Er lasse uns alles da, verkündet der Sänger am Piano sitzend während der zweiten Konzerthälfte.
Merkwürdig. Da kennt man die Verlogenheit des Showbusiness, wenn man sich wie ich im 5. Lebensjahrzehnt befindet, ist gewohnt, applausheischender Effekthascherei zu misstrauen, den schönen Schein grundsätzlich in Frage zu stellen.
Es ist aber allenfalls im Wortsinn(!) merkwürdig, denn bei Udo Jürgens scheint alles echt, wenngleich natürlich ein Konzert wie dieses vor 10000 Menschen in Zürich durchkalkuliert sein muss. Die Authentizität, mit der dieser Mann vor seinem Publikum steht, die Glaubwürdigkeit in jeder Geste, jeder meist geistreich-originellen Überleitung zum nächsten Titel, die aber immer Sinn macht, suchen ihresgleichen.
Ein 75-jähriger Sänger, dessen Stimme die Jahre nicht verrät, gibt ein Konzert, das internationale Vergleiche nicht nur NICHT zu fürchten braucht, sondern schlichterdings Weltklasse hat. Seien es die unvergänglichen Melodien alter Klassiker wie GRIECHISCHER WEIN oder aber neue Kompositionen wie EINFACH ICH, Mitklatschnummern a la ALLES IM GRIFF, die er textlich gekonnt aktualisiert (und die ich daheim auf Studioaufnahmen grundsätzlich überspringe, live aber sehr wohl zu packen wissen) oder aber aktuell sehr betroffen machende Lieder, von denen stellvertretend hier WAS IST DAS FÜR EIN LAND genannt sein möge: Der charismatische Jürgens, kongenial begleitet von einem Orchester in Höchstform und ebensolchem Bühnenbild, fesselt, macht glücklich oder nachdenklich, schenkt ein nachhaltiges, weit über 2-stündiges Konzerterlebnis, das nicht nur unterhält, sondern die Seele in all ihren Facetten ganz tief zu berühren versteht.
Das ist es, was ein Genie ausmacht. Er lässt uns wirklich alles da: Was er ist, denkt, hat, kann. Den Menschen Udo Jürgens kenne ich so gut wie gar nicht, doch vor dem Künstler verneige ich mich - ganz ohne falsches Pathos - in Dankbarkeit.