Selten findet man ein Buch, das wirklich aus den Mainstream-Massen herausragt. "Eine zufällige Begegnung" ist ein solches Buch. Es ist so einzigartig wie seine Protagonistin. Elsie wird als unerträglich hässlich dargestellt, so hässlich, dass man ihren Anblick kaum erträgt. Diese Tatsache macht es nicht leicht, unbeschwert zu leben und akzeptiert zu werden. Andere Menschen treten ihr mit schier unabwendbaren Vorurteilen entgegen und schließen vom äußeren Erscheinungsbild auf ihren Charakter. Ist man ehrlich zu sich selbst, so muss man einsehen, dass unsere Gesellschaft nahezu versessen auf Aussehen und Status ist. Hat eine Frau wie Elsie dort eine wirkliche Chance glücklich zu sein?
Selbst von ihrer Familie erfährt sie weder bedingungslose Liebe noch einen wirklichen Rückhalt. Elsie hat es schon lange aufgegeben, Schwächen, Trauer, Angst oder gar ihre Unzufriedenheit und Enttäuschung zu zeigen. Sie trägt eine unglaubliche Last mit sich herum, die von Tag zu Tag schwerer wiegt. Dafür blüht sie in ihrem Beruf als Putzfrau richtig auf. Sie liebt Sauberkeit und Reinheit, kann sich an schönen Dingen nicht satt sehen und umgibt sich deshalb gern mit ihnen. Nun mag man denken: Was für ein Kontrast!
Doch halt! Wieso sollen Schönheit und Schönheit nicht aufeinander treffen?
Eines Tages lernt Elsie im Bus einen Mann kennen. Er verhält sich ihr gegenüber so abweisend wie alle anderen auch. Um seine Ruhe zu haben, erzählt er Elsie davon, dass er jemandem ermordet hat. Elsie nimmt diese Information sehr gelassen auf. Und obwohl der Mann eigentlich möglichst viel Abstand zu Elsie wahren möchte, entsteht doch eine gewisse Anziehung zwischen den beiden. So treffen zwei Außenseiter der Gesellschaft aufeinander und es entwickelt sich ein Miteinandersein daraus.
Charles Chadwick schreibt über wahre Schönheit - die innere nämlich! Es geht nicht um Diätenwahn oder darum irgendwelchen Trends hinterher zu rennen. Elsie ist ein ehrlicher, toleranter und verständnisvoller Mensch. Als Leser beginnt man sehr schnell sie zu mögen - sie richtig lieb zu gewinnen. Wieso wird sie meist nur nach ihrem Aussehen beurteilt? Sind wir wirklich so sehr von unserem ersten Eindruck gefesselt, dass eine Unterhaltung gar nicht erst zustande kommt? Im Unterschied zu ihren Mitmenschen tritt Elsie nämlich jedem mit Offenheit und Einfühlungsvermögen entgegen. Sie ist nicht geblendet von irgendwelchen Belanglosigkeiten. Die Ernsthaftigkeit, mit der sie andere bei Problemen unterstützt, zeigt wahre Größe und Schönheit.
Dem Autor gelingt es mit zarten Strichen ein Bild zu zeichnen, das seinesgleichen sucht. Es ist das Bild einer einzigartigen Frau, das vor Sanftheit und Feingefühl strotzt. Chadwick porträtiert sie in ihrem Innersten. Wer hätte anfangs gedacht, dass Elsie ein so wunderschönes Motiv darstellt?
© Daniela Möhrke, Leipzig, 30.04.2009