Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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25 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Sterben lernen, 5. November 2005
Der Roman von Björn Kern „Einmal noch Marseille" ist ein außerordentliches Buch. Es gestaltet den schmerzlichen Abschiedsprozess einer an ALS erkrankten Frau. Was der Maler Immendorff mit seiner ALS-Stiftung intendiert, die seltene unheilbare Krankheit ins öffentliche Bewusstsein zu tragen, kann dieser Roman aus der Innenperspektive einer betroffenen Familie ergänzen und vertiefen. Der Ich-Erzähler begleitet in der Rolle des Sohnes seine kranke Mutter über viele Jahre in den Tod. Erst kann die Mutter nicht mehr gehen, dann nicht mehr greifen, sich überhaupt nicht mehr eigenständig bewegen, schließlich nicht mehr ohne Atemgerät atmen, nicht mehr sprechen. Mit Hilfe eines raffiniert ausgeklügelten Maschinenparks aus dem Arsenal der Hochtechnikmedizin wird die Erkrankte am Leben erhalten. Und sie will leben! Sie dürstet nach jeder Stunde, nach jedem Tag. Und einmal noch will sie mit Rollstuhl und Atemgerät in ihr geliebtes Marseille. Der Blick auf die auffliegenden Spatzen in ihrem Garten wird ihr schließlich zum existenztragenden Sinnhorizont. Die Familie unterstützt diesen quälend langen Prozess des Abschiednehmens, engagiert, liebend, aufopfernd und zunehmend staunend. Im Laufe der Jahre geraten die betreuenden und pflegenden Familienmitglieder in eine sie immer mehr niederdrückende Überforderung, der sie tapfer ein „Dennoch!" entgegenstellen. Ein Abschieben der Kranken in ein Heim verbietet sich: Es geht doch um die eigene Mutter, die eigene Ehefrau. Da hat sich die Familie zu bewähren. So wird der Roman, ohne je theoretisch zu reflektieren, in der Gestaltung der einzelnen Szenen auch zu einer erschütternden Darstellung der Freitodproblematik. Wann haben wir uns von diesem Leben zu lösen? Muss alles, was medizintechnisch möglich ist, auch wirklich bis zum dann bitteren Ende angewendet werden? Die gestaltete ALS-Kranke wollte freiwillig rechtzeitig loslassen. Doch was heißt „rechtzeitig"? Das Engagement der Familie und des großen Freundinnenkreises schenkte ihr ein Weiterleben, dessen Sinn immer brüchiger wurde. Wenn die Literaturkritik nach den Ausflügen in die Welt des Pop nach Substanz Ausschau hält: Hier ist der Text eines jungen Autors, voller Tiefgang und mit einem Hauch von distanzierender Selbstironie, die das Geschehen noch verstärkt und zugleich aushaltbar macht. Björn Kerns Schilderung ist realistisch, unsentimental. Nicht ein Wort ist zu viel in diesem Text. Und gerade diese Kunst der knappen und präzisen Gestaltung macht die Geschichte authentisch. Ich wünsche dem Buch viele Leser: Für Erkrankte und Pflegende kann es ein Trostbuch sein, für Gesunde aktualisiert es das uralte „memento mori", gedenke des Todes. Es ist ein Buch, das uns alle angeht und das bewegt.
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17 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
eine Liebeserklärung an das Leben, 6. April 2007
Björn Kern schildert in seinem Roman die Geschichte des gesundheitlichen Niedergangs einer Mutter und dessen Auswirkungen auf die Familie, vor allem auf den Sohn, welcher der Ich-Erzähler ist.
Denn der Befund, der nie beim klinischen Namen genannt wird, bedeutet das Todesurteil für die lebensfrohe Mutter. Eine Muskelkrankheit hat die Lehrerin befallen; und sie selbst kennt klarsichtig die Stationen ihres unaufhaltsamen Siechtums.
Wiederholt versuchen Mutter und Sohn aus dem Gefängnis der engen Wohnung auszubrechen. Eine Reise nach Marseille wird zum Höhepunkt dieser kleinen Fluchten.
Doch unaufhaltsam findet sie sich in einem Maschinenpark wieder, der nach und nach ihre Lebensfunktionen übernimmt. Das medizinische Wunder bleibt aus, am Ende des Buches sitzt der Sohn am Bett seiner toten Mutter.
