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Ken Wilber ist einer der führenden Intellektuellen der USA und versucht sich an einem integrierten Weltbild aller Wissenschaften, d.h. Integration aller Lebensbereiche von Wissenschaft, Psychologie, Popkultur, Kunst, Religion und Mystik aus Ost und West, aus Vergangenheit und Gegenwart.
Das Buch ist eine Mischung aus "Einführung in das Ken Wilber Weltbild" und eine Vorstellung der Person Ken Wilber. Es ist in Tagebuch- und Ich-Form geschrieben, wobei Ken Wilber an vielen Tagen statt persönlicher Erlebnisse anderes Material einschiebt, z.B. Briefe, Gedanken, Meditationen, Interviews oder Artikel/Vorworte die andere über Ihn oder zu seinen Büchern geschrieben haben.
Der Stil reicht, je nach Art der Einträge, von anspruchsvoll Sachlich, über tränenrührend Gefühlvoll (teilweise gefühlsduselig, was aber eine Schwäche der deutschen Übersetzung ist) bis harsch und beißend kritisch.
Bewertung:
Dies war mein erstes Ken Wilber Buch (sicher aber nicht mein letztes). Ken Wilber dürfte einer der brilliantesten Denker der Gegenwart sein und gleichzeitig einer der klarsten Mystiker/Erweckten/Erleuchteten/Zen-Meister oder wie auch immer man die Klasse Mensch nennen mag, die einen Blick über die Realität hinaus ins Unendliche/Einssein/Nicht-Duale/Nirvana gewagt hat. Vor allem ist er meines Wissens der einzige, der intellektuelle Brillianz mit dem Blick über die Raum-Zeit-Welt hinaus vereint.
Das Buch ist durch die wechselnden Tagebucheinträge extrem abwechlsungsreich, stellenweise intellektuell sehr anspruchsvoll, gleichzeitig aber auch zutiefst menschlich und mystisch. Das Wilbersche holoistische (gesamtheitliche) Weltbild und seine Gedanken sind originell (nicht im Sinne von lustig sondern im Sinne von Original/einmalig), nie platt und haben mir viele viele Denkanstöße gegeben.
Streckenweise ist Wilber beißend kritisch, speziell wenn es um flache romantisierende oder rückwärtsgerichtete spirituelle oder gesellschaftliche Stömungen geht, die sich selbst zur endgültigen Lösung aller Weltprobleme hochstilisieren. Ich selbst bin nicht mit allen seinen Schlüssen einverstanden, stimme aber vielen, wenn nicht sogar den meisten seiner Beobachtungen zu. Wissens- und denklastige Leser werden sich die Hände reiben, idealistische Esoteriker werden möglicherweise Zeter und Mordio schreien, aber für jeden, der einen logisch/denkerischen Mindestanspruch an seine Weltsicht hat (also diese nicht nur leben sondern auch begründen will) wird es die Zeit absolut wert sein, sich mit Kritik a la Wilber auseinanderzusetzen, selbst wenn man letztendlich anderer Meinung sein sollte.
Das Buch aber nicht nur ein trockenes Plädoyer für Ganzheitlichkeit sondern macht durch den Blick in Ken Wilber's Leben auch Lust das Leben in seiner Fülle zu leben, also eine private Ganzheitlichkeit zu entwickeln, von den höchsten, klarsten transzendenten Erlebnissen (soweit sie für den einzelnen erreichbar sind), über Wissenschaft und kulturelle Felder (Mode, Film, Literatur, Kunst) bis zum körperlichen (Sport, Genuß, Sex).
Die einzigen Wehrmutstropfen sind nicht etwa die Punkte an denen ich nicht mit Wilbers übereinstimme (seine Kritik an den idealisierten, retro-gerichteten Feldern scheint mir bei aller Richtigkeit mehr dogmatisch als integrierend), sondern zum Beispiel in dem endlosen nennen von Namen großer Denker, wenngleich diese Art der Prahlerei unter Intellektuellen wohl zum Diskurs-Stil gehört. Auch nimmt die deutsche Übersetzung der Sprache viel an Klarheit (eine Klarheit die im Original fast schmerzt wie die eisige Kälte eines Berggipfels) und treibt vor allem die medidativen Beschreibungen z.T. ins schwurbelig flauschig flache ("strahlende Zeitlosigkeit" kommt leider nicht an "brilliant timelessness" heran, was eine Beschränkung der deutschen Sprache oder auch des Übersetzers sein mag).
Fazit:
Lesenswert für jeden, der wissen möchte, wozu der menschliche Geist und das menschliche Wesen fähig ist, für jeden der Kritik nicht als Angriff sieht, alle denkfreudigen die Standpunkte lieben, selbst wenn es andere als die eigenen sind sind und nicht zuletzt für diejenigen, die an echter de-indentifikation (Ego-Auflösung) interessiert sind, und nicht nur an re-indentifikation (Ego-Neuorientierung mit immer neuen Welterklärungen).
Das Buch ist eine wunderschöne Fundgrube für jeden der Wilber mag, teilweise eine echte Goldgrube. Wilbers Schreibstil, fast überflüssig zu erwähnen, ist die gewohnte Mischung aus technischer Brillanz mit der Leichtigkeit der Feder. Es ist besser als "Eros Kosmos Logos" für die Badewanne geeignet, weil es inhaltlich und vom Gewicht her leichter ist, ohne freilich die nötige Tiefe vermissen zu lassen.
Also, danke Ken, für ein weiteres großartiges Buch, und allen potentiellen Lesern sei das Buch ans Herz gelegt. Ich wünsche viel Spaß und ein wenig konstruktiven Ärger.
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