Wirft man einen Blick in das Bücherregal des "modernen Jurastudenten", gesellen sich zu Hemmer & Co zahlreiche Lehrbücher, Kommentare sowie Fallbücher. Das vorliegende kleine gelbe Buch wird in den seltensten Fällen gesichtet werden - bedauerlicherweise.
Jura ist eine Geisteswissenschaft. Das "Verstehen" und die "Sinnfindung" prägen diese Wissenschaft. Karl Engisch verdeutlicht dies dem Leser sehr eindringlich. Um sich ein umfassend gebildeter Jurist schimpfen zu können, genügt es nicht das aktuellste BGH-Urteil zur betrieblichen Rentenversicherung sowie die fünfunfünzigste Theorie zum Erlaubnistatbestandsirrtum zu kennen. Umfassende Kenntnis der Gesetzessystematik, der juristschen Methodenlehre und Hermeneutik sowie der Rechtsphilosophie sind nicht minder wichtig, ja schlichtweg elemtar.
Bereits im ersten Semester wird man mit Auslegungsregeln konfrontiert, mit der Subsumtion, diversen Rechten und Pflichten sowie mit der analogen Anwendung von Gesetzen.
Doch Hand aufs Herz: Welcher Examenskandidat hat diese Themen nicht nur fallbezogen, sondern auch abstrakt verinnerlicht? Wer hat das Zusammenspiel von Rechten und Pflichten oder die Wechselbeziehung von Tatbestand und Rechtsfolge wirklich begriffen? Mit Sicherheit die wenigsten.
Dass man darüber ganze Bücher schreiben kann verwundert wahrscheinlich den einen oder anderen Leser dieser Rezension. Auch ich musste mich bislang dazuzählen. Es handelt sich um vielschichtige und spannende Thematiken, die in dem vorliegenden Buch ideal aufbereitet werden. Das Buch zeichnet sich durch eine logische Stringenz, Klarheit in der Sprache und inhaltliche Reichhaltigkeit aus. Das Verständnis für Jura wird geschärft, logische Zusammenhänge unter bislang unbekannten Apsketen werden neu erschlossen.
Kurzum: Karl Engisch vermittelt dem Leser ein umfassendes Bild über grundlegende juristische Themen.
Das Buch ist kein Muss für ein Prädikatsexamen, jedoch mit Sicherheit eine große Bereicherung für die juristische Allgemeinbildung.
Meiner Ansicht nach eignet sich das Buch allerdings erst für Studenten ab dem dritten Semester. Konkretes juristische Fachwissen ist nicht erforderlich, jedoch sind die darin beschriebenen Sachverhalte derart abstrakt, dass der Studienanfänger diese kaum nachvollziehen wird. Für höhrere Semester ist dieses Buch jedoch ein wahrer Schatz, deshalb spreche ich an dieser Stelle ein klare Kaufempfehlung aus für Studenten, die über den "juristischen Tellerrand" hinaussehen möchten.