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Eine kurze Geschichte von fast allem
 
 
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Eine kurze Geschichte von fast allem [Taschenbuch]

Bill Bryson , Sebastian Vogel
4.3 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (183 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Wie kommt das Salz ins Meer? Warum fallen wir nicht von der Erde? Was passiert, wenn ein Stern explodiert? Wie misst man den Umfang der Erde? Wer hat den ersten Dinosaurier gefunden? Woraus besteht die „Bettdecke” der Erde? Woher kommt der Mensch? – Das sind nur einige der Fragen rund ums Weltall, die Erde und das Leben, die Bill Bryson in diesem Buch beantwortet. Das macht er mit jeder Menge Spaß und vielen spannenden Geschichten. Sie handeln von Atomen, Asteroiden und Aliens, aber auch von den Menschen, die sich seit Jahrtausenden bemühen, diesen Fragen auf den Grund zu gehen.

Eine kurze Geschichte von fast allem ist längst ein Weltbestseller, und das hat viele Gründe: Bryson schreibt humorvoll statt nüchtern, persönlich statt abstrakt, charmant statt hölzern, anschaulich statt hochgestochen. Und nicht zufällig beginnt sein Buch mit einem Kindheitserlebnis: Wissenschaftliche Neugier treibt schließlich jedes Kind um, das sich fragt, woher man weiß, dass die Erde innen flüssig ist, und ob es wohl irgendwo im All Außerirdische gibt.

Jetzt können endlich auch junge LeserInnen ab zehn Jahren in ihrem eigenen „Bryson” schmökern. Dafür wurde die „Erwachsenenausgabe” zum einen hervorragend gekürzt – man vermisst kaum Informationen, sogar wenn man beide Ausgaben nebeneinander liest – und zum anderen herrlich illustriert. Jede Doppelseite bildet nun eine gut strukturierte, übersichtliche inhaltliche Einheit. Brysons Humor wird dabei durch die Illustrationen und Fotos wunderbar unterstützt. Aber vor allem machen die Bilder die Informationen (vor allem die sehr abstrakten) noch anschaulicher und damit verständlicher. Und sie geben zahlreiche „versteckte” Informationen (zum Beispiel zur Epoche, in der ein Forscher gelebt hat), auf die man ansonsten viel Text verwenden müsste.

Das klingt nicht nur gut, es ist schlichtweg DIE ideale Lösung für ein populärwissenschaftliches Buch: Text und Bild ergänzen sich, lassen einen staunen, lachen und verstehen. Deshalb sollten nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene, die sich für „fast alles” interessieren, zu dieser Ausgabe des Bestsellers greifen. Denn warum sollte man darauf verzichten, Informationen in der bestmöglichen Form präsentiert zu bekommen, nur weil man kein Kind mehr ist? -- Gabi Neumayer -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .

Der Spiegel

Doktor humoris causa
Der erste Gag steckt bereits im Titel: „Eine kurze Geschichte von fast allem“. Ein Witz, dass ein Reisebuchautor, der Protonen nicht von Proteinen unterscheiden kann, wie er selbst schreibt, sich eines Tages einfach so hinsetzt, um mal eben eine naturwissenschaftliche Weltgeschichte hinzufetzen, vom Urknall bis zum Weltuntergang. Die Pointe dieses Gags ist mehr als 650 Seiten lang, und ziemlich überraschend: Bill Bryson schafft es wirklich, eine runde Geschichte zu erzählen. Sein Buch ist ein Meilenstein der Populärwissenschaft.

Alles fing mit einer tückisch einfachen Frage an: Wieso ist eigentlich das Meer salzig, und wieso wird es mit der Zeit nicht immer salziger?

Bill Bryson hatte keine Ahnung. Dabei war der Amerikaner als Bestsellerautor von Reisebüchern weit herumgekommen. Schwer bepackt mit Rucksack und Zelt war er der Länge nach dem Appalachen-Gebirgszug im Osten der USA gefolgt. Kreuz und quer war er durch Europa gestreift, von Hammerfest bis Capri, von London bis Istanbul. Auch Australien hatte er bereist.

Doch eines Tages, als er wieder einmal im Flugzeug saß und aus dem Fenster blickte auf den Pazifik tief unten, entdeckte er plötzlich Neuland: die wunderbare Welt der Wissenschaft.

Warum ist das Meer salzig? Bryson wusste es nicht. Und schlimmer noch: Je mehr er grübelte, desto mehr Fragen tauchten auf: Wie schwer ist die Erde, wie alt ist das Universum, und wie jagen Forscher den Antworten nach?

Bryson beschloss, das Neuland zu bereisen. Es sollte seine langwierigste Expedition werden. Drei Jahre lang las er alles, was er bekommen konnte über Chemie, Geologie, Biologie, Astronomie und noch eine Handvoll weiterer Fächer. Und schrieb das bislang beste Buch seiner Karriere: ein kurzweiliges Überblickswerk, das selbst die trockensten Lehrbuchweisheiten so lebensprall erzählt, dass sie fast wie Science-Fiction-Märchen erscheinen.

