Also dieses Stück verdaut man wirklich schwer. O'Neill lässt uns einen Blick auf eine amerikanische Familie werfen, dessen Probleme allerdings allgemeingültig sind. Da ist der Vater James, der, ehemals ein beliebter Schauspieler, sich in den Alkohol und den Geiz geflüchtet hat. Da ist die Mutter Mary, die gerade von einer Entziehungskur heimgekehrt, bereits wieder an der Nadel hängt. Und dann wären da noch die Söhne James und Edmund. Der eine ebenfalls Schauspieler und dem Akohol zugetan, der andere an der Schwindsucht erkrankt und, wie sollte es anders sein, auch niemals abgeneigt ein Gläschen zuviel zu trinken. Der Kern dieses Dramas besteht aus den gegenseitigen Anschuldigungen der Familienmitglieder. Jeder hat an jedem etwas auszusetzen, nimmt in einem Moment Partei für diesen um im nächsten Partei für jenen zu nehmen. Man verbündet sich, man verachtet sich. Eine Hassliebe ist es, die alles hier zusammenhält. Denn auch wenn die Momente der gegenseitigen Anklagen überwiegen, gibt es immer wieder kleine Liebeserklärungen, zwischen den Eheleuten, zwischen den Brüdern, auch zwischen Eltern und Söhnen. Aber, wie schon gesagt, nur, um sich dann wieder vom anderen abzustoßen. Hier verknotet sich also alles nur noch mehr, wenn versucht wird die Probleme zu lösen. Und man möchte als Leser fragen, warum denn die Protagonisten hier nicht einfach vernünftig und gesittet miteinandern sprechen, vielleicht würde das helfen. Aber es geht einfach nicht. Jeder hat hier mit seiner eigenen Vergangenheit und erst recht mit der Vergangenheit der anderen zu kämpfen. Die Figuren lassen ihr Gegenüber nur in Ruhe um in ihre eigene persönliche Hölle zu flüchten.
Das macht dieses Stück so schwer verdaulich. Es gibt einfach zu wenig glückliche Momente, es ist einfach alles kaputt in dieser Familie. Und auch wenn '"Eines langen Tages Reise in die Nacht"' natürlich nicht so in der Form auf alle Familien zutrifft, ich hoffe auf die wenigsten, werden doch wohl viele Leser die eine oder andere Seiten von irgendeiner Figur in dem Drama wiedererkennen. Wenn der Vater beispielsweise erzählt, dass er es ja früher viel schwerer hatte und was er alles für einen getan hat, dann könnte ich mir vorstellen, das sowas in der Art schon viele Leute gehört haben.
Für mich also ein wichtiges Drama, weil es so nah, so wirklich ist und dementsprechend den Leser nicht kalt lässt