Der Autor gehört offenbar zu jenen Venedig-Einwanderern, die sich vor Glück, in dieser herrlichen Stadt zu wohnen, kaum halten können. Das gönne ich - zugegeben etwas neidisch - jedem. Ob einem da neben dem Herz auch die Feder überfließen und das Glück sich gleich geschwätzig in zwei Büchlein ergießen muß - darüber kann man sicher geteilter Meinung sein. Von einem gestandenen Schriftsteller erwartet man da schon gehörige Phantasie, die hier aber zumindest bei der Titelgebung der Bücher versagt hat: Sich selbst als Venedig-Insider aufzuspielen, ist ja wohl doch ein wenig vermessen (Die möglichen Leser seines früheren so unterbetitelten Buches kann der Autor ja wohl unmöglich als "Insider" gemeint haben. Wen meint er also sonst damit, wenn nicht sich selbst, denn wirkliche Insider kommen bei ihm nicht zu Worte?). Allerdings muß man den anmaßenden Untertitel (Gaston Salvatore: Venedig. Das Insider-Lexikon. München 1995) eher dem Verlag und Gisela M. Freisinger als Herausgeberin der Buchreihe (Die ist wohl inzwischen eingestellt und vergessen. Ob den anderen Büchern dieser Reihe damit auch Gerechtigkeit widerfahren ist, kann und will ich nicht beurteilen.) anlasten. Aber immerhin hat sich der Autor darauf eingelassen. Salvatore konstruiert sein "Insider-Lexikon", indem er den Textabsätzen - immerhin bestehen 46 "Artikel" aus mehr als einem Absatz - ein mehr oder weniger (meist weniger) passendes Stichwort voranstellt, sie danach alphabetisch sortiert und es so auf 103 meist zusammenhanglos nebeneinander stehende Beiträge bringt. Einige offensichtlich zusammenhängende Texte sind dagegen in verschiedene Abschnitte mit jeweils eigenen "Stichworten" aufgeteilt worden, augenscheinlich um so mehr "Artikel" zu basteln. Unter einem Lexikon stelle ich mir etwas anderes vor.
Und eine "Einladung zum Untergang"? Was ist denn das? Wessen Untergang und warum? Der Autor erklärt nicht und hält nicht, was er titelnd und untertitelnd verspricht. Wo sind denn die "venezianischen Hintertreppen" (Bei der deutlich spürbaren Eitelkeit des Autors kann ich mir kaum vorstellen, daß er Dienstboten-Hintertreppen benutzt.)? Soll damit assoziiert werden, was man "historische Treppenwitze" nennt? Solche kommen aber im Buch nicht vor (mir fielen da schon einige venezianische Treppenwitze ein). Statt dessen kapriziert sich Salvatore immer wieder damit, welchen mehr oder weniger wichtigen Ereignissen er "beigewohnt" (Einladung S. 13; über Sprachgefühl kann man mit einem Schriftsteller wohl nicht streiten) ist, wobei er offen läßt, ob er dabei auch "...eine Gabel matschigen Risottos oder frittierter Fische zu sich zu nehmen" geruhte. "Das Menü kam seit Jahren jedem schon aus den Ohren." (Ebd. S. 78). Partygäste "fühlten sich hungrig, aber geehrt." (Insider S. 85) Auf diese Weise hat Salvatore offenbar etwas Klatsch aufgeschnappt und genügend Vorurteile hin- und hergewälzt, um seine beiden Venedig-Büchlein zu füllen. Im "Insider-Lexikon" beklagt er sich noch: "Schon bei meiner Ankunft hatte ich das nagende Gefühl, in der Inselstadt unerwünscht zu sein." (Insider S. 7) "Ich sprach ausschließlich in Superlativen (von Venedig). Aber ich war einsam und mußte meine Begeisterung niederschreiben." (Ebd. S. 12) "Nicht eingeladen zu werden, sei eine Tragödie." (S. 70) Aber schließlich kam die Erlösung: "Man lud mich fast um die Wette ein" (Einladung S. 113), wobei er sich dabei allerdings manchmal "fehl am Platz" (Insider S. 38) fühlt, aber "geschmeichelt und sah davon ab,... zu erklären, daß Ausländer nicht unbedingt geistesgestört seien." (Ebd. S. 13)
Sein kaum enden wollender Sermon über den Brand des Teatro fenice (Einladung S. 9-25, 32-37) ist wahrhaftig "ein Trauerspiel" (Ebd. S. 15). Da empfehle ich eher die Berichte unter Berufung auf namentlich genannte Augenzeugen von John Berendt (Die Stadt der fallenden Engel. Aus dem Engl. v. Matthias Müller. München/Zürich 2006, München 2008, S. 13-54, 106-115, 268-305, 319-327, 420-446), den Bericht aufgrund der Prozeßakten von Regine Igel (Das andere Venedig. Wahre Kriminalgeschichten aus der Lagunenstadt. Göttingen 2004, S. 23-42) sowie die unterhaltsame Darstellung dazu bei Dorette Deutsch (Gebrauchsanweisung für Venedig. München 2003, 42007, S. 72ff).
