Christian Thies schafft es, eine systematische (d.h.: nicht rein historische) Einführung vorzulegen, die sowohl umfassend als auch nicht umfassend ist. Wie ist das zu verstehen?
Die Darstellung ist insofern umfassend, als sie alle Fragen und Themen aufgreift, die man in einer guten Einführung in die philosophische Anthropologie erwarten darf. So behandelt Kapitel 1 die grundlegende Frage, was philosophische Anthropologie denn eigentlich ist: Was sind ihre Methoden, Ziele und Grenzen? Wie ist ihr Verhältnis zu anderen Disziplinen innerhalb der Philosophie? Wie ist ihr Verhältnis zu den empirischen Humanwissenschaften? Kapitel 2 versucht, aus klassischen Bestimmungen des Menschen wie animal rationale, homo passionis, homo faber, zoon politikon und animal symbolicum unter Berücksichtigung von Erkenntnissen aus den empirischen Humanwissenschaften Grundbegriffe der philosophischen Anthropologie wie Denken, Fühlen, Arbeiten, soziales Handeln und Sprechen zu entwickeln. Kapitel 3 schließlich geht anthropologischen Grundfragen nach: Welche menschlichen Fähigkeiten sind angeboren, welche erworben? Neigt der Mensch eher zu egoistischem oder altruistischem Verhalten? Wie ist die Stellung des Menschen im Kosmos zu bestimmen?
Diese Einführung ist auch insofern umfassend, als sich am Ende der Unterkapitel Kurzzusammenfassungen, Fragen zur Vertiefung und weiterführende Literaturhinweise befinden. Darüber hinaus ist die Darstellung nicht nur übersichtlich gegliedert, sondern überzeugt auch durch eine klare und daher gut nachvollziehbare Sprache.
Diese Einführung ist insofern nicht umfassend, als alle Kapitel und Unterkapitel inhaltlich erheblich zu knapp ausfallen. Das gilt vor allem für die Berücksichtigung der Erkenntnisse aus den empirischen Humanwissenschaften. Die Darstellung ist in dieser Hinsicht leider nur als bruchstückhaft zu bezeichnen. Eine gute und gelungene Einführung ist inhaltlich immer ein Balanceakt zwischen "zu oberflächlich" und "zu detailliert" bzw. "zu voraussetzungsvoll". In diesem Fall neigt der Autor leider zu stark in die erste Richtung, sodass ihm der Seiltanz nicht wirklich oder nur sehr eingeschränkt gelingt.
Alles in allem also für eine allerallererste Orientierung halbwegs brauchbar, für mehr allerdings nicht: 2,5 von 5 möglichen Sternen.