Die Leser zum Beispiel begrüßt er mit einer Gratulation: „Willkommen. Und herzlichen Glückwunsch. Damit Sie da sein können, mussten sich zunächst einmal ein paar Billionen unstete Atome auf raffinierte, verblüffend freundschaftliche Weise zusammenfinden und Sie erschaffen. Es ist eine hoch spezialisierte, ganz besondere Anordnung – sie wurde noch nie zuvor ausprobiert.“

Millionen von Lesern aus aller Welt ließen sich und ihre Atome nur all zu gern auf diese Reise ins Wunderland ihres eigenen Körpers und der Naturwissenschaften mitnehmen. Monatelang hielt sich das Buch auf den Bestsellerlisten.

Ein ganz und gar erstaunlicher Erfolg, wenn man bedenkt, dass Bryson nicht nur ein kompletter Außenseiter im Wissenschaftsbetrieb ist, sondern auch noch ausgiebig damit kokettiert, wie wenig er von dem versteht, über das er schreibt: „Ich war nie gut in Chemie oder Physik als Kind. Ich habe das nie kapiert. Selbst jetzt, nachdem ich dieses Buch geschrieben habe, würde ich, wenn ich in einem Physik-Seminar an der Uni sitzen würde, ab der dritten Woche nichts mehr kapieren, und müsste meinen Sohn darum bitten, mir bei den Hausaufgaben zu helfen.“

Doch die demonstrative Naivität der scheinbaren Außenseiterrolle liegt derzeit im Trend: Wenn der britische Stand-up-Comedian Mark Steel in „Vive la Revolution“ über die Französische Revolution schreibt, ist das gleichzeitig lebendig dargestellt, brillant argumentiert, und irrsinnig komisch. Er selber bezeichnet das als „Stand-up History“. Und wenn der amerikanische Autor David Brill in „Desire & Ice“ über seine Besteigung des Denali berichtet, immerhin der höchste Berg Nordamerikas, setzt er dabei auf Slapstick statt Heroismus.

Diese Form des komischen Sachbuchs hat noch keinen Namen, aber man könnte sie als „Comic Nonfiction“ bezeichnen, denn vor allem in der englischsprachigen Welt gibt es davon etliche Beispiele – und eine lange, ehrwürdige Tradition. Mark Twain zum Beispiel kann als einer der Väter dieses Genres gelten, mit Reisebuchklassikern wie „Die Arglosen im Ausland“, in dem er 1869 die Bildungsreise frömmelnder Pilger ins Heilige Land zwar mitmacht – aber gleichzeitig verulkt als „Trauerzug ohne Leiche“.

Seit Mark Twain ist das Rezept der Comic Nonfiction ähnlich geblieben: Man nehme ein Thema der Hochkultur, sei es Alpinismus, Allgemeinbildung oder Religion, ersetze Pomp durch Ulk, und schon ergibt sich eine reizvolle Fallhöhe, in der Fakten und Pointen um die Wette Purzelbäume schlagen. Hierzulande dagegen dominieren bei Bildungsthemen oft immer noch der Ruf nach Disziplin, Fleiß und Parolen wie „Schluss mit lustig“. Besonders beliebt scheint der professorale Ton, wie ihn zum Beispiel der inzwischen verstorbene Dietrich Schwanitz („Bildung“) oder Ernst Peter Fischer pflegen („Die andere Bildung“). Während Schwanitz dem Leser so etwas wie einen Spickzettelkasten für gelehrten Smalltalk unterbreitet, ähnelt Fischers Buch einem empfindsamen Groß-Essay. Viel zu lachen gibt es bei beiden nicht.

Brysons Ton ist anders: frisch, naiv, respektlos. Seine Methode ist nicht Belehrung sondern Staunen. „Alles, was man wissen muss“, heißt es bei Schwanitz schulmeisterlich im Unter¬titel; „Was man von den Naturwissenschaften wissen sollte“, tönt Fischer mit moralischem Unterton. Brysons Unterzeile dagegen könnte lauten: „Alles, was ich schon immer wissen wollte, aber mich nie zu fragen traute, weil ich dann als dumm gelten könnte. Aber egal, dann mache ich mich eben zum Trottel, um genau das Dir, lieber Leser, zu ersparen.“
Auch Bücher haben ihre Geschichte, und Brysons Bestseller ist ein Beleg dafür, wie weit man es mit Dreistigkeit und Neugier auch und gerade als Fremder im Neuland bringen kann. Diese Erfahrung machte der junge Bryson schon auf seiner ersten großen Reise. Geboren 1951 und aufgewachsen in dem Provinzkaff Des Moines in Iowa, brach William McGuire Bryson mit 20 Jahren in die weite Welt auf.

Aber kaum war er als Rucksacktourist in England gelandet, verliebte er sich in eine Krankenschwester, gründete mit ihr eine Familie und wurde vierfacher Vater. Seine Eltern waren beide Journalisten, und so begann auch er zu schreiben, erst für Zeitungen wie das“Bournemouth Evening Echo“, dann für die „Times“ und den „Independent“. 1995 hatte er seinen Durchbruch mit dem Buch „Reif für die Insel“, in dem er liebevoll über die Schrulligkeiten der Engländer herzieht. Die nahmen es mit Humor. Und wählten den Reisebericht ein paar Jahre später zum „Buch, das England am besten beschreibt“.

Immer wieder brach Bryson zu ausgiebigen Reisen und Auslandsaufenthalten auf und schrieb seine Erlebnisse zu launigen Anekdotensammlungen zusammen – einige davon gelten heute als Klassiker der komischen Reiseliteratur, zum Beispiel „Picknick mit Bären“.

