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Buchnotiz zu : Frankfurter Rundschau, 28.06.2003
Mit großer Begeisterung hat Rezensent Hugo Dittberner den nun erschienenen Band mit Essays von Jorge Luis Borges gelesen. Die aus dem Corpus der etwa 1.200 Essays von Borges ausgewählten Texte, darunter 16 bisher nicht ins Deutsche übersetzte, lassen Dittberner zufolge die "geistige Physiognomie" des Schriftsteller "deutlicher" hervortreten und widerlegen zudem den "Schimpfruf als Reaktionär". Die 67 Essays zeigen Borges in seinen verschiedenen Lebensphasen, berichtet Dittberner, als "jungen, polemischen" Autor, als den hochgebildeten "Scharf- und Klardenker" der mittleren Jahre und nicht zuletzt als den "Weisen", der die Summe ziehe. Doch urteilssicher und anregend sei Borges zu jeder Zeit gewesen. "Mit ihm", schreibt Dittberner, "lernt man verstehen und lieben und eben auch genießen und gewichten". Ein Lob gibt es auch für das "informative" Nachwort von Tim Parks sowie die gelungene Übersetzung.
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Buchnotiz zu : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.03.2003
"Postmodernes Rokoko, eine Prosa, die vor lauter Bücherregalen die Welt nicht mehr sieht", bejubelt Rezensent Wolfgang Schneider besonders eine, in diesem Essayband zuerst auf deutsch zu lesende Vorarbeit zu Borges' berühmtester Erzählung "Die Bibliothek von Babel". Neben vielen kanonischen Texten präsentiere das Buch außerdem fünfzehn weitere Erstübersetzungen, darunter Zeitschriftenpublikationen, die nicht einmal in den spanischen Gesamtausgaben zu finden seien. Mit einem Ton, der auf ein sehr inspirierendes Lektüreerlebnis schließen lässt, streift der Rezensent durch Themen und Autoren, denen die Essays gewidmet sind. Als "faszinierende Ausgrabung" wird dabei beispielsweise der Text "Das Rätsel Shakespeares" hervorgehoben. Lesenswert findet Schneider auch die biografischen Informationen des Nachworts von Tim Parks. Deutlich getrübt wird die Lesefreude allerdings durch die optische Gestaltung des Buchs: Erläuterungen befinden sich in einer farbigen Spalte am Seitenrand, klagt der Rezensent, erklärungsbedürftige Namen und Begriffe seien im Text unterstrichen. Am Ärgerlichsten findet Schneider die durchgängig kursive Schrift.
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Kurzbeschreibung
Die Erzählungen! Immer wieder die selben, vielzitierten Erzählungen. Doch Borges kann nicht erzählen, ohne zu denken, und nicht denken, ohne zu erzählen. Deshalb sind seine Essays nicht weniger phantastisch, radikal und »fabelhaft« als seine Ficciones ja, vielleicht steckt in ihnen sogar der eigentliche Kern seiner Autorschaft. Sonderbar, daß sie in keiner handlichen Ausgabe auf dem Markt zu finden sind.Viele von ihnen nennen sich »Historien«, »Träume« oder »Rätsel«, und alle sprengen den hergebrachten Begriff des Essays und verleihen der Gattung einen neuen, irisierenden Glanz.
Die frühesten unter diesen Stücken, kaum bekannt, sind achtzig Jahre alt, und sie wirken so frisch und überraschend wie am ersten Tag. Die Themen sind so vielfältig, daß man sich an den Kopf greift. Von der »Kunst des Schmähens« handeln sie, von der »Dauer der Hölle«, von Kabbalisten und Schildkröten, Denkmaschinen und Engeln.
Bisher unbekannt war hierzulande, was Borges über die Deutschen, die Juden und den Zweiten Weltkrieg schrieb. Diese Texte widerlegen die schwarze Legende, derzufolge man es mit einem unpolitischen oder gar »rechten« Schriftsteller zu tun hat. Es ist kein Zufall, daß Borges sich so gerne mit »Rechtfertigungen« und »Widerlegungen« befaßt hat. Den Zeitgeist hat er stets verachtet, und zum Mainstream wird er nie gehören.