Vergessen Sie einmal alles, was Sie über Umweltverschmutzung, Recycling, Global Warming oder Nachhaltigkeit gelesen haben. Vergessen Sie auch einmal für einen Moment das Schuldgefühl, wenn die Plastiktonne mal wieder bis zum Rand gefüllt oder wenn Sie, mangels eines Mülleimers oder einfach aus Gedankenlosigkeit den Eiskrembecher in die Landschaft 'entsorgt' haben. Und stellen Sie sich stattdessen einmal die folgende Frage: Ist es ein Fehler, uns Menschen die Krone der Schöpfung zu nennen? Sind wir als einzige Spezies letztendlich dazu bestimmt, im besten Fall weniger Schädliches für uns und unsere Mitbewohner auf diesem Planeten zu tun? Kann es für uns tatsächlich nur darum gehen, dessen Resourcen durch Nachhaltigkeit langsamer zu verschwenden? Deckt sich diese Philosophie, die bislang das Menschen- und Weltbild der Umweltbewegung geprägt hat, letztendlich aber nicht besonders inspirierend ist, mit unseren tiefsten Erfahrungen, unserem tiefsten Verständnis unserer selbst, unseren höchsten Zielen? Hinter dem unscheinbaren Titel 'Einfach intelligent produzieren' steckt eine echte Revolution. Michael Braungart und William McDonnough, ein deutscher Chemiker mit Greenpeace Erfahrung und ein amerikanischer Architekt, die wir schon in unserer letzten Ausgabe kurz vorstellten ('Design für Utopia'), haben sich das ganze Gedanken- und Produktionssystem, das hinter unserer heutigen Wirtschaft steckt, vorgenommen und hinterfragen es auf eine Weise, die von den althergebrachten Ideen der grünen Revolution nichts mehr übrig lässt. Obwohl man bei der Lektüre manchmal die Zähne zusammenbeißen muss, wenn wieder eine lieb gewonnene Idee über Umweltschutz in die Mülltonne wandert und das bedrohliche Bild, welches von unserer Gesundheit und der der Erde gezeichnet wird, deutlicher denn je umrissen wird, hat all dies letztendlich zur Folge, dass man sich fühlt, als könne man plötzlich freier atmen. Mit ihrer festen Überzeugung und unerschütterlichen Begeisterung für das Potenzial unserer Kreativität, die nicht nur idealistisch sind, sondern in ihrer eigenen Arbeit ganz konkreten Ausdruck finden, erreichen Braungart und McDonnough tatsächlich die Seele ' ohne ein einziges Mal die Worte Moral, Spiritualität oder Gott zu benutzen. Nach einem Überblick über die Geschichte der industriellen Revolution, der die Logik ihrer Anfänge in ihrem historischen Kontext verständlich macht, erklären Braungart und McDonnough, warum unsere bisherigen Anstrengungen, die Auswirkungen unserer Geschäftigkeit auf die Erde zu relativieren, zu keiner befriedigenden Lösung geführt haben oder führen können. Sie verschreiben der Menschheit eine zweite industrielle Revolution. Und dabei geht es ihnen nicht um ein Zurück zu Beschränkung, Verlangsamung oder Einfachheit. Im Gegenteil ' ' Nehmen wir die Ameisen ' sie sind, nach Biomasse gemessen, viermal so stark wie wir Menschen auf dem Planeten vertreten. Doch mit all ihrer kollektiv fein abgestimmten Produktivität tragen sie auf eine verblüffende Vielzahl von Weisen zum Kreislauf des Lebens und der Ernährung anderer Arten bei. Oder der Kirschbaum ' seine Übermenge an Blüten scheint verschwenderisch und uneffizient, doch seine Schönheit und sein Nutzen für die ihn umgebenden Lebenssysteme würde niemand bestreiten. Die Autoren argumentieren, dass es, wenn wir schlau genug sind, Sonden zum Mars und Teleskope immer tiefer ins Weltall zu schicken, keinen Grund dafür gibt, unsere einmalige Erfinderkraft und Ingenuität nicht nur zu unserem eigenen Wohl, sondern gleichzeitig dem des ganzen Lebenssystems einzusetzen. Wie wäre es zum Beispiel, wenn man Verpackungen mit Genuss in die Landschaft werfen könnte, weil sie in Sonne und Regen zerfallen und dabei die in ihnen eingeschlossenen Samen von heimischen Gräsern und Blumen freigeben? Je weiter man den Gedankengängen der beiden Autoren folgt, desto fraglicher erscheinen einem all die als selbstverständlich vorausgesetzten Maxime der bisherigen Umwelt-Philosophie: Plötzlich erscheinen sie fast wie eine Beleidigung des menschlichen Geistes und Potenzials. Dieses Buch bietet allem Zynismus, aller Resignation über unsere Rolle auf diesem Planeten die Stirn und stellt eine aufregendere, kreativere, positivere und menschlichere Alternative vor. An konkreten Beispielen, auch aus ihrer Arbeit mit Firmen unterschiedlichster Branchen auf allen Kontinenten, zeigen Braungart und McDonnough, dass es für uns technisch absolut möglich ist, anzufangen, die Erde in eine neue Ganzheitlichkeit zu führen, in der wir Menschen zum ersten Mal nicht nur nach ganzem Herzen konsumieren, sondern dabei gleichzeitig zur Lebensqualität aller Arten beitragen können. Sie nehmen uns jede Entschuldigung dafür, selbstgerecht oder selbstbemitleidend zu sein. Schuldig sollte sich keiner fühlen ' solange wir die Fakten nicht kannten, konnten wir nicht anders. Doch danach ' von jetzt an ' sind wir alle aufgefordert, unsere außergewöhnliche Erfinderkraft in den Dienst unseres Planeten und seiner Zukunft zu stellen. Indem Braungart und McDonnough so unerschrocken, leidenschaftlich und kompromisslos in die Tiefe ihres Faches gehen, erreichen sie damit so etwas wie eine Aussöhnung mit unserer eigenen Natur. Sie beschreiben den Anfang eines wirklich integralen Weges der Produktion, der es möglich macht, zum Mitgestalter der größten Produktion aller Zeiten zu werden ' dem Leben.