Dabei eignet sich der brysoneske Humor eher für grobmotorische Lachmuskeln, einige seiner Sottisen über dicke Amerikaner, dumme Zeitgenossen und hässliche Shopping-Malls scheinen wie von einem vollautomatischen Brysomat vorgestanzt zu sein. Als ihm in Belgien ein Bier angeboten wird, notiert er: „Ich überlegte, woran mich das Bier erinnnerte, und kam schließlich darauf, dass es einer riesigen Urinprobe ähnelte, vermutlich der eines Elefanten. ›Good, yes?‹ fragte der Belgier.“

Darüber kann man sicher herzlich lachen – muss man aber nicht. Viele seiner Pointen richten sich gegen Ignoranz, Denkfaulheit und Kommerz. Der Erzähler in Brysons Büchern entpuppt sich immer wieder als eine Kippfigur, die man als „Humoralist“ bezeichnen könnte – ein Moralist, der seine Strafpredigten in Humor kleidet.

„Er spielt gerne den Teddybär“, kommentierte der „Independent“ einmal, „aber dann teilt er plötzlich einen Hieb aus wie ein Grizzlybär.“ In seinem Buch „Wo, bitte, geht’s nach Domodossola?“ zum Beispiel brandmarkte er den damaligen österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim wegen seiner Nazivergangenheit als „pathologischen Lügner“ und resümierte: „Es muss schon ein ganz besonderes Volk sein, das einem solchen Mann die Treue hält.“ Ausgerechnet diese Seite fehlte in der deutschsprachigen Erstausgabe – Schuld sei ein „sogenannter Schimmelbogen“, redete sich der Verlag heraus. Es war wohl eher ein „Schummelbogen“, mutmaßte daraufhin der SPIEGEL. Und Bryson suchte sich einen anderen Verlag, der das Buch unter dem Titel „Streifzüge durch das Abendland“ herausbrachte, fast unzensiert. Der Begriff „pathologischer Lügner“ allerdings ist auch in dieser Ausgabe unauffällig herausgekürzt.

Schon vor seinen großen Verkaufserfolgen gab er seine Arbeit als Tageszeitungs-Journalist auf, und wurde hauptberuflicher Reisehumorist. 1995 zog er mit seiner Familie in die USA um. Als er acht Jahre später wieder „reif für die Insel“ war und nach Jolly Old England zurückkehrte, wurde er von seinen britischen Fans jubelnd begrüßt wie ein lange vermisster Freund. Er bemühte sich sogar um die britische Staatsbürgerschaft.

Die wundersame Verwandlung vom Reiseautor zum Edutainment-Star kam jedoch nicht völlig überraschend. Denn Bryson hatte schon immer ein Faible für Bildungsthemen. Sein erstes Buch erschien 1984, eine relativ trockene Sprachfibel. 1990 legte er mit „Mother Tongue“ nach, in dem er die Geschichte der englischen Sprache auf unterhaltsame Weise erzählt. In diesem Buch lässt sich bereits die Blaupause für die „Kurze Geschichte“ erkennen: Es beginnt mit dem Neandertaler und der Urgeschichte der Sprache, bietet unendlich viele Anekdoten, endet mit einem Lob der linguistischen Artenvielfalt – und ist dabei etwas oberflächlich, wie die Zeitschrift „Publishers Weekly“ mäkelte – zu Recht.

Doch erst mit Erscheinen der „Kurzen Geschichte“ outete sich Bryson auch vor einem größeren Publikum als bekennender Bildungsbürger. Die stereotypen Witze über Dicke zum Beispiel tauchen in der „Kurzen Geschichte“ nicht mehr auf – vielleicht auch deshalb, weil Bryson mit seinem Bäuchlein mittlerweile selber wie eine der Couch Potatoes aussieht, die er früher verhöhnt hat.

Vor allem aber dürfte Brysons neue Versöhnlichkeit damit zusammenhängen, dass er nun endlich sein bildungsbürgerliches Programm nicht mehr ex negativo durch Meckerei formulieren muss, sondern sich einfach verzaubern und hinreißen lässt.

Wer die „kurze Geschichte“ aus dieser Perspektive liest, kann Erstaunliches entdecken. Der amerikanische Humorist scheint im Kern weniger dem großen Vorläufer Mark Twain verpflichtet. Sondern eher Wilhelm von Humboldt und seinem Ideal der Bildung als Selbstzweck. Der lernende Mensch, so Humboldt, versuche, „soviel Welt als möglich zu ergreifen und so eng, als er nur kann, mit sich zu verbinden“.

So viel Welt als möglich zu ergreifen, dieser Maxime folgt auch Bryson, und das liest sich dann so: „Jedes Atom in einem Menschen hat wahrscheinlich schon Aufenthalte in mehreren Sternen hinter sich und war auf dem Weg zu seiner jetzigen Position schon Bestandteil von Millionen Lebewesen. Jeder von uns besteht bei seinem Tod aus so vielen ständig wieder verwerteten Atomen, dass eine beträchtliche Zahl davon – nach manchen Schätzungen bis zu einer Milliarde in jedem Menschen – vermutlich einst zu Shakespeare gehörte. Jeweils eine weitere Milliarde stammt von Buddha, Dschingis Khan und Beethoven oder jeder anderen historischen Gestalt, die uns einfällt.“

Wilhelm von Humboldt empfahl das Studium der griechischen Antike als ideales Mittel, um Menschen zum Menschsein zu erziehen. Denn, so Humboldt, die alten Griechen zeigten ein „treueres Bewahren der kindlichen Einfachheit und Naivetät“. Und genau diese „Naivetät“ ist es, der Bryson in seinem Buch nachspürt.