Über den Marcusplatz ist offenbar schon so sehr "alles" gesagt, daß Salvatore nichts zu schreiben weiß, als daß die Musiker der Cafés hier "seit Menschengedenken... in unbeschreiblich befleckten Fracks die wahrscheinlich miserabelste Kaffeehausmusik der Welt" gespielt hätten. So weit scheint SALVATORES "Menschengedenken" auch nicht zurückzureichen: "Dort (auf dem Markusplatz) spielt jeden Abend eine österreichische Kapelle, 60 Mann stark, die beste, die ich je gehört habe." (EFFIE RUSLIN an ihre Mutter am 13. November 1849 zit nach RUSKIN/RUSKIN S. 12). Da mag man freilich einwenden, daß EFFIE RUSKIN keine Musikexpertin ist (Ist SALVATORE überhaupt in irgendetwas Experte?) und sie vielleicht auch nicht viele Kapellen gehört haben mag, aber gegen das Urteil RICHARD WAGNERS ist schlecht argumentieren: "Die Kapellmeister der beiden in Venedig kantonierten österreichischen Regimenter gingen damit um, Ouvertüren von mir, wie die zu 'Rienzi' und 'Tannhäuser', spielen zu lassen, und ersuchten mich darum, in ihren Kasernen den Einübungen ihrer Leute beizuwohnen. Hier taf ich denn auch ganze Offizierskorps versammelt, welche sich bei dieser Gelegenheit recht ehrerbietig gegen mich benahmen. Ihre Musikbanden spielten abwechelnd des Abends bei glänzender Beleuchtung in der Mitte des Markusplatzes ...Nur fehlte es hierbei gänzlich an dem, was man so leicht sich sonst von einem italienischen Publikum hätte erwarten müssen: zu Tausenden scharte man sich um die Musik und hörte ihr mit großer Spannung zu; nie aber vergaßen sich zwei Hände so weit, zu applaudieren, weil jedes Zeichen des Beifalls an einer österreichischen Militärmusik als ein Verrat am Vaterlande gegolten haben würde." (Mein Leben 1813-1868) Das Florian und das Lavena rühmen sich, Stammhaus von RICHARD WAGNER gewesen zu sein und er griff dort auch schon mal zum Dirigentenstab. Der US-BOTSCHFTER WILLIAM DEAN HOWELLS berichtete (Venetian Life, 1867): "...Gewöhnlich werden (von den österreichischen Militärkapellen) Stücke aus italienischen Werken ausgewählt, und dies stellt für den italienischn Musikliebhaber eine große Versuchung dar. Doch er widersteht. Es gibt einige Damen von Adel, die seit dem Fall der Republik im Jahr 1849 die Piazza nicht mehr betreten haben." JOHN RUSKIN: "Da ist der Markusplatz auf der einen Seite; viele Leute sieht man, und eine Kapelle von 50 Soldaten spielt Walzer für sie. Ein Großsteil der Zuhörer ist am verhungern, sie gehen in der Sonne auf und ab, um sich warm zu halten. Die anderen sind da, weil sie nichts zu tun haben oder weil sie nichts tun. Aber alle würden sofort die walzer-spielenden Soldaten umbringen, wenn sie könnten." (JOHN RUSKIN an REVEREND W. L. BROWN vom 8. Januar 1850 zit. nach nach RUSKIN/RUSKIN S. 30) Daß RUSKIN diese Äußerung ernsthaft und keineswegs ironisch meint, wird dadurch deutlich, daß er sie noch weiter ausgeführt in den zweiten Band von The Stones of Venice übernahm. Er teilte damit die Meinung sehr vieler Briten: "It must make the blood of the Venetians boil to see the ugly striped yellow & black railing of the Austrians nailed against the palace of the Dodge & to hear the drums beat for the change of watches of the foreign soldiers... Why do not the Venetians send the Austrians to the devil"? (Aus einem englischen Tagebuch von 1837 zit. nach Gereon Motyka: Venedig im Spiegel der viktorianischen Reiseliteratur Eine Quellensammlung. Frankfurt/Bern/New York/Paris 1990 S. 54; ähnlich äußern sich im 19. Jahrhundert viele Briten: ebd. S. 70, 84, 86, 109, 151, 156, 159, 167f, 171, 191-194, 197-199, 201, 207, 209, 218, 222). Motyka faßt seine erschöpfende Analyse in diesem Punkt abschließend zusammen: "Auf Beschwerden über die Herren aus der Donaumonarchie stößt man sowohl in den Tagebüchern als auch in den Druckwerken. Trotzdem loben fast alle Engländer die flotte Militärmusik auf dem Markusplatz, die ja ebenso österreichischen Ursprungs ist." (Ebd. S. 281)
SALVATORE meint, seit der demokratischen Wende in Osteuropa, die dort zur Pleite vieler Orchester geführt hat, spielten nun hier vorzügliche Musiker. "Ihre Fräcke seien vielleicht kurios osteuropäisch dürftig geschnitten, aber dafür makellos rein." (Einladung S. 38f; im "Insider-Lexikon" heißt es noch etwas vorsichtiger S. 90: "Beide Kapellen (der Cafès Quadri und Florian) scheinen stolz auf ihr schlechtes Musizieren zu sein.") Ähnlich, aber nicht geringschätzig, behauptet Katharina Holtmann (Auf den Spuren von Donna Leons Romanen. Essen 22006, S. 88), die Musiker hießen jetzt "nicht mehr Giorgio oder Alfredo, sondern Segej oder Igor." Petra Reski (Der Italiener an meiner Seite. München 2007) stellt zwar S. 50 auch fest, daß sie im Florian aus Moldawien stammen, alle studierte Musiker seien und "Pawel, Vitali, Sefan, Konstantin" hießen, läßt sich aber nicht dazu hinreißen, etwa denunziatorische Bemerkungen über schmutzige oder schlecht sitzende Jacken zu machen. Ach, vergessen wir's einfach...
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