Im Jahre 1952 war der prosperierende Energiestandort des Ruhrgebiets aufzugeben und dem Verfall angediehen. Andere Energiequellen waren effizienter als der Kohleabbau - seitdem gilt das Ruhrgebiet dem Ruf nach als Falle, aus der man lieber rechtzeitig verschwinden sollte.
"Einladung an die Waghalsigen" spielt zwar nicht dort, aber das Problem ist dasselbe. Die Jugend - die Schwestern Fritzi und Margarete - wollen auch weg aus dem immer glühenden Kohlestollen, um den Fluss Buenaventura zu finden.
Dabei suchen sie gleichzeitig auch noch ihre Herkunft, denn die Mutter ist schon lange Zeit auf Wanderschaft und ward nimmer wieder gesehen.
Klingt eigentlich klassisch: Herkunft -- Suche -- Zukunft, alles noch durch die Flusssymbolik ergänzt.
Und doch funktioniert alles ganz anders: "Einladung an die Waghalsigen" ist kein Roman mit schillernden Figuren, die Charaktere sind flach gezeichnet, einsilbige, routinierte Dialoge sind vorherrschend. Der "Roman" hat Berichtsform und ist somit kein Stück Popliteratur. In gewisser Weise ist das Lesen des Buches also auch "eine Einladung an die Waghalsigen" und damit auf Gedeih und Verderb der Vormundschaft von Lesern und Kritikern ausgeliefert. Mir hat das Experiment gefallen, dennoch habe ich ein paar Anmerkungen:
Beachtet man das Alter der Autorin Dorothee Elmiger und die Tatsache, dass "frei" aus anderen Werken zitiert wurde, drängt sich eigentlich der Vergleich mit Helene Hegemann ("Axolotl Roadkill") auf, die durch ihren "Raubbau" in den Feuilletons bekannt geworden ist. Gott sei Dank hat das noch keiner getan, denn Elmigers Entnahmen sind niemals Selbstzweck, sondern verdeutlichen vielmehr das Wissensfundament der Geschwister Stein, auf dem ihre Suche basiert.
Wo die eine Autorin Popliteratur betreibt, wagt die andere ein Experiment - und dennoch lässt "Einladung an die Waghalsigen" einige Elemente vermissen - das symbolisch Fragmentarische wird schamlos ausgereizt und so trifft man auf zahllose Seiten, die mit lediglich zwei Sätzen abgehakt werden. Dieser Umstand und die etwas blutarme Ausgestaltung der Schwestern schmälern das Lesevergnügen etwas, auf dass das ohnehin knapp geratene Buch in bestenfalls zwei Stunden durchgelesen ist.
Dennoch dürfen wir nicht vergessen, dass es sich dabei um das Debüt eines jungen Talents handelt, dass zwar nicht ganz ausgereift ist, aber dennoch im Auge behalten werden sollte.