Dies Experiment gelingt nicht immer. Fast alle Wissenschaftler, die er porträtiert, erscheinen als eigenartige Kauze. Der Geologe und Geistliche William Buckland zum Beispiel hegte den Wunsch, jedes Tier aus Gottes Schöpfung einmal zu essen, erzählt Bryson: „Je nach Laune und Verfügbarkeit ließ Buckland seinen Gästen gebratene Meerschweinchen, Mäuse im Bierteig, gegrillte Igel oder gekochte südostasiatische Meeresschnecken vorsetzen.“ Nur Maulwurf mundete ihm nicht. Auch Newton wird als ziemlich verschroben beschrieben, ebenso Einstein.
Die spontane Ursprünglichkeit, die Humboldt in den Tempeln der Antike sucht, findet Bryson in den Labors der Neuzeit. Die kauzigen Forscher, die der Wahrheit nachstellen, indem sie Mäuse im Bierteig backen, scheinen für ihn eben jene „Naivetät“ zu verkörpern, die er auch hemmungslos nostalgisch in seiner 2006 erschienenen Autobiografie besingt („The Life and Times of the Thunderbolt Kid“): „Mit zehn Jahren wusste ich mehr als zu irgendeinem späteren Zeitpunkt. Ich kannte den Schmerz, wenn man im Mund einen getoasteten Marshmallow hat, dessen Inneres ungefähr die Temperatur und Zusammensetzung von Magma hat.“ Schade nur, dass er damals Bucklands Rezept für gegrillte Igel noch nicht kannte.

Brysons Überhöhung der kindlichen „Naivetät“ ist jedoch mehr als ein Pointengenerator. Es ist ein wissenschaftspädagogi¬sches Programm, das zum Selbermachen anregt. Durch die Überfülle an Anekdoten schützt Bryson die Schönheit seiner Fragen gegen vorschnelle Antworten, frei nach dem Motto: Was bekannt ist, wird nicht erkannt. Was für ihn zählt, sind kreative Lösungswege, je abenteuerlicher, desto besser. Am liebsten kartiert er die Irrwege und Umwege zum Wissen.

Der Forscher J.B.S. Haldane zum Beispiel erforschte das Verhalten des menschlichen Körpers unter extremen Druckbedingungen – am liebsten an sich selbst. Mal explodierten ihm beim zu schnellen Aufstieg aus dem tiefen Wasser seine Zahnfüllungen, mal fiel seine Lunge zusammen, erzählt Bryson genüsslich. Und als sich Haldane ein Loch im Trommelfell zuzog, notierte der Forscher, dass er dadurch zwar ein wenig schwerhörig sei, „aber dafür kann man Tabakrauch aus dem fraglichen Ohr blasen, und das ist eine soziale Errungenschaft“.

In derlei Anekdoten verpackt, kommen die Wissensinhalte selbst fast beiläufig daher, manchmal sogar leicht unsortiert. Aber das stört nicht weiter. Schließlich ist für Bryson der Erkenntnisweg selbst schon das Ziel.

Warum zum Beispiel ist das Meer salzig, und warum wird es nicht immer salziger? Diese Ausgangsfrage wird eher beiläufig beantwortet im Kapitel „Die elementare Verbindung“: Das Salz wird von den Flüssen in die Meere gespült, wo es sich anreichert, weil ein Teil des Wassers verdunstet. Und dass das Meer nicht immer salziger wird, dafür sind Unterwasservulkane maßgeblich verantwortlich, die das Wasser, das beim Einsickern in die unterseeische Erdkruste vom Salz gereinigt wurde, wieder ausspeien, fast „wie die Filter in einem Fischbecken“.

Und die Moral von der „kurzen Geschichte“? Im 30. und letzten Kapitel erzählt Bryson nicht etwa vom Ende der Schöpfung durch eine Supernova oder eine andere galaktische Katastrophe. Sondern der Humoralist liest dem geneigten Homo sapiens noch einmal ordentlich die Leviten in Sachen Artenschutz: „Möglicherweise sind wir die höchste Leistung im Universum des Lebendigen und gleichzeitig sein größter Albtraum.“

Mit seinem Neo-Humboldtianismus traf Bryson einen Nerv – auch in der Scientific Community selbst. Er wurde mit Ehrungen überhäuft, darunter der Aventis- und Descartes-Preis. Die in London ansässige Royal Society of Chemistry benannte sogar eine Auszeichnung nach ihm, den Bill Bryson Prize. In einer Dankesrede sagte er: „Noch nie ist jemand so reichlich belohnt worden für sein Unwissen.“

Und das war nur der Anfang. Er bekam nicht nur einen Ehrendoktor von der renommierten Universität Durham verliehen. Sondern auch gleich noch den Job als Unikanzler. So kam es, dass der kleine Lausebengel von einst aus Des Moines, Iowa, heute als Dr.h.c. William McGuire Bryson eine alteuropäische Universität repräsentiert. Nicht trotz seiner Kindheit als tom-sawyeresker Träumer, sondern gerade weil er sich und seine Leser so gerne an die Wunder der Kindheit erinnert.

