Rezension bezieht sich auf die englischsprachige Originalausgabe: Guy Newland,
Introduction to Emptiness: As Taught in Tsong-Kha-Pa's Great Treatise on the Stages of the Path, Snow Lion, 2008; ich habe nur diese englischsprachige Ausgabe gelesen und kann daher nicht die Qualität der deutschen Übertsetzung beurteilen.
Leerheit ist ein zentrales Konzept der buddhistischen Philosophie und schwierig zu verstehen. Leerheit (nach meinen Begriffen, kann und sollte man auch anders begreifen): alle Dinge (einschl. Konzepte wie das Selbst, das Ich etc) sind bei gründlicher Analyse ohne intrinsische, essentielle Existenz - leer. Sie entstehen -sowohl innerhalb wie auch außerhalb unseres Bewusstsein (wenn es ein Außerhalb gibt)- durch all die Abhängigkeiten, mit denen sie verwoben sind (Depending Arising).
Auch westliche Philosophen (von griechischen Philosophen über George Berkeley und Arthur Schopenhauer über konstruktivistische Strömungen bis hin zu philosophischen Implikationen der Quantentheorie, siehe auch Ludger Lütkehaus'
Nichts: Abschied vom Sein /Ende der Angst) haben dieses Konzept in verschiedenartigster Form immer wieder aufgegriffen, meist aber eher in Bezug auf die menschliche Erkenntnisfähigkeit (Trennung von Wahrnehmung und Wirklichkeit). In der Buddhistischen Philosophie wird es zu einem Konzept der "Wirklichkeit" selbst und zur Ursache unseres Leidens, weil wir Dinge (entweder materielle Dinge oder ideelle Konzepte wie unser Selbst) begehren oder ihnen anhaften, die keine eigentliche und schon gar keine dauerhafte Existenz haben.
Guy Newland führt uns an dieses schwierige Konzepte sehr kenntnisreich und sehr strukturiert heran. Dabei scheut er Wiederholungen (z.B. wird der Begriff Emptiness fast immer von einer Definition gefolgt) nicht, entwickelt aber das Konzept schrittweise immer weiter, so dass auch diese Einführung den Leser irgendwann zu den Implikationen des Leerheits-Konzeptes führt, bei denen einen der Kopf zu schwirren beginnt.
Die relative Kürze des Textes (etwa 110 Seiten) bewahrt den Leser aber davor, vollkommen den Überblick zu verlieren. Daher ist diese Einführung dem Interessierten sicher zu empfehlen, bevor er sich entschließen kann, ob er sich solchen Standardwerken wie von Jeffrey Hopkins'
Emptiness Yoga: The Tibetan Middle Way oder
Meditation on Emptiness(etwa 700 Seiten) zuwendet -oder auch nicht.
Guy Newland nähert sich dem Konzept der Leerheit hier anhand des Werkes von Tsong-Kha-pa.
Tsong-kha-pa (1357-1419) gilt als Gründer der Gelug-Schule des tibetischen Buddhismus, zu der auch der Dalai Lama gehört. Die Gelug-Schule ist eine Richtung des Madhyamaka (Mittlerer Weg). Der wiederum - jetzt jetzt bloß nicht den Überblick verlieren ;-) - gehört zur Mahayana-Tradition (Großes Fahrzeug: neuere, seit dem 2. Jahrhundert erkennbare Richtung des Buddhismus', die Mitgefühl & Erkenntnis in den Mittelpunkt stellt und sich vom älteren Hinayana (Kleines Fahrzeug) abgrenzt, der nach Ansicht von Mahayana-Anhängern das Ich-Gefühl in den Mittelpunkt stellt).
Madhyamaka geht auf den Lehrer Nagarjuna zurück und teilt sich in Svatantrika und Prasangika, die sich hauptsächlich in der Form ihrer Argumente (Syllogismus: Zwei Prämissen führen zu einer Schlussfolgerung bzw. reductio ad absurdum: Widerlegung einer Behauptung durch Darstellung Ihrer Absurdität) unterscheiden. Tsongk-kha-pa steht mehr im Einklang mit der Prasangita-Strömung.
Verwirrend? Genau. Die feinen aber bedeutenden Unterschiede der verschiedenen buddhistischen Schulen, die im Buchtext erklärtermaßen nicht im Vordergrund stehen sollen aber doch auch immer wieder Thema des Buches sind, machen das Verständnis nur bedingt leichter, ermöglichen aber Abgrenzungs-Definitionen und sind wohl auch das Ergebnis einer positiven Eigenschaften des Buddhismus: Denken -auch anders denken - ist nicht nur erlaubt sondern auch gefordert & daher kann es so viele Buddhistische Schulen geben.
An der hier im Mittelpunkt stehenden Madhyamaka-Schule gefällt mir am besten:
- bevor man das Konzept der Leerheit in der Meditation zu vertiefen versucht, soll man es sich mit dem Verstande erarbeiten ("Weisheit erlangen", z.B. durch Schriftenstudium), d.h. die der westlichen Tradition vertraute Näherung über die rationale Auseinandersetzung (im Ggsatz zur reinen Meditation) ist bedeutsam auf dem Weg zur Erkenntnis.
- Auch wenn die ultimative Wahrheit die Leerheit jeglicher intrinsischen Existenz bedeutet, führt sie nicht in den Nihilismus und zerstört nicht die konventionelle Wahrheit, und das heißt:
- Die Erkenntnis der Leerheit allen Seins entbindet nicht von Mitgefühl und Fürsorge für seine Mitmenschen (und andere Geschöpfe).
FAZIT: eine bedeutende und trotz des schwierigen Themas gut lesbare Einführung in ein zentrales Konzept buddhistischer - und auch so mancher westlicher - Philosophie