168 000 Menschen aus 160 Nationen haben an dem Projekt "Einer unter 6 Milliarden" teilgenommen, 5000 Menschen aus 75 Nationen wurden interviewt und gefilmt, ein Teil von ihnen findet sich in diesem Buch wieder.
Im Vorwort schildert der französische Fotograf Yann Arthus-Bertrand wie er auf die Idee für dieses Projekt kam. Vorwort und Mini-Making-of am Ende des Buches geben weitere Einblicke in das Projekt. Gleich zu Beginn des Buches wird der Fragebogen vorgestellt, inklusive Link zur Internet-Seite von "Einer unter 6 Milliarden".
Die Autoren lassen die Antworten der Interviewten unkommentiert stehen. Ob und wie sehr repräsentativ die Meinungen der Befragten für ihr Land sind wird ebenfalls nicht erläutert und auch nicht, warum manche nur mit ihrem namenlosen Foto, andere nur mit einer einzelnen Antwort und wieder andere mit Foto, Vorstellung und mehreren Fragen ihren Platz im Buch bekommen haben.
Gerade die Tatsache, dass die Antworten unkommentiert wiedergegeben werden, gibt dem Leser Freiraum, um sich eine eigene Meinung zu bilden. Eine schöne Übung, um sich Vorurteilen bewusst zu werden ist es auch sich erst die Fotos auf der linken Seite anzuschauen und dann auf der rechten Seiten nachzulesen aus welchem Land die Person stammt. Mancher Asiate sieht überraschend westlich aus, ein Hans stammt nicht aus Deutschland, sondern den USA usw.
Im Fernsehen waren bereits einige Interviews dieses Projekts zu sehen. Was genau soll dieses Projekt bezwecken? Gefördert wird es von einer französischen Grossbank, sollen hier Studien erstellt werden, um Produkte besser auf die unterschiedlichen Märkte zuzuschneiden? Im Buch wird recht wenig dazu geschrieben. Faszinierend ist das Projekt dennoch.
Zumeist wird nur das Land des Interviewten genannt, im Fall der USA wird zusätzlich die Stadt (meist LA oder NYC) mit angegeben. Es wurden alle Kontinente abgedeckt (ja, auch inklusive der Antarktis).
Nicht jede Antwort mag übermässig spektakulär sein, die Fragen hingegen sind kein Small Talk, sondern zumeist zu den elemenarsten Themen: Liebe, Tod, Kinder, Gott, Träume, Glück, Geld u.s.w. Manches ist erfrischend bodenständig, etwa der Ehemann, der von seiner ständig unzufrieden Frau berichtet und schildert wie entspannt er selbst ist. Er freut sich für jeden Tag, an dem er einfach nur lebendig ist. Ein Serbe, wenn ich mich nicht irre. Eine Italiener hingegen hat sämtliche Lebensfreude verloren, seit ihr Mann verstorben ist. Ein Afrikaner schildert Europa als Garten Eden und findet es schön als Strassenkehrer Geld zu verdienen, denn damit ist ihm ein deutlich besseres Leben möglich als in Afrika. Ein türkischer Transsexueller klagt über die Rückständigkeit und den Sexismus der Türkei (und hat mich persönlich etwas skeptisch gestimmt, wenn man jedes Wort in diesem Buch für repräsentativ halten würde, dann könnte man meinen die Türkei, Russland und andere Länder hätten nur sehr wenige positive Seiten).
Sehr schön fand ich folgende Lebensweisheit zum Thema Liebe: "Die Liebe ist wie ein Ei, wenn man es zu fest drückt, zerbricht es. Und wenn man es zu locker in die Hand nimmt, fällt es herunter." (Alvania, Indonesien).
Nicht jeder Ausspruch aus diesem Buch hat solch poetische Strahlkraft. Das Spektrum ist gross. Menschen sind unterschiedlich und mitunter sehr widersprüchlich, so ist es die grösste Angst des einen, dass es keinen Gott geben könnte, während ein anderer gerade den Beweis von Gottes Existenz erschütternd finden würde. Es gibt viel zu entdecken in diesem Buch!
Nach diesem Buch fühlt man sich durchaus etwas wie nach einer Weltreise oder nach der Lektüre zahlreicher Reiseberichte und Romane. Ein anderes Buch des Autors heisst: Die Erde von Oben.
Die Erde von oben: Ein Jahrhundert-Projekt So ähnlich fühlt sich dieses Werk auch an: ein Schnellflug über eine vielfältige, bunte Welt voller Menschen. 6 Milliarden! Diese abstrakte Zahl wird nach diesem Buch greifbarer und damit ist man wieder bei der Idee des Buches, die der Autor im Vorwort erläutert: alleine werden wir die Herausforderungen der Zukunft nicht mehr meistern können. Wir teilen uns den einen Planeten und wir gehören alle zusammen. Schöne Idee, schönes Buch! Oder wie es eine sehr gute Heavy Metal Band formuliert hat: One world. Welcome to it. Don't abuse it. (Anthrax). Oder wie es Xavier Naidoo und Megaloh in "Alles kann besser werden" formulieren: Wir könnten lernen, wie man durch Ergänzung wächst und vom Gefühl her wäre jeder Tag wie die WM 06.
320 Seiten, Hardcover, farbig, Übersetzung: Elsbeth Ranke und Stephanie Singh