Nach seiner erfolgreichen Einbürgerung in das Uni-Versum wurde er natürlich immer wieder gefragt, ob er nach seinem Naturwissenschaftsbuch als Nächstes plane, auch dem Kanon der Kunst und Philosophie eine Frischzeilenkur zu verpassen.

„Über Spinoza würde ich nur unter einer Bedingung schreiben“, antwortete der Doktor humoris causa auf diese Frage: „Nur wenn es sich dabei um einen spanischen Drink handelt.“ Klingt fast wie die Ankündigung seines nächsten, saukomischen Bildungsbuches.
Nachwort von Hilmar Schmundt zu Eine kurze Geschichte von fast allem. SPIEGEL-Edition Band 36 -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Pressestimmen

„Eine furiose, jederzeit amüsante und ungemein lehrreiche Sammlung, kurzum: ein phantastisches Buch.“ (Berliner Zeitung )

„Eine Enzyklopädie für den Lustleser.“ (Stern )

Kurzbeschreibung

Wie groß ist eigentlich das Universum? Was wiegt unsere Erde? Und wie ist das überhaupt möglich – die Erde zu wiegen? Auf diese und viele andere Fragen hat Bestsellerautor Bill Bryson in der Schule nie Antworten erhalten. Nun hat er sich selbst auf die Suche nach ihnen gemacht und dabei eine atemberaubende Reise durch Raum und Zeit angetreten. Dabei entstand ein faktenreiches, kluges und dabei höchst vergnügliches Buch über die Wunder der Welt – geschrieben mit all dem Witz und Charme, die Bryson zu einem der beliebtesten Sachbuchautoren unserer Zeit gemacht haben!



Klappentext

"Dieses Buch ist spannend wie ein Thriller und macht unendlich viel Vergnügen."
NDR

"Bitte lesen. Bryson schreibt wie ein Engel."
FAZ

"Das Sachbuch aller Sachbücher."
Hannoversche Allgemeine

Über den Autor

Bill Bryson wurde 1951 in Des Moines, Iowa, geboren. 1977 zog er nach Großbritannien und schrieb dort mehrere Jahre u. a. für die "Times" und den "Independent". Mit seinem Englandbuch "Reif für die Insel" gelang Bryson der Durchbruch, und heute ist er in England der erfolgreichste Sachbuchautor der Gegenwart. Seine Bücher werden in viele Sprachen übersetzt, stürmen stets die internationalen Bestsellerlisten. 1996 kehrte Bill Bryson mit seiner Familie in die USA zurück, wo es ihn jedoch nicht lange hielt. Er war erneut "Reif für die Insel", wo er heute wieder lebt.

Auszug aus Eine kurze Geschichte von fast allem von Bill Bryson. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Bauanleitung für ein Universum

