SPOILERWARNUNG!
Einen Film wie "Einer flog über das Kuckucksnest" zu beschreiben, ohne wesentliche Teile seines Inhalts zu verraten, halte ich für schlicht unmöglich und mit einem "Der Film ist toll, weil er traurig und komisch zugleich ist" wird man dem Film nicht gerecht.
Randall P. McMurphy (Jack Nicholson) ist ein schlimmer Finger. Weil er es mit einer Minderjährigen getrieben hat (was er nicht bestreitet, er ist nur der Meinung, dass sie nicht minderjährig ausgesehen hat), wird er eingeknastet. Außerdem kloppt er sich ab und zu ganz gerne. Doch auch im Knast ist er so auffällig, so dass er zur Beobachtung in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wird. Dort wird schnell klar, was mit McMurphy "nicht stimmt". Er ist ein Unangepasster, der in die strengen Tagesabläufe der Klinik ungefähr so hineinpasst wie Mick Jagger in eine Klosterschule. Er verweigert sich dem Ritual des Pillenschluckens, weil er sich auch so ausgeglichen genug fühlt. Er macht erst einen Rückzieher, als ihm von der dominanten und überheblichen Oberschwester Ratched (Louise Fletcher) klar gemacht wird, dass man ihm die Pillen auch auf andere Art und Weise zuführen kann.
Auf der Station McMurphys sind die leichteren oder ungefährlichen Fälle untergebracht, meistens Leute mit einem kleinen Dachschaden, die z. T. sogar freiwillig dort sind, was McMurphy gar nicht glauben kann. Auf diese Menschen wirkt McMurphy, weil er nur das fordert, was für ihn normal ist und normal ist für ihn, sich ein Baseballspiel anzusehen, aber Schwester Ratched macht ihm einen Strich durch die Rechnung, weil sie durch ihn den Tagesablauf gestört sieht, weil er ständig dazwischenquatscht, weil sie durch ihn all das bedroht sieht, worüber sie Macht hat und das sind nun mal diesem Menschen, die ihr "anvertraut" wurden. An dieser Stelle kann man ruhig auch erwähnen, dass "Ratched" ein sprechender Name ist. Im Englischen klingt er wie "Wretched", was "erbärmlich/schäbig" bedeutet.
Diese Menschen staunen über McMurphy zuerst wie Kinder an Weihnachten, doch nach und nach gewinnt er ihr Zutrauen, weil er sie nicht wie Blödmänner behandelt (obwohl er ihnen beim Kartenspiel alle Zigaretten abnimmt, das einzige, um was gespielt wird), sondern wie ganz normale Menschen. Wahrscheinlich hat McMurphy in seinem Leben schon genug seltsame Figuren gesehen, so dass er da keinen Unterschied mehr sieht. Er fordert sie, er ist tatsächlich so etwas wie eine Therapie für sie. Besonders wird er von Billy Bibbit (Brad Dourif) bewundert, einem stotternden, schüchternen Jungen, der nur hier einsitzt, weil seine herrische Mutter mit Schwester Ratched befreundet ist.
Auf der Station liegt auch der "Häuptling", ein hünenhafter, scheinbar taubstummer Indianer (Will Sampson), den McMurphy bei einem Basketballspiel im Freien wie ein Zappelphilipp bearbeitet, doch bei dem Spiel mitzutun. Auf den Hinweis eines Pflegers, dass das sowieso keinen Sinn hat, wird McMurphy nur noch verbissener und er schafft das, was niemand für möglich gehalten hat. Der Häuptling spielt mit und zwar nicht, weil, wie sich später herausstellt, ihn McMurphy aus einer geistigen Umnachtung herausgeholt hätte, sondern eher aus einer Lethargie, denn der Häuptling verweigert sich seiner Umwelt, spielt den Taubstummen, weil man ihn damit in Ruhe lässt und nur McMurphy vertraut er sein Geheimnis an.
McMurphy schafft es sogar, mitsamt der ganzen Bande auszubüxen und eine Bootsfahrt zu unternehmen. Selbstverständlich werden sie alle wieder zurückgeholt und obwohl nichts passiert ist, bricht diese Aktion McMurphy schlussendlich das Genick. Man hält ihn jetzt zumindest für gefährlich und beschließt ihn, in der Klinik zu behalten.
Nun wird es McMurphy zu viel. Er bereitet seinen Ausbruch vor, doch vorher organisiert er noch für seine Jungs einen "Bunten Abend" mit reichlich Alkohol. Seine eingeschleuste Freundin ist "sehr nett" zu Billy, was diesen sogar sein Stottern vergessen lässt. Das Unglück naht am nächsten Morgen, natürlich in Gestalt von Schwester Ratched, die Billy schonungslos klar macht, dass sie dieses Verhalten seiner Mutter erzählen wird. Billy nimmt sich daraufhin das Leben, worauf McMurphy in ohnmächtiger Wut über Schwester Ratched herfällt und sie fast erwürgt.
McMurphy wird daraufhin eine Lobotomie unterzogen, im Klartext, sie schneiden ihm das halbe Hirn heraus. Als der Häuptling entsetzt den Zustand seines Freundes erkennt, nimmt er ein Kissen und erstickt ihn, ein Akt, der gleichzeitig brutal und zärtlich ist.
"Einer flog über das Kuckucksnest" ist zwar ein Film, der in einer psychiatrischen Klinik spielt, aber er wendet sich nur vordergründig gegen deren Methoden. In Wahrheit ist McMurphys Kampf ein Kampf gegen das System. Während die anderen Insassen sich sozusagen systemkonform verhalten, lehnt sich McMurphy permanent dagegen auf. Das System ist in diesem Fall Schwester Ratched und dagegen kann er nur verlieren. Auch das ist ein Grund, warum er sie zu erwürgen versucht.
Der Film gewann bei der Oscarverleihung die sogenannten "Big Five", die Oscars für Film, Regie, Drehbuch, Hauptdarsteller und Hauptdarstellerin, was vorher nur "It Happend One Night" und viel später "Das Schweigen der Lämmer" gelang.
Jack Nicholson spielt hier die Rolle seines Lebens. Man kann sich nur schwer oder gar nicht einen anderen Schauspieler in dieser Rolle vorstellen.