Seit einigen Jahren nimmt die Zahl der theologischen (und anderer) Lehrbücher im bekannten rot-blauen (oder nur roten) UTB-Look rasant zu. Mit der katholischen Reihe "Studienbücher Theologie" legt der Verlag Kohlhammer schon seit 1991 eine Serie nennenswerter Alternativen quer durch alle theologischen Fachgebiete vor. Beim ersten Blick auf ihr blau-rotes Gewand kann man meinen, sie stammen auch von UTB - oder sogar den Verdacht hegen, hier wolle einer vom Ruf des anderen als "Standardwerk" profitieren. Die eingehende Lektüre zeigt, dass zumindest die beiden exegetischen Einleitungswerke [1: Vgl. Viktor Webers Rezension zu Zenger, Erich u. a.: Einleitung in das Alte Testament, Studienbücher Theologie 1,1, Stuttgart (7)2008 in ichthys 26 (2010), 133-135.] einen Vergleich keineswegs zu scheuen brauchen.
Die Herausgeber der "Einleitung in das Neue Testament" Martin Ebner und Stefan Schreiber sind Professoren für Neues Testament an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Gemeinsam mit acht weiteren Autoren aus dem gesamten deutschsprachigen Raum legen sie ein Werk vor, das v. a. von beachtlichen Forschungsleistungen auf aktuellem Stand zeugt. In weitgehend kanonischer Reihenfolge werden die einzelnen biblischen Bücher zunächst auf ihre innere Struktur, dann auf die Entstehungsvorgänge hin untersucht. In einem dritten Schritt folgt der Diskurs, der die "Perspektive [...] darstellt, unter der die christliche Botschaft profiliert wird" (7) und somit auch zentrale Aspekte der neutestamentlichen Theologie beinhaltet. Schon das Spektrum der behandelten Fragen geht somit deutlich über den Horizont der klassischen Einleitungswissenschaft hinaus, was dem Buch insgesamt sehr zu Gute kommt.
Besondere Aufmerksamkeit widmen die Autoren dem soziokulturellen Hintergrund des antiken Judentums, wodurch das Buch ebenfalls an Scharfblick für die Welt der ersten Christen gewinnt. Dieser Fokus ist zwar in jüngster Zeit sehr verbreitet, hat aber bislang kaum Eingang in die Einleitungswissenschaft gefunden. Auch dass der neueren, sehr engagierten exegetischen Wissenschaft Nordamerikas eingehend Beachtung geschenkt wird, verleiht dem Werk an vielen Stellen frische Perspektiven.
Die größte Stärke des Buches besteht in seiner durchgehend sorgfältigen Darstellung. Sie überzeugt durch eine größere Detailfülle als die anderer gängiger Einleitungswerke, bleibt aber bei gründlicher Lektüre auch für Studienanfänger gut verständlich. Argumente werden in der Regel ausführlich und weit weniger interessegeleitet diskutiert als bei Conzelmann/Lindemann [2: Conzelmann, Hans/Lindemann, Andreas: Arbeitsbuch zum Neuen Testament, Tübingen 142004.] und Schnelle [3: Schnelle, Udo: Einleitung in das Neue Testament, Göttingen (6)2007.] (so z. B. zur Lokalisierung der galatischen Gemeinden). Nur an wenigen Stellen ist die Forschungsdiskussion etwas zu kurz dargestellt, so etwa zur postulierten, aber nirgends im Neuen Testament erwähnten ephesinischen Gefangenschaft des Paulus und zu seiner so genannten "Kollektenreise".
Die häufig komplexen Argumentationen der Einleitungswissenschaft bleiben durch den gut lesbaren Schreibstil relativ verständlich. Insbesondere Ebners sympathische, stellenweise lockere Sprache (vgl. 106) lässt sich gut lesen, wenn er sich auch manchmal im Ausdruck vergreift (vgl. 85: die Spruchquelle Q sei endlich in einer eigenen Textausgabe "handgreiflich" geworden - sie sei greifbar geworden, hat er wohl eigentlich sagen wollen).
Die Übersichtlichkeit des Buches wird auch durch das Layout unterstützt. Unterschiedliche Argumente sind durch elegante Gliederungsmerkmale à la (1), (2) usw. abgesetzt, Nebenfragen werden in kleinerer Schriftart verhandelt. Aufbau und Struktur der unterschiedlichen Beiträge sind ähnlich gründlich vereinheitlicht wie bei Niebuhr [4: Niebuhr, Karl-Wilhelm (Hg.): Grundinformation Neues Testament. Eine bibelkundlich-theologische Einführung, Göttingen (3)2008.], was die durchgehende Lektüre vereinfacht. Ebner und Michael Theobald illustrieren ihre Ausführungen zusätzlich durch hilfreiche Grafiken.
