Der Nobelpreisträger Naipaul bereist Iran, Pakistan, Malaysia und Indonesien, um zu erfahren wie dort die Menschen unter dem Islam leben. Er trifft Ayatollahs, Studenten, Mullahs, Poeten, Lehrer, Journalisten und viele andere Protagonisten ihres Glaubens. Für Naipaul eine faszinierende Reise als "Ungläubiger". Für den Leser auch und zwar ganz gleich, ob er dabei in eine noch fremde Welt mitgenommen wird, oder ob er selber schon ähnliche Bekanntschaften geschlossen hat.
Ich habe die gleichen Länder besucht und kann bestätigen, dass Naipaul ein genauer Beobachter ist, der meist vorurteilsfrei auf die Leute zugeht und sich selber mit eindeutigen weltanschaulichen Bekenntnissen zurückhält. Allerdings lässt er viel zwischen den Zeilen lesen. Darin besteht ja überhaupt die Fähigkeit eines Schriftstellers Unausgesprochenes unausgesprochen auszusprechen. Naipaul besitzt die Gabe den Gegenüber auch zu einem Sprechen zu bringen, das mehr als nur das Aufsagen banaler Worthülsen ist.
Dahinter steckt zu einem Teil auch schöpferische Freiheit des Literaten. Aber das meiste ist sicherlich authentisch, angereichert mit Zeitungsmeldungen und politischen Verlautbarungen. Die "Reise" ist ein Buch über Menschen, über die menschlichen Irrungen und Seltsamkeiten.
Immer wieder tun sich Türen und Tore dem bekannten Schriftsteller auf. Ob ihm da nicht viel schön geredet wird? Er spürt auch Sonderlinge und Kritiker auf, er benötigt sie auch für seine eigene Aussage. Oft ist unklar, ob diese nicht identisch ist mit derjenigen des Gegenübers.
Naipaul bewahrt sich seine Skepsis und wundert sich über die Menschenexemplare. Er ist auch geschickt in der Konversation, er provoziert nur verhalten, er ist Stichwortgeber, die anderen sind es, die er mitteilwillig sein lässt. Ein junger Mann sagt zu ihm "Die Frau ist Gottes Geschenk an den Mann". Er antwortet. "Ja. Kommen sie oft hierher?"
Das Thema Frau wiederholt sich. Mehr interessiert ihn die Ursache für die Ablehnung des Westens. Da fragt er direkt, in vielen Variationen, ob es sich dabei nicht stückweit um eine Selbsttäuschung handelte, um eine vorgeschobene Geste der Hilflosigkeit und Ratlosigkeit, zumal man von einer so erfolgreichen Zivilisation wie der westlichen erheblich abhängig ist.
Der Gedanke in bestimmte muslimische Länder zu reisen, kam ihm während der iranischen Revolution. Da begegneten ihm in den Aussagen einiger Iraner merkwürdige Widersprüchlichkeiten, die das Leben der Menschen wie auch in ihren Glauben dauernd zu begleiten schienen. Und darauf kommt er immer wieder zurück in seinem Reisebericht, den man auch als eine mehr oder weniger "Sanfte" Abrechnung mit dem Islam nennen könnte. Kein Zweifel, der Autor mag die Menschen. Die Menschen mehr als ihre Konzepte.
Einer "sprach von der Schönheit des islamischen Rechts. Aber warum studierte er dann Jura an einer amerikanischen Universität?" oder: "Eine der englischsprachigen Zeitschriften, die ich mir besorgte, erschien in der heiligen Stadt Qom. Sie hieß The Message of Peace, und wie der Titel befürchten ließ, war sie erfüllt von blinder Wut."
Feine Andeutungen, die dennoch verdeutlichen, was der Schreiber denkt. Er kommt zu dem Schluss, dass die Anziehung, die vom Westen auf viele Muslime ausgeübt wird, von diesen nicht eingestanden wird, wie er überhaupt Muslime in diesen Ländern immer wieder dabei ertappt anders zu reden als zu handeln. Ihm ist das Ganze suspekt.
Er charakterisiert den Islam so: "Einheit, Einigkeit, gebeugte Rücken beim Beten, das wie Exerzieren aussah, der Glaube des Einen als Glaube aller, der Glaube aller, der in dem Einen zusammenfloss und damit göttlich wurde, das Ende von Persönlichkeit und Hilflosigkeit: Einheit, Sich-Ausliefern, Gesichtslosigkeit, Himmelreich." Gesichtslosigkeit und eingeschränkte Freiheit, die die Kreativität des Menschengeistes hemmt, das kann ein Literat nicht vertragen.