Nüchtern erzählt Björn Kern die Geschichte vom Zerfall einer Familie. Der Sohn wird zum Chronisten der Krankheit; aus der Ich-Perspektive schildert er die Hilflosigkeit seines Vaters, das eigene Schwanken zwischen Anteilnahme und Verdrängung, die Versuche der Mutter, sich auf immer neue technische Hilfsmittel einzustellen.
Dargestellt werden mit psychologischer und sprachlicher Genauigkeit "das Schwanken zwischen Anteilnahme und Verdrängung" des Sohns, der Verlust der Außenwelt für die Beteiligten. Kern findet für den Schmerz, die Trauer und die Hilflosigkeit des Verlassenwerdens Worte, die über unmittelbares Betroffensein hinausgehen.
Die Stationen des unausweichlichen Abschieds dokumentiert er mit teilweise beklemmender Präzision, teilweise in absurd-schönen Szenen.
Fazit:
Zum Bestseller wird ein Roman, der so ungeschützt vom Sterben handelt, wohl nicht werden. Und doch sind diesem Buch viele Leser zu wünschen. Nicht nur, weil der Tod zu wichtig ist, um verdrängt werden zu dürfen, sondern auch deshalb, weil Björn Kern es versteht, davon leise und unaufdringlich und umso ergreifender zu erzählen.
Für mich war dieses Buch noch etwas ganz anderes:
"Einmal noch Marseille" ist eine Liebeserklärung an das Leben!
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33 von 38 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ein großes Beispiel, 10. Februar 2006
Björn Kern Einmal noch Marseille C.H. Beck Verlag ISBN 3406535518Björn Kern schildert in einer sehr nüchternen, klaren und lakonischen Sprache, wie es ist, wenn eine Mutter und Ehefrau über fünf lange Jahre stirbt. Sie hat die schreckliche Krankheit ALS, Amyotrophe Lateralsklerose. Der Icherzähler, vielleicht Mitte zwanzig, ist bereits auf dem Wege in ein eigenes Leben, als er die Nachricht bekommt, wie die Krankheit seiner Mutter heißt. Es beginnt ein langer Prozess, in dem er immer wieder nach Hause fährt, um seinem Vater und seiner Mutter zu helfen und zur Seite zu stehen. Was das aber in ihm auslöst, wie er mit seinen widerstreitenden Gefühlen fertig wird, das ist in dieser Schilderung ein Meisterwerk. Kein falscher Ton schleicht sich ein, wenn er nur zögerlich ans Telefon geht, voll gegenwärtig, dass wieder nur schlimme Nachrichten zu vernehmen sein werden. Er will manchmal nichts mehr hören, wenn er sieht, wie sein Vater bis zur Selbstaufgabe sich der Pflege seiner kranken Frau widmet, auch er hin und her gerissen zwischen Pflicht und Verzweiflung. Daß die Muter nicht ins Pflegeheim will,--das machen beide, Sohn und Vater mit; es geschieht um den Preis einer teilweise hilflosen und dann wieder hilfsbereiten Barmherzigkeit, die besonders dem Vater übermenschliche Anstrengungen abverlangt. Die Mutter wird in ihren liebenswerten Zügen und zuweilen mehr und mehr auch in egoistischen Ansprüchen geschildert. Einmal will sie noch hier oder dort hin, und sei es auch noch so schwer zu verwirklichen mit ihrer zunehmend von Apparaten abhängenden Lebensfähigkeit. Hilflosigkeit und Sprachlosigkeit machen sich gegenüber demjenigen breit, für den es keinen Trost und keine Besserung mehr geben kann. Kern vermag das Gefühlschaos zu beschreiben, mit dem man einerseits irgendwann einmal genug hat von dem Anblick von Leiden, und andererseits das Pflichtgefühl und das Mitleid zusammen mit den guten Erinnerungen an die Sterbende immer wieder die Oberhand gewinnen. Dass man die eigenen Gefühle ohne Falsch zulässt, dass scheint mir ebenso wichtig zu sein, wie die Hilfe, die man gewährt. Das Buch ist ein erschütterndes Dokument, in dem sich die erstaunliche Reife des noch sehr jungen Autors zeigt. Es gibt Dinge, die unabänderlich sind, die man ertragen und mittragen muss. Wie man sich auch entscheidet: kümmerte man sich nicht, könnte man darunter ebenso leiden wie gelegentlich unter der Anteilnahme. Es fordert den Menschen viel ab, einen Schwerkranken über eine so lange Zeit zu betreuen.
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