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Ratzinger hat das Buch bereits 1968 geschrieben; es ist eine Zusammenfassung seiner Vorlesungen über das apostolische Glaubensbekenntnis. Die Vorlesungsreihe Ratzingers in Tübingen war damals sehr umstritten und man trennte sich nach drei Jahren im Streit. Ein neues Essay aktualisiert nun das Buch, das in meinen Augen immer dann besonders gelungen ist, wenn Ratzinger dem Leser seinen Glauben auf wissenschaftlicher und theologischer Basis anhand von Quellen positiv darlegt.
Ausgangspunkt ist das Glaubensbekenntnis (Credo), das bis ins Alte Testament und zu den Wurzeln des Monotheismus zurückverfolgt wird und von dort aus über Christus theologisch und philosophisch bis in die Moderne führt. Hier kann sich das Werk in geistige und spirituelle Höhen aufschwingen. Ratzingers Erklärung zur Entstehung des Trinitätsbegriffs oder die Anrede Gottes durch Christus als "Abba" sind wundervolle Gedankengeschenke, die den Leser spirituell und wissenschaftlich erfreuen können. Das Buch ist keine leichte Lektüre. Es fordert geistig, und man sollte schon über theologische und philosophische Grundkenntnisse verfügen, um mitdenken zu können.
Leider empfand ich das Buch nicht durchgehend erbaulich. Immer wieder mal blieb mir bei der Lektüre regelrecht die Spucke weg; nämlich genau dann, wenn Ratzinger seine Glaubensauffassung von anderen möglichen Auffassungen abgrenzt. Zugegeben, er hat ein sehr feines Gespür dafür, woher der katholischen Kirche Gefahren der Zersetzung drohen könnten: Sei es durch politische oder religiöse Strömungen oder durch eine gedankliche Arbeitsweise wie die wissenschaftliche Methode. Aber sogar der Mystizismus des Kirchenvaters Augustinus, der den direkten Zugang zu Gott verheißt (direkt und ohne dazwischen stehende Institution einer Kirche?), wird von Ratzinger wörtlich als "unrealistisch und unchristlich" bezeichnet. Die Begründung hierzu scheint mir persönlich ein wenig dünn geraten im Verhältnis zur Härte der Aussage. Dort und an etlichen weiteren Stellen kann man, da es um Glaubensdinge geht, durchaus anderer Auffassung sein. Meiner Ansicht nach wird in dem Buch bisweilen Abgrenzung mit zuviel Schärfe und möglicher negativer Auswirkung betrieben. Als Beispiel sei zitiert: "Deshalb gilt nun auch, daß Glaube, der nicht Liebe ist, kein wirklich CHRISTLICHER Glaube ist, sonder nur als solcher erscheint - ein Tatbestand, der ebenso gegen ein doktrinalistisches Mißverständnis des katholischen Glaubensbegriffs wie gegen die Säkularisierung (deutsch: Verweltlichung) der Liebe angemeldet werden muß, die bei Luther aus der Exklusivität der Glaubensrechtfertigung hervorkommt."
Auch hier wieder harte Abgrenzung. Da nutzt auch die Fußnote Nr. 12 im Anhang mit einer genaueren Definition von Luthers Glaubensbekenntnis und dem Hinweis auf das Konzil von Trient nichts mehr. Wieviele evangelische Christen werden wohl durch solche Sätze wie oben zur vorsichtigen Annäherung oder gar freudigen Rückkehr in den Schoß der katholischen Kirche angeregt?
Interessant ist auch Ratzingers Erklärung zur Rolle der heiligen katholischen Kirche als Organisation. Hier gelingt es ihm, das Ertragen ihrer zugegebenermaßen schrecklichen Fehler der Vergangenheit (Kirchenstreit, Kreuzzüge, Inquisition) als Tragen der Organisation in der Gegenwart zu definieren und noch Wandlungsmöglichkeiten sowie etwas Bewegungsspielraum für die Zukunft offen zu lassen.
Ich bin nicht katholisch und muß daher nicht alle Ansichten teilen und jede Begründung des Buches akzeptieren, aber es ist schon spannend zu lesen, wie Ratzinger darin seinen Glauben definiert hat. Das Buch kann als Maßstab seines künftigen Wirkens als Papst aufgefaßt werden und gehört daher als Nachschlagewerk in jede Hausbibliothek - auch und gerade für Nichtkatholiken.
Hat man aber eine christliche Erziehung genossen, kennt die Bibel recht gut, ist wissenschaftlichen Texten gegenüber aufgeschlossen und hält Ontologie nicht etwa für Vogelkunde, dann ist man hier richtig. Ratzinger präsentiert dem intellektuellen, christlich und philosophisch vorgebildeten Leser eine Zusammenfassung des katholischen Christentums, die sich gewaschen hat, räumt mit so manchem Missverständnis in Glaubensfragen auf und hinterlässt zumindest bei mir einen tiefen Eindruck von der Kompetenz, Intelligenz und Frömmigkeit dieses Mannes.
Fazit: Wem der Text nicht zu anstrengend ist und wer die nötige Vorbildung mitbringt, kann sich endlich mal ordentlich und grundlegend, weit ab unserer in diesem Thema so überaus inkompetenten Medien über den Katholizismus schlau machen.
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