Auch in diesem Fall kenne ich die Diogenes Ausgabe von A SWELL-LOOKING BABE nicht, sondern habe es im amerikanischen Original gelesen, somit fällt eine qualifizierte Beurteilung der Übersetzung weg.
Der Roman ist wirklich gut, müßte im Grunde jedem gefallen, der Thompson's Stories schätzt, denn der Autor schien beim Schreiben ganz in seinem Element sein: Kurzweilige Charakter- und Situationsbeschreibungen, die üblichen, skurrilen, dabei realistischen und hervorragend ausgearbeiteten Charaktere sowie Überraschungsmomente, Enthüllungen und Wendungen sorgen auch in diesem Roman wieder für Spannung - die Story packt den Leser und läßt ihn nicht mehr los, bis zum wirklich bitteren Ende (Ich selbst habe Schlafeinbußen hingenommen, um die letzten 60 Seiten am Stück durchlesen zu können)!
Jim Thompson, wie man ihn kennt, will und schätzt!
Der jugendliche Dusty Rhodes ist die Hauptfigur in "Eine klasse Frau" und er arbeitet im Manton Hotel als Page in der Nachtschicht. Sein Vorgesetzter, der Nachtportier Mr. Bascom, versucht ihn ständig erneut dazu zu überreden, eine weitere Schullaufbahn einzuschlagen, wovon Dusty allerdings nichts hören will: Er verdient im Manton gutes Geld und davon muß er sich und seinen Vater durch bringen, nachdem dieser seinen Job verlor und Dusty's Mutter verstarb. Regelmäßig ärgert Dusty sich über das verwahrloste Bild, das sein Vater abgibt und das, obwohl er ihm Geld für den Friseur gibt ... sein Dad schafft es nicht einmal, einen von Dusty aufgelisteten Einkauf auszuführen und das Geld ist dann immer weg - wo nur? Dusty muß zudem auch noch für Mr. Kossmeyer's Honorar aufkommen, denn dieser Anwalt arbeitet schließlich nicht umsonst, wenn er versuchen will, gerichtlich durchzusetzen, daß Mr. Rhodes Sr. seinen früheren Job zurück bekommt. Dusty hat also wirklich nicht viele Optionen, doch die Tätigkeit im Manton bietet, neben der Bezahlung, schließlich auch noch interessante Kontakte: Hier verkehrt der äußerst zwielichtige Tug Trowbridge, ein Gangster, der stets mit Gefolge auftritt und nicht kleinlich mit Trinkgeldern ist - bei ihm scheint Dusty einen Stein im Brett zu haben, sehr zum Mißfallen von Mr. Bascom. Doch eines Nachts checkt eine Frau ein, die es Dusty wirklich angetan hat: Marcia Hillis. Thompson hat Flashback-Szenarios in die Geschichte eingebaut, die dem Leser verdeutlichen, daß Dusty eine enge, mehrschichtige Beziehung zu seiner Mutter hatte. Und nach ihrem Tod gab es für Dusty keine Frau, die ihn jemals wirklich fasziniert hätte - bis jetzt! Marcia Hillis ist eine reife, attraktive Frau, die auch Bascom zum Stottern bringt und fortan zu Dusty's Obsession wird. Dies entgeht ihr nicht und sie provoziert ihn auch dezent. Dann, eines Abends, als sie im Foyer anruft, um etwas Schreibmaterial zu ordern, das sie auf ihr Zimmer gebracht wünscht, kommt es zur Schlüsselszene, die den Fortlauf des Plots bestimmt: Obwohl es Hotelangestellten selbstverständlich strengstens untersagt ist, 'etwas mit den Gästen zu beginnen', betritt Dusty hochgradig erwartungsvoll Marcia's Zimmer und ... an dieser Stelle MUSS jetzt natürlich abgebrochen werden, nur noch so viel: Dusty hat sich in eine unverantwortliche Situation gebracht, doch hat er ja auch einen 'Freund': Den Gangster Tug. Und der arrangiert alles so, als wäre (fast) nie etwas geschehen ... allerdings nicht ganz umsonst, Tug erwartet im Gegenzug einen 'Gefallen'! Dusty hat sich jetzt in eine miese Situation gebracht (wobei eine vielleicht noch miesere umgangen werden konnte), doch auch Dusty ist ein echtes 'Schlitzohr' ...
So viel kann schon jetzt garantiert (!) werden: Alle Dinge nehmen noch einen nicht vorher zu sehenden Verlauf, Jim Thompson war beim Schreiben offenkundig in Hochform. Dabei hat er es geschickt verstanden, Dusty Rhodes als offenkundigen Psychopaten zu charakterisieren, mit dem der Leser dennoch genug sympathisiert, um ihm in den kritischen Situationen des weiteren Verlaufs zu wünschen, daß er heil aus allem heraus kommt, man fiebert mit. Effizient konzipiert ist auch der eher spärliche Einsatz der titelgebenden Figur, der 'Klasse Frau', die eigentlich nur hin und wieder - und dabei der Story sehr zuträglich - auftaucht. Die Spannung reißt beim Lesen nicht ab, weil immer wieder neue, unvorhergesehene Dinge geschehen und dabei Charaktere, die man bislang bereits weitgehend eindeutig als Nebenfiguren identifiziert hat, plötzlich in einem ganz anderen Licht dastehen. Doch auch Dusty selbst vermag den Leser oft erneut in Erstaunen zu versetzen, dadurch, wie er unermüdlich mit einer voran schreitenden und sich dabei stetig noch einmal verändernden, mißlichen Situation umzugehen weiß.
Für Fans des 'Meisters' ist das (ursprünglich 1954 veröffentlichte) Buch ein 'Muß', gar keine Frage! Es ist darüber hinaus aber jedem zu empfehlen, der gern kurzweilige, spannende Krimis liest ... dieser gut ausgearbeitete, vielschichtige Roman kann gar nicht enttäuschen, "Eine Klasse Frau" ist mit Sicherheit eines von Thompson's besten Werken! Viel Spaß beim Lesen!
-- theSilentNoirFreak