"In der Ära einer politisch zusammenwachsenden Europäischen Union und eines sich vertiefenden Europa-Bewusstseins ist es nur folgerichtig, wenn die kulturellen Errungenschaften Alt-Europas gebührend ausgeleuchtet werden...."
(Harald Haarmann)
Nachdem timediver® bereits in "
Geschichte der Schrift" (2002), "
Geschichte der Sintflut: Auf den Spuren der frühen Zivilisationen" (2005), "
Die Indoeuropäer: Herkunft, Sprache, Kultur" (2010) und anderen Publikationen Haarmanns mit der alteuropäischen Donaukultur konfontiert wurde, sah er der Veröffentlichung der nunmehr erschienenen "Einführung in die Donauschrift" mit wachsender Spannung entgegen....
Immer noch weitverbreitet ist die Ansicht, dass sich jede Zivilisation des Altertums durch Monumentalarchitektur auszeichnet und dass eine solche Architektur Ausdruck einer spezialisierten Arbeitsteilung in einer sesshaften Agrargesellschaft ist. Mit den Funden im ostanatolischen Göbekli Tepe in den 1990er Jahren steht jedoch fest, dass die ersten monumentalen Tempelbauten von Jägern und Sammlern bereits im 10. Jahrtausend v. Chr., also lange vor den mesopotamischen Zikkuraten und ägyptischen Pyramiden, erbaut wurden. Das hartnäckige Vorurteil, wonach die Entstehung hochkultureller Institutionen staatliche Organisationsformen voraussetzt, wurde durch die Siedlungen der alten Indus-Zivilisation, die nicht staatlich, sondern in einer Wirtschafts-. Und Kulturgenmeinschaft organisiert war, widerlegt. Lange haben Schriftforscher die Motivation für die Einführung einer Schrift darin gesehen, dass sie für die Tempelverwaltung und das Steuerwesen benötigt wird. Auch dieses Postulat hat sich durch Funde von kurzen Inschriften auf altägyptischen Grabbeigaben, die keiner Verwaltungsbürokratie entsprungen sind, relativiert. An dieser Stelle setzt die Erforschung der Kultur des "Alten Europa" - für die sich mittlerweile der Terminus "Donauzivilisation" ( 5000 - 3500 v. Chr.) durchgesetzt hat - ein....
Nachdem im zweiten Kapitel anhand positiver und negativer Kriterien Schrift als Technologie und Kulturökologie definiert wurde, bietet Kapitel vier anschauliche Darstellungen des Schreibprinzips, Infrastruktur und Zeichentypologie der Donauschrift. Zahlreiche Abbildungen, Synopsen und Fotos von Artefakten machen den Leser mit den Puitaderas (neolithischen Tonstempeln), ornamentalen Motiven auf Figurinen objekter sakaraler Funktion, Zahlzeichen kalendarischer Funktion, Punktreihen auf Tonscheiben usw. vertraut. Schrift war und ist nicht überall sprachgebunden. In allen alten Kulturen folgen die Anfänge des Schriftgebrauchs dem logographischen Schreibprinzip. Die Zeichen der Schrift sind sprachunabhängig, sie werden direkt mit der Bedeutung von Wörtern assoziert und sind damit selbst die Ideenträger. Erst mit einem, über einen viele Jahrhunderte andauernden Prozess sollte sich eine systematische Koppelung von Schriftzeichen an Sprachlaute entwickeln, die für uns heutige Alfabetbenutzer zur Selbstverständlichkeit geworden ist.
Durch Migration wurde mit den Kulturgütern und Ideengut der alteuropäischen Agrargesellschaft auch die Schrifttechnologie vom Festland in den ägäischen Raum transferiert. Dieser "Kulturdrift" umfasst viele Muster und Einzelmerkmale. Angefangen bei religiös-weltanschaulichen Vorstellungen", dem Doppelaxtmotiv und dem Stierkult wird eine ganze Liste von Merkmalen aus dem weiten Beziehungsnetz alteuropäisch-altägäischer Konvergenzen aufgestellt. Die stichwortartige Aufzählung ist in die Bereiche "Religion, Kult & Kultsymbolik", "Technologien und Handwerkssparten", "Architektur und Layout von Siedlungen", "Sprache und Kommunikation" und Schrifttechnologie gegliedert (S. 118/119). Beeindruckend sind die Konvergenzen zwischen alteuropäischen und altägäischen Zeichen; der Donauschrift zur "Linear A" (frühestens 2500 v. Chr) und "Linear B" (15. bis 12. Jahrhundert v. Chr.) So weisen von den etwas mehr als 120 Zeichen der Linear A rund die Hälfte graphische Parallelen zum alteuropäischen Zeichenrepertoire auf. Von Zypern aus wurde diese Schrifttechnologie in den Nahen Osten und andere Regionen des Mittelmeerraumes bis hin zur Iberischen Halbinsel vermittelt.
Nach einer umfangreichen Bibliographie bei der Haarmann selbst mit einem Quellenverzeichnis von beinahe einer ganzen Seite zitiert wird, bietet ein vierteiliger Anhang noch das "Inventar der Zeichen der Donauschrift", den "Zeichensatz der Trypillya-Schrift", eine Liste mit den wichtigsten Orten der Schriftfunde und eine Übersicht mit den Logogrammen der Gottheiten.
Harald Haarmann ist mit seiner "Einführung in die Donauschrift" die Präsentation einer wissenschaftlichen Arbeit gelungen, die das althergebrachte Verständnis vor- und frühzeitlicher Zivilisationen in Wanken bringt. Der in der Reihe "Einführung in fremde Schriften" des Hamburger Helmut Buske Verlages erschienene Band ist mit 5 Amazonsternen zu bewerten.