DIE ZEIT, 27. Oktober 2005
DEUTSCHLANDFUNK, 17. Januar 2006
SWR-BESTENLISTE Januar 2006
Kurzbeschreibung
Björn Kern erzählt schnell, genau, mit Witz, Liebe und gänzlich unsentimental davon, was es bedeutet, mitten im Leben Abschied nehmen zu müssen. Seine präzise, poetische Sprache trägt den Leser durch diesen aufwühlenden und bewegenden Roman, den man nicht mehr vergißt.
"Eine Mischung aus den Leiden von Plenzdorfs jungem W. und Sartres Ekel - aber ganz aus dem Weltgefühl von heute." SWR über KIPPpunkt
Über den Autor
Auszug aus Einmal noch Marseille von Björn Kern. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Ich schob meine Mutter zur Einstiegsrampe. Skifahrer, die von der Talabfahrt kamen, schlängelten sich in halsbrecherischer Geschwindigkeit an uns vorbei, meine Mutter klatschte ihnen zu und johlte wie ein Kind auf Schlittschuhen. Das Stahlseil surrte tief und beruhigend, der Kontrolleur nickte uns zu, und meine Mutter sagte: Seht ihr, die haben keine Angst vor mir.
Gar nicht so teuer, sagte ich, wir nehmen das Kombiticket für drei. Meine Mutter reckte energisch den Hals: Ich fahr ja wohl gratis, Mein Vater schob den Schnee vor seinen Füßen von links nach rechts. Er hielt den Blick auch dann gesenkt, als meine Mutter sagte: nun komm schon, sonst schließt oben das Café.
Er scharrte weiter Schnee zur Seite, er hatte Angst, daß sich der Rollstuhl verhaken und in der Gondel feststecken könnte, aber meine Mutter sagte: Wenn ich da rein komm, komm ich auch wieder raus. Ein Skifahrer bremste in engem Bogen ab, der Schnee spritzte meiner Mutter ins Gesicht, sie leckte danach und lachte.
Schon gekauft, sagte ich, und zeigte meinem Vater das Ticket. Ihr habt euch doch verschworen, murmelte er, ich beugte mich zu meiner Mutter hinunter, wir steckten die Köpfe zusammen und flüsterten laut und zischelnd, bis meine Mutter anfing zu lachen und sich verschluckte.
Mein Vater wurde wütend. Ich fahr euch nicht ins Krankenhaus, wenn sie keine Luft mehr bekommt, rief er, und als sie wieder konnte, sagte meine Mutter: Nun lasst euch drücken. Mein Vater kam langsam näher, ja, sagte sie, dich drücke ich auch.
Die Bahn mußte nur eine halbe Minute angehalten werden, eine Gondel bot Platz für uns drei, der Rollstuhl verhakte sich nicht in der Schiebetür und auch die Skifahrer tuschelten nicht. Mein Vater sah dennoch aus, als zeigten die Besucher eines ganzen Fußballstadions mit dem Finger auf ihn, seine Stirn war tief zerfurcht, sein Mund zuckte und wenn meine Mutter nicht hinsah, strich er sich mit der rechten Hand über den Bauch und schluckte.
Der Kontrolleur wünschte uns eine gute Fahrt und meine Mutter winkte durch das offene Fenster. Die Bahn beschleunigte, wir verließen die Talstation, die Gondel schaukelte.
Hätte nicht gedacht, daß wir da reinpassen, sagte mein Vater, und ich legte meiner Mutter die Hand auf den Arm, damit sie nicht sagte: Na siehst du.
Die Bäume und Skifahrer unter uns wurden kleiner, wir überquerten eine Schlucht voller Eis, meine Arme und Beine wurden mal schwer und mal leicht, mein Magen fühlte sich einigermaßen orientierungslos.
Was für eine phantastische Luft, sagte meine Mutter und bat mich, das Fenster noch weiter aufzuschieben. Mein Vater zog sich die Kapuze über, er fragte: Wann kommen wir denn an, und meine Mutter sagte: Hoffentlich nie.
Beim Aussteigen wurde der Rollstuhl dann doch einige Meter mitgeschleift, weil der Kontrolleur die Bahn zu spät anhielt. Mein Vater wurde kreidebleich und stieß ein Geräusch aus, das verebbte, bevor es zum Schrei wurde. Als die Bahn endlich hielt und meine Mutter sich befreit hatte, schaute sie nur kurz irritiert und sagte dann: Es war so schön, da dacht ich, ich fahr noch eine Runde.
Der Weg zum Café war eine Qual, die Räder des Rollstuhls versackten alle zwei Meter im Schnee, mein Vater fluchte und irgendwann bissen wir die Zähne zusammen und trugen meine Mutter auf die Terrasse.
Die Sicht war umwerfend, die Sonne schien, im Tal blinkte ein überfrorener See und obwohl meine Mutter sagte: Morgen kommen wir am besten gleich wieder, verschwanden die Falten auf der Stirn meines Vaters.
Das müßte die Nordwand sein, sagte er nach einem Blick in seine Panoramakarte und deutete mit einer vagen Handbewegung auf die gegenüberliegenden Gipfel. Zweitausendsiebenhundertdreißig Meter hoch. Meine Mutter schloß die Augen, sie sagte: Das interessiert doch niemanden, Hauptsache, es ist schön hier. Schau einfach in die Sonne und sei still.
Wenig später zogen Wolken auf, der Wind wurde stärker, mein Vater rutschte nervös auf seiner Bank hin und her und sagte: Wir sollten dann mal. Meine Mutter ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, sie wollte an einen anderen Tisch, an dem noch Sonne war, mein Vater folgte notgedrungen. Wir sollten dann mal, sagte er wieder, er setzte sich hin und stand auf, blinzelte gegen die Sonne in den Himmel, suchte den Horizont ab und erst als meine Mutter sagte: Es wird schon kein Tornado, blieb er einige Minuten stumm sitzen.
Ich dachte, er hätte sich beruhigt, aber da fegte ein neuer Windstoß die Gläser von den Tischen und mein Vater griff wortlos nach seinem Schal, knöpfte seinen Mantel enger und lief ohne sich umzudrehen zur Bergbahn.
Er tat mir leid.
Meine Mutter winkte der Bedienung, sie bestellte heiße Kartoffeln und sagte: mit viel Käse bitte. Als wir meinen Vater am Abend im Hotel wiedersahen, lag er bleich auf dem Bett, strich sich mit den Händen über den Bauch und schluckte. Meine Mutter stöhnte leise.
Wir haben den Tornado überlebt, sagte sie.
Ich hab einen Tisch reserviert, sagte er.
Wir haben schon gegessen.