ist zunächst einmal ein Schritt ins Nichts, ein "so-tun-als-ob"; so können wir also dem Zweifel zumindest zu Beginn nicht die Gewissheit entgegensetzen sondern bloß den festen Willen, zu vertrauen.
Angenehm ist das Lesen des schmalen Bändchens, weil es ganz bei der Alltagserfahrung des einfachen Gläubigen bleibt und sich nicht erst an jene richtet, die den "Drachen" ihres Verstandes ohnehin schon besiegt haben. D.h. es gibt einige wunderbare Inspirationen, was auch derjenige tun kann, bei dem der Verstand weit entfernt davon ist, endgültig gebändigt zu sein...