Mitte der 80er Jahre war ich es leid: Boney M., ABBA und Silver Convention waren längst out und irgendwie sagten mir die leisen Töne immer mehr und mehr zu. Im Radio spielte man grade 'Über den Wolken' und ich fuhr schnurstracks in den nächsten Schallplattenladen und kaufte mir die neue CD von Reinhard Mey. Seit dieser Zeit habe ich zumindest beim Kauf meiner CDs eine jährlich wiederkehrende Routine: Alle 2 Jahre fiebere ich der neuen CD von entgegen, im Herbst des gleichen Jahres findet man mich immer auf einem Konzert der zugehörigen Tournee und im Jahr darauf besorge ich mir die Live-CD der Tour. Eine Routine, wie ich sie bei keinem anderen Sänger oder Gruppe je eingehalten habe.
Im Mai 2000 erschien das 21. deutschsprachige Studioalbum des Liedermachers: 'Einhandsegler'! Die vierzehn Songs, mal kritisch, mal witzig und dann wieder sentimental, fordern gradezu zum Zuhören heraus. Mey ist wirklich kein Sänger, den man mal eben nebenbei verkonsumieren kann.
Für mich bietet 'Einhandsegler' zwei Lieder, die ich nur mit Superlativen beschreiben kann: 'Ich bring Dich durch die Nacht' ist das bisher schönste, liebevollste Lied ... und 'Erbarme Dich' das kritischste, erbarmungsloseste Lied seiner Karriere.
'Ich bring' Dich durch die Nacht' strahlt seine Wärme durch sanfte, zärtliche Worte aus, weckt Hoffnung in denen, die traurig und unglücklich sind, die sich verlasen fühlen. 'Ich bring Dich durch die Nacht' nimmt diese Betroffenen an die Hand und führt sie in den neuen Tag, der durch diese Zweisamkeit wieder wärmer scheinen lässt. Durch seine ruhige Art, begleitet durch Gitarre und ohne viel Beiwerk, glaubt man Reinhard Mey diese Zuversicht wie selten zuvor.
Die zugehörige Tournee 'Solo' hat mich überrascht: Ich habe nie zuvor ein Publikum erlebt, das bei einem einzigen Lied so unruhig war. Unruhig vor Scham, Mitgefühl, Hass. Mit Tränen in den Augen, schneuzenden Nasen in raschelnde Tempotücher, mit verstohlenem Schniefen. Schuld war 'Erbarme Dich', eine schonungslose Kritik an Schlachtviehtransporte, in diesem Lied ein Pferdetransport von Litauen nach Sardinien. Der Refrain aus dem Lied (Zitat):
Erbarme dich,
Erbarme dich!
Erbarme dich der Kreatur,
Sieh hin und sag nicht, es ist nur Vieh!
Auch hier weiß Reinhard Mey genau, wie er Stimme und Musik effektvoll einsetzen muss, um die Zuhörer zu fesseln und nachdenklich, sogar betroffen zu stimmen. Während der Titel von Erbarmen spricht, wird dem Zuhörer erbarmungslos klargemacht, wie unachtsam er mit Lebewesen umgeht, egal ob Vieh oder Haustier.
Eigentlich ist jedes einzelne Lieder des aktuellen Albums ein kleines Meisterwerk für sich: 'Serafina' erzählt von einer rassigen Italienerin, die eigentlich Valentina heißt und Russin ist. 'Doktor Berenthal kommt' lässt uns an unseren Kinderarzt von damals erinnern und 'Kurti' ist einer unserer besten Freunde, die wie kleine Elefanten im Porzellanladen in unseren gewohnten Gang einbrechenlassen und kurz darauf wieder verschwinden.
Reinhard Mey ist eigentlich dem breiten Publikum nur durch Lieder wie 'Der Mörder ist immer der Gärtner', 'Über den Wolken' und 'Diplomatenjagd' bekannt. Mann kennt ihn von seinen Eltern, hat ihn schon mal ein Liedchen trällern hören. Schade eigentlich, denn die Entwicklung zum heutigen Reinhard Mey verlief in der Stille, jenseits der Charts und ohne große Beachtung der Medien. Aber vielleicht ist es auch genau das, was ihn zu dem Liedersänger macht, der er heute ist. Wie bezeichnete sich Mey bei einem Auftritt mal? Als ältesten Rapper Deutschlands. Aber ... Mey ist mehr, viel mehr.