Günter Stemberger ist ohne Zweifel einer der renommiertesten Forscher auf dem Gebiet des antiken Judentums, weltweit bekannt und anerkannt - und das zu Recht.
In seinem Urteil ist er immer innovativ, abgewogen, unbestechlich, seriös und zuverlässig - und das auf Basis einer unglaublichen Belesenheit und Sachkenntnis.
Seine Einleitung in Talmud und Midrasch bringt denn auch zuverlässige Informationen und Fakten auf einem schwierigen, unsicheren Gebiet, das ganz eigenen Gesetzmässigkeiten unterliegt und durch eine jahrtausendealte Rezeptions- oder besser: Verzerrungs- und Entstellungsgeschichte sicher nicht einfacher zu bewältigen geworden ist.
Und dennoch: Wenn das weite Feld der jüdischen Traditionsliteratur eine Berechtigung und Relevanz besitzt, dann wird sie in diesem Buch nicht deutlich. Es ist die reine Nabelschau und Diskussion mit sich selbst. Man könnte beinahe meinen, Aufgabenstellung dieses Buches wäre es gewesen, alles, was an jüdischer Tradition interessant, bedeutsam, relevant ist, radikal wegzuschneiden. Mischna, Talmud, Midrasch haben doch nicht umsonst ihre weltgeschichtliche Bedeutung - und zwar nicht nur für Religion oder meinetwegen auch Ethik -, aber hier in diesem Buch findet man davon nichts wieder, alles wird vorausgesetzt. Wer hierher kommt, muss von woanders her für das Thema interessiert worden sein; wer bleibt, braucht schon ein gehöriges Mass an Masochismus. Ein Buch für absolute Spezialisten (allein schon an der Lust ablesbar, mit kryptischen Abkürzungen ohne Not um sich zu werfen ...), die ihre Freude am Thema woanders her beziehen müssen. Die armen Studenten der Religionswissenschaft, Judaistik etc., die das lesen müssen. Nachschlagen, o.k., aber lesen??
Nochmals: Man könnte meinen, Ziel der stofflichen Darstellung wäre gewesen, die Langeweile zu maximieren - und das bei einem hochinteressanten, einem der spannendsten Themen der Kultur- und Geistesgeschichte ...
Dennoch fünf Sterne, weil es in dem engen Rahmen, für den es geschaffen scheint, eine unverzichtbare, seriös-zuverlässige Basis-Information darstellt.
Michael Kühntopf
PS: Dass Günter Stemberger auch anders kann, zeigt er in seiner "Geschichte der jüdischen Literatur", die aber wohl keine zweite Auflage erlebte? Warum nicht?