Der Autor wirkte jahrelang als Personalleiter, bevor er sich als Berater selbständig machte und mit dem Schreiben von Büchern begann. Seit 2007 arbeitet er nur noch als freier Autor. Ich beginne mit dem Blick auf den beruflichen Lebenslauf von Karl-Heinz List, weil ich die Erfahrung machte, dass sehr kreative, umtriebige und sperrige Geister ihren Lebensunterhalt nur selten in Personalabteilungen verdienen. Ausser dem Autor scheint sich auch der Gestalter dem konservativen Geist der HR-Branche angepasst zu haben. Im Zweifelsfalle entscheidet man sich lieber für Bewährtes als für Aufregendes.
In der Einleitung und im ersten Teil erfährt der Leser, wie ein guter Text sein muss. Das ist nett gemeint, aber bewirkt in der Regel herzlich wenig. Denn das Wissen ist meist schon da. Oder erhebt jemand dagegen Einspruch, dass ein Text sprachlich korrekt, kurz, verständlich, anschaulich, lebendig, lesefreundlich und frei von Überflüssigem sein soll? Ist irgendwer der Meinung, man solle anders schreiben als man spreche? Glaubt jemand daran, sprachliches Unvermögen lasse sich mit dem Korrigieren einiger Stilblüten beheben? Ich nicht. Wie resistent wir Menschen gegenüber Veränderungen sind, zeigt sich auch beim Schreiben. Vor allem, wenn der Druck von Schulnoten vorbei und keine attraktive Belohnungen in Sicht ist. Der Autor bemüht sich zwar, seinen pädagogischen Ansatz mit einer Prise Humor erträglicher zu machen. Doch so richtig gelingen will ihm das nicht.
Nach dem mit Übungen durchsetzten Theorieteil gibt es für den Leser ab Seite 47 sprachliche Milieukunde. Karl-Heinz List stellt verbale und formale Eigenheiten von Chefs, Juristen, Verfassern von Stellenanzeigen, Bewerbungsbriefen, Arbeitszeugnissen und Internet-Selbstpräsentationen vor. Danach folgen 30 Seiten Übungsmaterial, 50 Seiten Mustertexte und zwei Seiten Literaturangaben. Die Autoren modernerer Konzepte für angehende Formulierungskünstler suchte ich vergeblich, was mich aber nicht in Staunen versetzte. Wenig überraschend war auch, dass Inhalt und Form der CD-ROM meinen Gesamteindruck vom Buch bestätigten.
Mein Fazit: Wer mit seiner Schreibkunst andere Menschen erreichen, informieren, überzeugen und verführen möchte, kann aus einer Flut von Ratgebern auswählen. Wer kleine Schritte liebt, nicht gross anecken will und daran glaubt, er lerne an den Fehlern anderer, wird dieses Buch mehr mögen als ich. Texterkollegen, die im harten Konkurrenzkampf stehen und die Geheimnisse ihrer Erfolge in Buchform weitergeben, empfehle ich lieber weiter als diesen Autor. Er möge mir dies verzeihen.