Wir können uns noch so viel Mühe geben - niemals werden wir begreifen, wie winzig, wie räumlich bescheiden ein Proton ist. Dazu ist es einfach viel zu klein.
Ein Proton ist ein letzter Baustein eines Atoms, und auch das ist natürlich kein greifbares Gebilde. Protonen sind so klein, dass ein kleiner Fleck Druckerschwärze, beispielsweise der Punkt auf diesem i, ungefähr 500000000000 von ihnen Platz bietet, das sind mehr als die Sekunden in einer halben Million Jahre.1 Protonen sind also, gelinde gesagt, überaus mikroskopisch.
Nun stellen wir uns vor (was wir natürlich nicht können), eines dieser Protonen würde auf ein Milliardstel seiner normalen Größe schrumpfen und einen so kleinen Raum einnehmen, dass ein Proton daneben riesengroß wirkt. Und in diesen winzig kleinen Raum packen wir nun ungefähr 30 Gramm Materie. Ausgezeichnet. Jetzt können wir ein Universum gründen.
Natürlich gehe ich davon aus, dass wir ein inflationäres Universum bauen wollen. Wer stattdessen das altmodische Standard-Urknalluniversum bevorzugt, braucht zusätzliches Material. Dann müssen wir sogar alles zusammensammeln, was es gibt - jedes kleine Fitzelchen und Teilchen der Materie von hier bis zu den Rändern der Schöpfung -, und alles in einen so unendlich kompakten Punkt zusammenpressen, dass er überhaupt keine Dimensionen hat. So etwas bezeichnet man als Singularität.
So oder so müssen wir uns auf einen richtig großen Knall vorbereiten. Dabei würden wir uns natürlich gern an einen sicheren Ort zurückziehen und das Schauspiel von dort aus beobachten. Leider können wir aber nirgendwo Zuflucht suchen, denn außerhalb der Singularität gibt es kein Wo. Wenn die Ausdehnung des Universums beginnt, füllt sich damit keine größere Leere. Es existiert nur ein einziger Raum: der Raum, der während des Vorganges erschaffen wird.
Sich die Singularität als eine Art schwangeren Punkt vorzustellen, der in einer dunklen, grenzenlosen Leere hängt, ist zwar eine natürliche, aber auch falsche Vorstellung. Es gibt weder Raum noch Dunkelheit. Um die Singularität herum ist nichts. Dort existiert kein Raum, den sie einnehmen könnte, kein Ort, an dem sie sich befindet. Wir können noch nicht einmal fragen, wie lange sie schon dort ist - ob sie wie eine gute Idee gerade erst ins Dasein getreten ist oder ob sie schon immer da war und in aller Ruhe auf den richtigen Augenblick gewartet hat. Die Zeit existiert nicht. Es gibt keine Vergangenheit, aus der sie hervortreten könnte.
Und so, aus dem Nichts, nimmt unser Universum seinen Anfang.
In einem einzigen blendenden Stoß, in einem Augenblick der Prachtentfaltung, der für jede Beschreibung mit Worten viel zu schnell und umfangreich ist, nimmt die Singularität himmlische Dimensionen an und wird zu einem unvorstellbar großen Raum. In der ersten, lebhaften Sekunde (und viele Kosmologen widmen ihre gesamte Berufslaufbahn dem Versuch, diese Sekunde in noch dünnere Scheiben zu zerlegen) entstehen die Schwerkraft und die anderen beherrschenden Kräfte der Physik. Nach noch nicht einmal einer Minute hat das Universum einen Durchmesser von weit mehr als einer Million Milliarden Kilometern, und es wächst schnell. Wärme ist jetzt reichlich vorhanden, zehn Milliarden Grad, genug, damit die Kernreaktionen beginnen und leichte Elemente entstehen lassen - im wesentlichen Wasserstoff und Helium mit einem Schuss (ungefähr einem unter hundert Millionen Atomen) Lithium. Nach drei Minuten sind 98 Prozent aller Materie entstanden, die existiert oder jemals existieren wird. Wir haben ein Universum. Es ist ein Ort der erstaunlichsten und lohnendsten Möglichkeiten, und wunderschön ist es auch. Und alles ist ungefähr in der Zeit geschehen, die man zur Zubereitung eines Sandwichs braucht.
Wann sich dieser Augenblick ereignet hat, ist noch ein wenig umstritten. Die Kosmologen haben lange darüber diskutiert, ob der Augenblick der Schöpfung sich vor zehn Milliarden Jahren abspielte, oder vor doppelt so langer Zeit, oder irgendwo dazwischen. Heute bewegt man sich offenbar auf eine Einigung bei ungefähr 13,7 Milliarden Jahren zu, aber die Messung solcher Dinge ist, wie wir noch sehen werden, von berüchtigter Schwierigkeit. Eigentlich kann man nur eines mit Sicherheit sagen: An irgendeinem unbestimmten Punkt in der sehr weit entfernten Vergangenheit kam aus unbekannten Gründen der Augenblick, der in der Wissenschaft als t = 0 bezeichnet wird. Von da an waren wir unterwegs.
Natürlich wissen wir vieles noch nicht, und von dem, was wir zu wissen glauben, wussten wir vieles vor kurzem ebenfalls noch nicht, oder wir glaubten noch nicht, es zu wissen. Selbst die Vorstellung vom Urknall ist noch relativ neu. Die Idee als solche geisterte schon seit den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts herum, als der belgische Priester und Gelehrte Georges Lemâitre sie erstmals vorsichtig äußerte, aber in der Kosmologie spielt sie erst seit Mitte der sechziger Jahre eine größere Rolle. Damals machten zwei junge Radioastronomen eine außergewöhnliche, unerwartete Entdeckung.
Die beiden - sie hießen Arno Penzias und Robert Wilson - wollten 1965 mit einer großen Funkantenne arbeiten, die den Bell Laboratories gehörte und in Holmdel, New Jersey, stand. Dabei störte sie aber ein ständiges Hintergrundgeräusch - ein ununterbrochenes Zischen, das jede experimentelle Arbeit unmöglich machte. Es war ein erbarmungsloser, unbestimmter Lärm, der Tag und Nacht, zu allen Jahreszeiten, von allen Stellen des Himmels kam. Ein Jahr lang versuchten die jungen Astronomen alles, was ihnen in den Sinn kam, um die Ursachen des Geräusches ausfindig zumachen und zu beseitigen. Sie überprüften sämtliche elektrischen Geräte. Sie bauten Instrumente um, prüften Stromkreise, spielten mit Kabeln herum, staubten Stecker ab. Sie kletterten in die Antennenschüssel und brachten Klebeband auf allen Schweißnähten und Nieten an. Sie kletterten noch einmal in die Schüssel, dieses Mal mit Besen und Bürsten, und schrubbten alles ab, was sie in einem späteren Fachaufsatz als »weißes dielektrisches Material« bezeichneten - normalerweise nennt man es Vogelscheiße. Aber was sie auch versuchten, es nützte nichts.
Was sie nicht wussten: Nur 50 Kilometer entfernt, an der Princeton University, suchte ein Wissenschaftlerteam unter Leitung von Robert Dicke genau nach dem, was die beiden mit so viel Mühe loszuwerden versuchten. Die Forscher in Princeton waren von einem Gedanken ausgegangen, den der in Russland geborene Astrophysiker George Gamow schon in den vierziger Jahren geäußert hatte: Danach musste man nur weit genug in den Weltraum blicken, dann würde man eine kosmische Hintergrundstrahlung finden, die vom Urknall übrig geblieben war. Nachdem diese Strahlung die Weiten des Universums durchquert hatte, sollte sie nach Gamows Berechnungen in Form von Mikrowellen auf die Erde treffen. In einem späteren Fachaufsatz hatte er sogar ein Instrument genannt, das sich für ihren Nachweis eignete: die Bell-Antenne in Holmdel. Leider hatten weder Penzias und Wilson noch irgendjemand aus der Arbeitsgruppe in Princeton diesen späteren Artikel gelesen.
Natürlich hatten Penzias und Wilson genau das Geräusch gehört, das Gamow postuliert hatte. Sie hatten den Rand des Universums gefunden, oder zumindest den Rand seines sichtbaren Teils, der 150 Milliarden Billionen Kilometer entfernt ist. Sie »sahen« die ersten Photonen, das älteste Licht des Universums, das allerdings über Zeit und Entfernung hinweg zu Mikrowellen geworden war, genau wie Gamow es vorausgesagt hatte. Wenn wir diese Entdeckung im richtigen Licht betrachten wollen, hilft uns ein Vergleich, den Alan Guth in seinem Buch Die Geburt des Kosmos aus dem Nichts anstellte: Wenn man sich den Blick in die Tiefen des Universums als Blick vom 100. Stock des Empire State Building vorstellt (wobei der 100. Stock die Gegenwart und die Straße den Augenblick des Urknalls darstellt), befanden sich die am weitesten entfernten Galaxien zur Zeit von Wilsons und Penzias' Entdeckung ungefähr im 60. Stock, und die am weitesten entfernten Objekte überhaupt - die Quasare - lagen ungefähr in Höhe des 20. Geschosses. Mit ihrer Entdeckung erweiterten die beiden unsere Kenntnisse über das sichtbare Universum bis auf einen Zentimeter über dem Bürgersteig.
Wilson und Penzias wussten immer noch nicht, woher die Geräusche kamen; sie riefen Dicke in Princeton an, beschrieben ihm ihr Problem und hofften, er würde eine Lösung vorschlagen. Dicke war sofort klar, was die beiden jungen Männer gefunden hatten. Als er den Hörer aufgelegt hatte, sagte er zu seinen Kollegen: »So Jungs, man hat uns überrundet.«
Kurz darauf erschienen im Astrophysical Journal zwei Artikel: In dem einen beschrieben Penzias und Wilson ihre Erfahrungen mit dem Zischen, in dem anderen erklärte Dickes Arbeitsgruppe, worum es sich dabei handelte. Obwohl Penzias und Wilson nicht nach der kosmischen Hintergrundstrahlung gesucht hatten, obwohl sie sie nicht erkannten, nachdem sie sie gefunden hatten, und obwohl sie auch ihre Eigenschaften in keinem Fachaufsatz beschrieben oder interpretiert hatten, erhielten sie 1978 den Nobelpreis für Physik. Den Wissenschaftlern in Princeton blieben nur freundliche Worte. Dazu schrieb Dennis Overbye in Das Echo des Urknalls, Penzias und Wilson hätten die wahre Bedeutung ihrer Entdeckung erst verstanden, als sie darüber etwas in der New York Times gelesen hätten.
Nebenbei bemerkt: Die Auswirkungen der kosmischen Hintergrundstrahlung hat jeder von uns schon einmal erlebt. Man braucht nur den Fernseher auf einen nicht belegten Kanal einzustellen: Das »Schneegestöber«, das man dort sieht, wird zu ungefähr einem Prozent von diesem uralten Überbleibsel des Urknalls hervorgerufen. Wer sich das nächste Mal beschwert, dass es im Fernsehen nichts zu sehen gibt, sollte daran denken, dass man immer bei der Geburt des Universums zusehen kann.

