Ich studiere Geschichte und habe dieses Buch im Rahmen eines Seminars zu Selbstzeugnissen behandelt und schreibe derzeitig eine Hausarbeit dazu.
Die Memoiren der Wilhelmine von Bayreuth, Tochter des sogenannten Soldatenkönigs und Schwester Friedrichs des Großen, geben tiefe Einblicke in das Leben am preußischen und am bayreuther Hof. Bei der Lektüre ist zu beachten, dass es sich um die Darstellung von einem subjektiven Erinnerungsstandpunkt aus handelt. Viele Dinge sind übertrieben, weichen von der historischen Realität ab. Aber die Art, wie die Prinzessin und spätere Markgräfin ihr Leben darstellt, wie sie Dinge empfunden und später abgewandelt hat, ist bemerkenswert.
Auch Vor- und Nachwort sind interessant und sollten unbedingt gelesen werden, um auch die Umstände ihres Schreibens verstehen zu können - betrogen von ihrem Mann mit ihrer Freundin, zerstritten mit ihrem geliebten Bruder und das Gefühl permanenter Ablehnung in ihrer Heimat Berlin und ihrer "neuen Heimat" Bayreuth. Letzteres treibt sie in die Schulden, doch baut sie ein Schloss, eine Oper und verschönert u.a. die Eremitage.
Man sieht also: Ein Leben vor 250 Jahren und ähnliche Probleme wie sie heute noch existieren. Und doch blickt man in eine ganz andere Welt - in die der Hofwelt inklusive Etikette, Ehrgefühl und Heiratspolitik; und in die Welt vor eben 250 Jahren mit hoher Kindersterblichkeit, Krankheiten wie Wassersucht und Blattern (Pocken) und dem Drang nach Repräsentation.
Dieses Buch, einmal gelesen, werden Sie wohl nie vergessen.