Vergessen Sie alles, was Sie jemals an sogenannten Moral-Vorstellungen gelernt haben, vergessen Sie alles, was ihnen Eltern, Schule oder Kirche in dieser Hinsicht eingetrichtert haben, und lesen Sie diesen Roman- genauso wie es Kenzaburo Oe tat, als er ihn schrieb.
Diese autobiographische Geschichte des jungen Vaters Bird, der mit seinem Ekel ringt, weil sein Sohn mit einem irreparablen Hirnschaden geboren wurde, geht an die äußerste Grenze des menschlichen Schamgefühls.
Bird weiß, dass, wenn er nichts tut, sein Sohn mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in der Woche nach seiner Geburt sterben wird. Und er kann nur schlecht verbergen, dass ihm das Recht ist.
Das Buch behandelt die Frage, ob ein Mensch ein Feigling ist, wenn er seinem natürlichsten Impuls folgt, und ein Kind mit starker Abnormität von sich weist, und ob er ein Held ist, wenn er ein Kind, dass ihn niemals erkennen wird, dass ihm niemals dankbar sein wird, bis an sein Lebensende pflegen wird.
Bird weiß auch, dass, das Kind leben zu lassen, für ihn bedeutet, seine Unabhängigkeit, seine Träume und auch seine Ersparnisse für immer zu opfern. Und er flieht vor dieser Entscheidung, bis er mit dem Rücken zur Wand steht.
Der Unterton des Buches ist Scham und Schuldgefühl. Das Gefühl des Ausgeliefertsein, des endgültigen Bruches im Leben, und dem Wunsch die Zeit zurückdrehen zu können, machen das Buch zu einer aufwühlenden Erfahrung.
Der Grund, aus dem ich trotzdem einen Stern abziehe, ist die Sprache der sich der Verfasser bedient. Vielleicht hängt es mit der Übersetzung aus dem Japanischen zusammen, Oe schmückt jedoch sein Buch mit bildreichen Metaphern und Vergleichen aus, die nicht immer gelingen.
Dafür ein ganzer Absatz als Beispiel:
In den Sekunden, in denen Himiko diesmal nun ihr unabhängig eigenes Genuines umklammerte, leistete Bird ihr in stoischer Selbstbeherrschung Beistand, wie ein Soldat seinem Kameraden in der Schlacht. Danach bebte sie noch lange am ganzen Körper. Sie fiel in Hilflosigkeit, und war bald wie ein sattes Tierjunges eingeschlafen. Bird fühlte sich wie eine Glucke, die ihr Küken hütet. Diese blumige Sprache mildert ungewollt den allgemeinen Effekt der Geschichte etwas ab.
Was definiert einen Menschen? Ist ein Neugeborenes, das nicht sehen, nicht riechen, nicht hören, nicht schmecken und nicht sprechen kann, noch am Leben? Warum muss man einen schwerbehinderten Menschen lieben, nur weil er das eigene Kind ist? Und vor allem: Was würde I C H tun, wenn all das M I R passieren würde? All das sind Fragen, die in diesem Buch gestellt werden.
Eine persönliche Erfahrung ist gleichzeitig eine unbequeme Erfahrung für den Leser.
Aber bevor man das nächste Mal mit dem Finger auf Sterbehilfe-Befürworter oder Abtreibungsärzte zeigt, sollte man sich dieser unbequemen Erfahrung unbedingt unterziehen.