Obwohl alle vom Urknall reden, werden wir in vielen Büchern gewarnt, man solle sich darunter keine Explosion im üblichen Sinn vorstellen. Es war vielmehr eine riesige, sehr plötzliche Ausdehnung von ungeheuren Ausmaßen. Aber wodurch wurde sie ausgelöst?
Eine Vorstellung besagt, die Singularität sei vielleicht der Überrest eines früheren, zusammengebrochenen Universums - danach wären wir nur Teil eines ewigen Kreislaufs, in dem sich Universen ausdehnen und zusammenziehen wie der Blasebalg an einem Sauerstoffgerät. Andere führen den Urknall auf ein so genanntes »falsches Vakuum«, ein »Skalarfeld« oder eine »Vakuumenergie« zurück - in jedem Fall auf eine Qualität oder ein Etwas, das in das bestehende Nichts ein gewisses Maß an Instabilität hineinbrachte. Dass aus dem Nichts ein Etwas hervorgeht, erscheint unmöglich, aber die Tatsache, dass vorher nichts da war und jetzt ein Universum existiert, ist der Beweis, dass es möglich ist. Vielleicht ist unser Universum nur ein Teil vieler größerer Universen, von denen manche in anderen Dimensionen existieren, und vielleicht laufen ständig und überall Urknalle ab. Möglicherweise hatten Raum und Zeit auch vor dem Urknall eine völlig andere Form, die wir uns in ihrer Fremdartigkeit nicht vorstellen können, und der Urknall stellt eine Art Übergangsphase dar, in der das Universum sich von einer unbegreiflichen Form in eine andere verwandelte, die wir beinahe verstehen können. »Das sind schon fast religiöse Fragen«, erklärte der Kosmologe Dr. Andrei Linde aus Stanford im Jahr 2001 der New York Times.
In der Urknalltheorie geht es eigentlich nicht um den Urknall selbst, sondern um das, was danach geschah. Nicht lange danach, wohlgemerkt. Nachdem die Wissenschaftler eine Menge Mathematik betrieben und genau zugesehen haben, was in Teilchenbeschleunigern vor sich geht, können sie heute nach eigenen Angaben bis 10 [hoch] -43 Sekunden nach dem Augenblick der Schöpfung zurückblicken - damals war das Universum noch so klein, dass man es nur mit dem Mikroskop hätte sehen können. Wir brauchen nicht jedes Mal in Ohnmacht zu fallen, wenn uns ungewöhnliche Zahlen begegnen, aber von Zeit zu Zeit sollten wir vielleicht doch innehalten und uns daran erinnern, wie erstaunlich und unbegreiflich sie sind. 10 [hoch] -43 ist gleichbedeutend mit 0,0000000000000000000000000000000000000000001 oder einer zehn millionstel billionstel billionstel billionstel Sekunde.
Was wir heute über die ersten Augenblicke des Universums wissen oder zu wissen glauben, geht zum größten Teil auf die »Inflationstheorie« zurück, einen Gedanken, der erstmals 1979 von einem jungen Teilchenphysiker namens Alan Guth geäußert wurde. Guth - er arbeitete damals in Stanford und ist heute am Massachusetts Institute of Technology tätig - war damals 32 und hatte nach eigenem Eingeständnis zuvor noch nicht viel zuwege gebracht. Vermutlich wäre er nie auf seine großartige Idee gekommen, wenn er nicht einen Vortrag über den Urknall gehört hätte, den ausgerechnet Robert Dicke hielt. Der Vortrag weckte bei Guth das Interesse für Kosmologie und insbesondere für die Entstehung des Universums.