Stillstand auch in der Selbsteinschätzung, denn, als Beispiel, was war das Fazit der Pakistanis für das Scheitern der Religion in ihrem rein islamischen Land, das gegründet wurde, um den Traum von einem perfekten islamischen Gottes-Staat zu verwirklichen? "Die Menschen sind schlecht. Sie leben nicht nach dem Glauben." Genau das Gleiche habe auch ich von Pakistanern gehört. Und, dass der Westen oder die Demokratie schuld seien. Aus Pakistan, dem anvisierten "Land der Reinen", wurde ein Land der inneren Zerrissenheit, des Wutes, des Zorns, wo radikaler Irrationalismus herrscht und Rückwärtsgerichtetheit. Ja, wenn der Mensch seinen Idealismus übertreibt, wird er doch wieder roh und fleischern wie gesehen in der Französischen Revolution, wie gesehen im Stalinismus, wie gesehen in christlich-sektiererischen-Kreisen.
Pakistan als Musterbeispiel für das Nichtfunktionieren des Islam anstatt, wie geplant des Triumphes? Nein, denn zu viele sind schon immer im Land gewesen, die sich zu sehr nach dem Westen orientieren. So gerät das Reine ins Unreine.
Auch dem Autor ist es nicht entgangen, dass Toleranz in muslimischen Ländern kein Gebot ist. Naipaul traut sich festzustellen, dass in Malaysia schon die Gesetze diskriminierend für Nicht-Muslime seien, auch wenn er immer wieder geschickt das andere sagen lässt! Er denkt daran, diese Länder wieder zu besuchen und weitere Bücher zu schreiben!
Die Landbevölkerung Malaysias und Indonesiens beschreibt er als Volk mit beschränkten Fertigkeiten, beschränkten Geldmitteln und - abermals - einem beschränkten Verständnis der Welt, dafür aber mit einem Islam, den er in diesem Zusammenhang als "Waffe" bezeichnet. "Der Islam ist eine Religion der Verheißung kommenden Wandels und baldigen Triumphs und....Teil einer weltweiten Bewegung.". Den Menschen aus den Dörfern stellt sich der Islam, als "alternative Gelehrsamkeit und Wahrheit dar, als Leidenschaft ohne konstruktives Programm".
Den Gesichtsschleier bezeichnet Naipaul als Maske der Aggression, die Kleidung entwurzelter Dörfler. Auf der anderen Seite gibt es noch die vorislamische Tradition. Die besagt: "Das Wesen der Würde des Menschen und der Achtung voreinander beruht auf einer untadeligen Beziehung zwischen Mann und Frau."
In Indonesien nennen manche den Islam die "Malaysische Krankheit", wiederholt weist Naipaul darauf hin. Es sind die Traditionalisten, die, wie er an einem Beispiel festmacht, erkennen, dass aus fröhlichen Tempeltänzerinnen triste Muslimfrauen werden, die innerlich abstumpfen. Der Islam sei zwar die offizielle Religion, aber unter der Oberfläche rege sich die frühere Welt, Relikte der hindu-buddhistischen und animistischen Vergangenheit. "Nach der Schwindel erregenden Geschichte der letzten fünfzig Jahren war die Welt fremd geworden, und die Menschen ließen sich ziellos treiben".
Nach dem Lesen habe ich eine Vorstellung was der Autor bezweckte. Als stelle er die islamische Kultur, wie sie sich zur Zeit darstellt, in Frage als ein in sich widersprüchliches, den Fortschritt jedes einzelnen Menschen und Völkergemeinschaften behinderndes Konstrukt.
Die Ausbreitung des Islam über den nahen Osten und in die Länder, die er bereist, nennt er ironisierend Geschichte der Ausbreitung der wahren Zivilisation". Er benutzt zu oft das Wort "wahr" in diesem Zusammenhang, als dass er es meinen könnte. Wo er doch dauernd betont wie sehr diese wahre Zivilisation von der westlichen Zivilisation abhängig ist.
Die Frage, warum sich dieses Konstrukt anders etwa als der Kommunismus so lange halten konnte, vermag er nicht wirklich zu beantworten. Der Mensch will das Verbindliche, Endgültige, die Zuflucht, und sei es nur die Zuflucht zu einer Idee oder die Flucht weg von der rauen, nicht erklärbaren Wirklichkeit?
Die ganzen Episoden, Gespräche, Begegnungen und Begebenheiten zeichnen eine beinahe irrationale Welt, die der Betrachter nur noch mit Verwunderung und Bestürzung zur Kenntnis nehmen kann.
Das Buch entstand Ende der siebziger Jahre, aber das merkt man ihm nicht an. Alles was Naipaul schreibt hat heute noch Gültigkeit. Das Buch benötigt eigentlich kein "Update" und für einen Epilog ist es zu früh. Man fühlt sich ins Hier und Heute versetzt, die radikalen Muslime sind vielleicht noch radikaler geworden, noch zuversichtlicher und noch hoffnungsloser. Das schließt sich gegenseitig nur bei denen aus, die von diesen extremen Widersprüchlichkeiten, die Muslime in diesen Ländern ausleben, nicht erfahren haben. Naipaul erspart insoweit Reisen in diese Länder, vielleicht auch in die Religion des Islam.