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Wenn die Literaturkritik nach den Ausflügen in die Welt des Pop nach Substanz Ausschau hält: Hier ist der Text eines jungen Autors, voller Tiefgang und mit einem Hauch von distanzierender Selbstironie, die das Geschehen noch verstärkt und zugleich aushaltbar macht.
Björn Kerns Schilderung ist realistisch, unsentimental. Nicht ein Wort ist zu viel in diesem Text. Und gerade diese Kunst der knappen und präzisen Gestaltung macht die Geschichte authentisch.
Ich wünsche dem Buch viele Leser: Für Erkrankte und Pflegende kann es ein Trostbuch sein, für Gesunde aktualisiert es das uralte „memento mori", gedenke des Todes. Es ist ein Buch, das uns alle angeht und das bewegt.
Björn Kern schildert in einer sehr nüchternen, klaren und lakonischen Sprache, wie es ist, wenn eine Mutter und Ehefrau über fünf lange Jahre stirbt. Sie hat die schreckliche Krankheit ALS, Amyotrophe Lateralsklerose.
Der Icherzähler, vielleicht Mitte zwanzig, ist bereits auf dem Wege in ein eigenes Leben, als er die Nachricht bekommt, wie die Krankheit seiner Mutter heißt.
Es beginnt ein langer Prozess, in dem er immer wieder nach Hause fährt, um seinem Vater und seiner Mutter zu helfen und zur Seite zu stehen.
Was das aber in ihm auslöst, wie er mit seinen widerstreitenden Gefühlen fertig wird, das ist in dieser Schilderung ein Meisterwerk.
Kein falscher Ton schleicht sich ein, wenn er nur zögerlich ans Telefon geht, voll gegenwärtig, dass wieder nur schlimme Nachrichten zu vernehmen sein werden. Er will manchmal nichts mehr hören, wenn er sieht, wie sein Vater bis zur Selbstaufgabe sich der Pflege seiner kranken Frau widmet, auch er hin und her gerissen zwischen Pflicht und Verzweiflung.
Daß die Muter nicht ins Pflegeheim will,--das machen beide, Sohn und Vater mit; es geschieht um den Preis einer teilweise hilflosen und dann wieder hilfsbereiten Barmherzigkeit, die besonders dem Vater übermenschliche Anstrengungen abverlangt. Die Mutter wird in ihren liebenswerten Zügen und zuweilen mehr und mehr auch in egoistischen Ansprüchen geschildert. Einmal will sie noch hier oder dort hin, und sei es auch noch so schwer zu verwirklichen mit ihrer zunehmend von Apparaten abhängenden Lebensfähigkeit.
Hilflosigkeit und Sprachlosigkeit machen sich gegenüber demjenigen breit, für den es keinen Trost und keine Besserung mehr geben kann.
Kern vermag das Gefühlschaos zu beschreiben, mit dem man einerseits irgendwann einmal genug hat von dem Anblick von Leiden, und andererseits das Pflichtgefühl und das Mitleid zusammen mit den guten Erinnerungen an die Sterbende immer wieder die Oberhand gewinnen.
Dass man die eigenen Gefühle ohne Falsch zulässt, dass scheint mir ebenso wichtig zu sein, wie die Hilfe, die man gewährt.
Das Buch ist ein erschütterndes Dokument, in dem sich die erstaunliche Reife des noch sehr jungen Autors zeigt.
Es gibt Dinge, die unabänderlich sind, die man ertragen und mittragen muss. Wie man sich auch entscheidet: kümmerte man sich nicht, könnte man darunter ebenso leiden wie gelegentlich unter der Anteilnahme. Es fordert den Menschen viel ab, einen Schwerkranken über eine so lange Zeit zu betreuen.
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