Bevor Ken Kesey dieser große schriftstellerische Durchbruch gelang, jobbte er auf einer Psychiatrischen Station, wo ihm die Idee zu „Kuckucksnest" kam. Er hielt dort Nachtwachen ab und unterhielt sich stundenlang mit den Insassen, machte Aufzeichnungen und fertigte Zeichnungen an. Unter dem Einfluss von Drogen kam ihm schließlich die Idee, den Roman aus der Sicht von Häuptling Bromden zu schreiben, der alles durch eine schizophreniebedingte Nebelwand registriert und beschreibt. Bromden leidet unter Verfolgungswahn und zieht sich völlig in sich selbst zurück bis er irgendwann gänzlich stumm wurde. So ist die Sicht auf die Psychiatrie in diesem Roman nicht objektiv, sondern surreal. Im Mittelpunkt steht R.P. McMurphy, Rebell und Spielernatur, aufsässig und fast ohne jede Regel. McMurphy ist der Einzelkämpfer, der sich gegen das System stellt. Seine Gegenspielerin ist Schwester Ratched, die mit ihrem sterilen Perfektionismus und ihren menschenfeindlichen Manipulationen vor allem während der analytischen Sitzungen eine subtile Unterdrückung auf die Patienten ausübt. Kesey erschafft dabei äußerst lebhafte Bilder durch ausdrucksvolles, authentisches und vor allem humorvolles Schreiben. Das Buch wurde nicht zuletzt deshalb ein Welterfolg (über 7 Millionen verkaufte Exemplare), weil es Kritik an intoleranten repressiven Gesellschaften übt, womit sich die rebellierende Jugend der sechziger Jahre identifizieren konnte. Denn die beschriebene Irrenanstalt ist ein perfekt organisiertes System, eine Gesellschaft im Kleinen, in der die Insassen Manipulationen und Repressionen hilflos ausgeliefert sind. So verwundert es nicht, dass der Roman erheblichen Anteil an der Reformierung der Psychiatrie in den USA hatte.
Kesey rebellierte selbst gegen autoritäre Strukturen und bürgerliche Normen. Er gründete die erste psychedelische Kommune der 60er, reiste mit einem bunt bemalten Schulbus durch Amerika, hörte Rockmusik (Grateful Dead), bezog Stellung gegen den Vietnamkrieg, stand fast ständig unter Drogen (Orangensaft mit LSD) und fuhr zur Weltausstellung nach New York. Der intensive Neil Cassidy fuhr den Bus, der auch mit Jack Kerouac - dem Idol der Beat Generation - befreundet war und der Held aus „On The Road" ist - ebenfalls ein epochemachender Roman. Nach Auskunft Keseys ist er auch Vorbild für die Figur des McMurphy gewesen. Kesey blieb sich zwar bis heute treu, schrieb aber nie wieder einen auch nur annähernd so bedeutenden Roman. Aber „Einer flog über das Kuckucksnest" ist mehr als ein großartiges Buch, es ist genial und zählt zu den besten der amerikanischen Gegenwartsliteratur.