"Man kann in allen Religionen Menschen zu selbstmörderischen Aktionen verführen, wenn man ihnen als Lohn für den Märtyrertod den Eingang in den Himmel verspricht!"
(Walter-Jörg Langbein zu Martin Luther, Seite 120)
Nach "Das Sakrileg und die Heiligen Frauen" (2004) und "Maria Magdalena- Die Wahrheit über die Geliebte Jesu" (2006) ist "Eine kurze Geschichte von Gott" der Abschluss einer aufschlussreichen Sachbuchtrilogie mit welcher der Autor elementare Aspekte der von Menschenhand geschriebenen Religionsgeschichte thematisiert, die im Laufe der Jahrtausende in Vergessenheit geraten sind, umgedeutet, verschwiegen oder gar verfälscht wurden. Der Band kann jedoch auch unabhängig von den beiden Vorgängern gelesen werden, da er die Thematik aus einem anderen Blickwinkel heraus betrachtet.
Die Geschichte von historisch, geographisch und vor allem politisch bedingten Wandlungen des menschlichen Gottesbildes und die damit verbundener Erlösungswege werden in 8 Kapiteln präsentiert. Zu Beginn gab es die archaische Meeresgöttin und Himmelskönigin, die im Zeitalter des Matriarchats verehrt wurde. Nachdem ihr ein männliches Pendant im "Hieros Gamos", der göttlichen Hochzeit, gleichberechtigt zur Seite gestellt worden war, wurde die einstmals "Große Muttergöttin" in den patriarchalischen Gesellschaften schließlich vollständig von einen Schöpfergott abgelöst. Trotz theologischer Zurückdrängung und Dämonisierung sollte das weibliche Element Gottes jedoch allzeit in Volksfrömmigkeit, Kunst pp. präsent blieben.
Das zweite Kapitel schildert, wie aus einem allmächtigen Herrscherwesen, das unerreichbar über den Himmel zieht, ein Gott wurde, der als Partner der Menschen Verträge abschließt. In jener Phase entwickelte sich die Abgrenzung zwischen "rechtgläubig und ungläubig", die als archaisches Relikt bis heute zu gewaltsamer Konfrontation, statt friedvoller Begegnung der Religionen führt. Ein paralleler Schritt hierzu ist die Entstehung und die Relation von "Gut und Böse" die als Emanationen Gottes in Gestalt von Engeln und Dämonen abgespalten wurden und z. B. bei den Parsen, Manichäern, Bogomilen oder Katharern, einem - aus christlicher Sicht ketzerischen - Dualismus hervorgebracht haben. Kapitel 4 und 5 sind den religiös-politischen Umständen und anderen Gegebenheiten gewidmet, die zur Entstehung des Christentums führten. Hierzu zählt z. B. die Prophezeiung zweier (!) Messiasse und die Endzeiterwartung im Judentum, die oftmals wiederholt der Realität angepasst werden musste und sich daher im Laufe der Zeit nachhaltig veränderte. Erst die von Paulus durchgesetzte Loslösung von seinen antirömischen Wurzeln (Sabbatgebot, Speisevorschriften, Beschneidung pp.) erlaubte dem jungen Christentum von einer unbedeutenden jüdischen Sekte mittels einer Hellenisierung bis zur Weltreligion aufzusteigen. Gleichzeitig wurde hierbei auch die Saat von Antisemitismus und -judaismus gelegt. In seinem Brief an die Römer gab der Apostel zudem allen Despoten einen Freibrief, indem erschrieb, dass jede Macht von Gott gegeben sei......
Nachdem das einstmals unterdrückte Christentum zur Staatsreligion geworden ist, dauert es nicht lange bis es selbst zum Unterdrücker wird, und schließlich Inquisition und andere menschliche Abgründe hervorbringt, die das Papsttum zur Pornokratie verkommen lassen. Papsttum. Mit seiner Antwort auf die (von seinen Schriften ausgelöste!) Bauernrevolte sollte jedoch auch Luther eine Bankrotterklärung seines Christentums abgeben. Nachdem im sechsten Kapitel die ursprüngliche Gleichstellung der Frau und ihre Verteufelung bis hin zum Hexenwahn dargestellt werden, bietet Kapitel 7 einen Überblick über verschiedene Wege zum Ewigen Leben, zur Verdammnis und Erlösung. Neben den Pfaden der drei monotheistischen Weltreligionen werden auch jene des Hinduismus und Buddhismus aufgezeigt.....
Unter der Überschrift "Das wahre Sakrileg" schließt der Autor mit dem von ihm als 7 1/2 bezeichnete Kapitel den thematischen Kreis, indem er auf das weibliche Element des Göttlichen, das zyklische Zeitverständnis des Matriarchats und ihre heute noch präsenten Elemente zurückkommt......
Walter-Jörg Langbein ist mit "Eine kurze Geschichte von Gott" erneut eine spannende Analyse zur Entstehung von Glaubensformen und- inhalten gelungen, bei der er sich einmal mehr -besonders im Hinblick auf jedweden religiös begründeten blutigen Wahnsinn in der Menschheitsgeschichte - für interkonfessionelle Toleranz und Kooperation einsetzt. Ein analog zu den Kapiteln gegliedertes Literaturverzeichnis bildet den Abschluss einer - gerade zur Weihnachtszeit - nachdenklich stimmenden Lektüre. 5 Amazonsterne.