Amazon.de Hörbuch-Rezension
Am besten ist Gerhard Polt zur Weihnachtszeit. Der Sketch, in dem ein von ihm gespielter Erwachsener angesichts der durch seinen Sprössling getätigten Verwechselung von Nikolausi und Osterhasi schier in Verzweiflung -- und gänzlich aus der Fassung -- gerät, gehört längst zum Klassiker des Genres. Auf
Eine menschliche Sau gibt sich Polt besinnlicher. Vom Rundfunk gefragt, was denn sein schönstes Weihnachtsfest gewesen sei, gibt Polts sichtlich gerührte Figur die Geschichte von der Rückkehr des Vaters aus der Kriegsgefangenschaft zum besten. Unter dem Weihnachtsbaum habe der Vater mit Zinnsoldaten die Schlacht von Verdun nachstellen wollen, aber so, dass nicht immer die Franzosen gewinnen. Der Bub findet mehr Gefallen daran, das Bataillon der Husareneiter mit den Weihnachtskerzen zu einer Bleikugel zusammenzuschmelzen. Beim Versuch, ihn sauber zu verprügeln, fällt der Vater aus dem Fenster Und dann haben sie meinen Vater mit dem Krankenwagen ins Spital gebracht, weil er Rippenbrüche gehabt hat und Quetschungen, heißt es bei Polt. Und mein Vater ist erst nach Heilig Dreikönige wiedergekommen. Das war das schönste Weihnachtsfest in meinem Leben.
Ansonsten schwadroniert und grantelt sich Polt wieder in altbekannter -- und altbekannt grandioser -- Manier durch sein Programm. Einmal vermittelt er zwei Ukrainer an einen Nachbarn, um sich anschließend über dessen lukrativen Menschenhandel zu beschweren, ein andermal mimt er einen Gammelfleischfabrikanten mit Kontakten in die Ukraine (An meinem Wildbret ist noch keiner gestorben! Und wenn er dran verstorben sein sollte, dann muss er vorher schon was gehabt haben!). Oder er geriert sich aus konservativer Kulturkritik als Retter des Abendlands -- etwa da, wo er die Fastfood-Kultur deutscher Fußgängerzonen unter die Lupe nimmt (Was die Leute darin heute fressen! Freiwillig! Da wird doch der Mensch zum Container!). Wie immer bleibt einem das Lachen ob der überzeichneten Figuren im Halse stecken. Denn immer erkennt man, dass hinter der Fassade der Karikatur ein Mensch steckt, den man so oder so schon einmal hat erleben müssen. Bevor einem aber das Lachen im Halse stecken bleibt, hat man erst einmal herzlich lachen müssen. Eine menschliche Sau sind 72:19 Minuten blendende Unterhaltung eines der besten Kabarettisten, die wir haben.--Stefan Kellerer
Kurzbeschreibung
Gerhard Polt begeistert mit seinen neuen Bühnennummern das Publikum mit scharfsinnigen Ein- und verblüffenden Ansichten. Die große Kunst des Kabarettisten ist - neben seiner unglaublichen Bühnenpräsenz -, wie er Figuren schafft, die so real sind, dass man sie zu kennen glaubt, es einen aber zugleich schaudert, weil man sie gar nicht kennen und am allerwenigsten in sich selbst wiederentdecken möchte.
Über den Autor
Gerhard Polt, geboren 1942 in München, brilliert seit 1975 als Sänger, Schauspieler, Poet und Philosoph auf deutschen und internationalen Bühnen. Polt erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Bayerischen Staatspreis für Literatur (Jean Paul Preis) und den Heimito von Doderer Literaturpreis. 2006 erhält er den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor. 2010 wird ihm der Ernst-Toller-Preis für "besondere Leistungen im Grenzbereich von Literatur und Politik" verliehen.