Am Ende kam dabei die Inflationstheorie heraus. Sie besagt, das Universum habe einen kurzen Augenblick nach Anbeginn der Schöpfung eine drastische Ausweitung erlebt. Es wurde »aufgeblasen« - eigentlich lief es vor sich selbst davon, und seine Größe verdoppelte sich alle 10 [hoch] -34 Sekunden. Die ganze Episode dürfte nicht länger als 10 [hoch] -30 Sekunden gedauert haben - eine millionstel millionstel millionstel millionstel millionstel Sekunde -, aber in dieser Zeit wurde das Universum von einem Gebilde, das man in der Hand halten konnte, zu etwas mindestens 10000000000000000000000000 Mal Größerem. Die Inflationstheorie erklärt die Wellen und Wirbel, die unser Universum möglich machen. Ohne sie gäbe es keine Materieklumpen und damit auch keine Sterne, sondern nur treibende Gase und immerwährende Dunkelheit.
Wenn Guths Theorie stimmt, entstand nach ungefähr einem Zehnmillionstel einer billionstel billionstel billionstel Sekunde die Schwerkraft. Nach einem weiteren lächerlich kurzen Zeitraum kamen der Elektromagnetismus sowie die starken und schwachen Kernkräfte hinzu - das Material der Physik. Einen Augenblick später folgten Schwärme von Elementarteilchen - das Material der Materie. Aus dem Nichts gab es plötzlich Schwärme von Photonen, Protonen, Elektronen, Neutronen und vieles andere - von jedem nach der Standard-Urknalltheorie etwa 1079 bis 1089 Stück.
Das sind natürlich unvorstellbare Mengen. Wir brauchen uns nur zu merken, dass nach einem einzigen entscheidenden Augenblick plötzlich ein riesiges Universum da war - es hat nach der Theorie einen Durchmesser von mindestens 100 Milliarden Lichtjahren, könnte aber auch noch viel größer oder sogar unendlich groß sein. Dieses Universum bot alle Voraussetzungen für die Entstehung der Sterne, Galaxien und anderer komplizierter Systeme.

Aus unserer Sicht ist besonders bemerkenswert, wie sich für uns alles zum Guten gewendet hat. Hätte das Universum bei seiner Entstehung nur ein kleines bisschen anders ausgesehen - wäre die Schwerkraft geringfügig stärker oder schwächer gewesen oder wäre die Ausdehnung nur ein wenig schneller oder langsamer vonstatten gegangen -, dann hätte es wahrscheinlich nie stabile Elemente gegeben, die dich und mich und die Erde, auf der wir stehen, hätten bilden können. Bei einer geringfügig stärkeren Gravitation wäre wahrscheinlich das ganze Universum wie ein schlecht aufgestelltes Zelt in sich zusammengebrochen, und ohne genau die richtigen Werte hätte es weder die richtigen Dimensionen und Bestandteile noch die richtige Dichte gehabt. Bei einer schwächeren Gravitation dagegen hätte sich nichts zusammenfinden können, und das Universum wäre für alle Zeiten eine langweilige, gleichmäßig verteilte Leere geblieben.
Das ist einer der Gründe, warum manche Experten glauben, es habe noch viele andere Urknalle gegeben, vielleicht sogar Billionen und Aberbillionen, die sich über die gewaltige Zeitspanne der Ewigkeit verteilen; dass wir gerade in diesem einen existieren, liegt demnach daran, dass es der Einzige ist, in dem wir existieren können. Edward B. Tryon von der Columbia University formulierte es einmal so: »Als Antwort auf die Frage, warum es passierte, unterbreite ich den bescheidenen Vorschlag, dass unser Universum schlicht und einfach eines von diesen Dingen ist, die von Zeit zu Zeit passieren.« Und Guth fügt hinzu: »Obwohl die Entstehung des Universums äußerst unwahrscheinlich erscheinen mag, hat niemand, wie Tryon betonte, die fehlgeschlagenen Versuche gezählt.« -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .

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