Der weite Horizont des Buches wird dadurch befördert, dass die Autoren zu einzelnen Fragen deutlich mehr Literatur aus jüngster Zeit rezipieren als Conzelmann/Lindemann, Schnelle und Pokorny [5: Pokorny, Petr/Heckel, Ulrich: Einleitung in das Neue Testament. Seine Literatur und Theologie im Überblick, Tübingen 2007.]. Da häufig direkt angegeben wird, wer eine Position oder ein Argument jeweils vertritt, erhält der Leser weiterführende Einblicke in die Forschungsdiskussionen. Die Arbeiten evangelischer Theologen werden dabei erfreulich selbstverständlich und unterschiedslos mit einbezogen.
Besonders ist zu begrüßen, dass zu jedem biblischen Buch eine Reihe von Forschungsüberblicken aufgelistet werden (die sonst wirklich schwer zu finden sind). Wünschenswert für eine zweite Auflage wäre es, den schier überwältigenden Literaturlisten jeweils einige besondere Empfehlungen voranzustellen und sie mit einem Satz zu kommentieren, wozu die Lektüre dienen kann (vorbildlich bei Conzelmann/Lindemann).
Die zweite große Stärke des Buches liegt in der Erschließung der biblischen Bücher, was ja eigentlich eher eine bibelkundliche Aufgabe darstellt. Gelungen ist die Verwendung moderner textanalytischer Ansätze und überhaupt der synchronen Methoden, die zwar seit neuestem viel Beachtung finden, in den Einführungswerken aber noch weitgehend unberücksichtigt geblieben sind. Inhalt, Einleitungsfragen und Theologie sind so - zum gegenseitigen Vorteil! - stärker aufeinander bezogen als üblich. Daher können die Inhaltswiedergaben auch aussagekräftige und weiterführende Akzente setzen, anstatt nur zu wiederholen, was der Leser bereits aus der eigenen Bibellektüre weiß (m. E. eine Schwäche bei Schnelle und Niebuhr).
Auch die Gliederungen sind (v. a. bei Ebner und Theobald) den Texten angemessener und genauer als die bereits genannter Einleitungswerke, die in manchen Fällen etwas übergestülpt wirken, und beziehen die strukturellen Besonderheiten der einzelnen Bücher mit in die Darstellung ein. So kann die Gliederung von Mt auch ohne übergreifende Systematisierung auskommen, wenn eine solche Gesamtstruktur offensichtlich nicht zu finden ist, und hebt stattdessen die sichtbaren Strukturmerkmale wie Ringstrukturen und Scharniere sowie die zentrale Stellung der Reden hervor.
Die Darstellung der Gliederungen in Form von Grafiken oder Tabellen ist wesentlich übersichtlicher als die Fließtexte von Conzelmann/Lindemann es sind, wenn auch nicht so anschaulich wie die Grafiken bei Niebuhr. Nur die Beiträge von Joachim Kügler und Thomas Schneller fallen mit einer etwas übertriebenen Detailfülle auf der anderen Seite vom Pferd.
Schwächen offenbart das Werk stellenweise in der Theologie, die auf bekannten Unzulänglichkeiten der historisch-kritischen Exegese beruhen. So werden unterschiedliche Schwerpunkte und Themen in biblischen Büchern nach wie vor grundsätzlich gegeneinander gelesen (und nicht als gegenseitige Ergänzungen). In Ebners Beitrag zu Mt liest man mit ungläubigem Staunen, dass der Jesus des Mt in erster Linie eine neue Ethik, nicht aber einen Heilsweg zum Vater verkündigen wolle.
Die Einleitung von Ebner und Schreiber kommt trotz einiger solcher steilen Thesen insgesamt weniger streng methodisch und auch weniger selbstüberzeugt daher als Conzelmann/Lindemann und Schnelle. Die historisch-kritische Exegese scheint sich hier langsam bewusst zu werden, wie kontextgeprägt und vorbestimmt die Fragen sind, die sie an die biblischen Texte heranträgt.
Helge Dirks
ichthys 27 (2011), 108-110