Endlich ist es geschehen, dass man sich an eine seriöse Sigmund-Freud-Verfilmung gewagt hat. Zwar hat es schon 1962 unter dem Titel "Freud" eine Verfilmung über einen Lebensabschnitt des Gründervaters der Psychoanalyse gegeben, die von Regisseur John Huston mit Leinwandschönling Montgomery Clift in der Hauptrolle realisiert wurde, aber aus heutiger Sicht eher pathetisch wirkt. Sicherlich ist es auch schwer, eine spannende Verfilmung über eine Persönlichkeit aus dem akademischen Bereich zu machen, deren Beruf sich in erster Linie um innere Abläufe wie Gedanken und Gefühle dreht. Regisseur David Cronenberg, der normalerweise eher für Filme aus dem Horror- und Thriller-Genre bekannt ist, hat mit "Eine dunkle Begierde" (Originaltitel: A Dangerous Method) in groben Zügen den umfangreichen biografischen Roman von John Kerr verfilmt.
Die Verfilmung setzt im Jahr 1904 ein: Der aufstrebende Arzt Carl Gustav Jung (Michael Fassbender) arbeitet in der Nervenheilanstalt Burghölzli am Zürcher See unter der Leitung des renommierten Psychiaters Eugen Bleuler, der u.a. den Terminus Schizophrenie etablierte. Hier lernt er die junge Sabina Spielrein (Keira Knightley) kennen, eine jüdische Russin die seelische Konflikte mit sich herumträgt seitdem sie als kleines Mädchen von ihrem Vater geschlagen wird. Carl Jung wird in seiner Arbeit stark von den Methoden Bleulers beeinflusst, der die mittelalterlichen Verhältnisse, die zu Anfang des 20. Jahrhunderts immer noch in vielen psychiatrischen Kliniken vorherrschen, abgeschafft hat und stattdessen eine humane Linie verfolgt, die sich auf Einfühlung in und Kommunikation mit den Patienten beläuft. Als Doktor Jung herausfindet, dass seine Patientin ein großes Interesse für seine Arbeit aufbringt und von dem Wunsch beseelt ist, selbst einmal Medizin zu studieren, macht er sie kurzerhand zu seiner Assistentin und verhilft ihr so zu einem neuen Sinn.
Zwei Jahre später, Sabina Spielrein ist inzwischen Studentin der Medizin, lernt Jung 1906 in Wien endlich den legendären Sigmund Freud (Viggo Mortensen) kennen. Anfangs verbindet die beiden Männer eine innige Freundschaft, die darauf aufbaut dass man auf geistiger Ebene denselben Theorien anhängt - Freud wird für Jung zu einer Vaterfigur. Über Freud lernt Jung auch dessen ehemaligen Schüler Otto Gross (Vincent Cassel) kennen, einen kokainschnupfenden Anarchisten, der die freie Liebe predigt und sich gegen die psychoanalytische Theorie Sigmund Freuds auflehnt, die Unterdrückung sexueller Wünsche sei notwendig für das Funktionieren des gesellschaftlichen Sozialkonstrukts. Otto Gross` subversive Überredungskunst führt den mehrfachen Familienvater Carl Gustav Jung schließlich in eine intensive intime Affäre mit Sabina Spielrein, die sich schon zuvor in ihren Therapeuten verliebt hatte. Als Carl Jung die Beziehung beenden will, weil ihn ein schlechtes Gewissen plagt, fühlt sich Sabina Spielrein von ihm verraten und ausgenutzt und vertraut sich mit ihren Sorgen Sigmund Freud an, der sich von dem charakterlosen Verhalten seines Schülers zutiefst enttäuscht zeigt und der jungen Frau in seiner Praxis eine Ausbildung zur Psychoanalytikerin bietet.
Auf einer Schiffsreise in die USA im Jahr 1909 zwecks akademischer Würdigung kommt es zwischen Freud und Jung zur Entfremdung, weil Freud sich weigert die von C.G. Jung ersonnene Tiefenpsychologie in Abspaltung zu seiner eigenen Trieblehre anzuerkennen.
Die Filmhandlung endet im Jahr 1913 kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, als Carl Gustav Jung der Psychoanalytikerin Sabina Spielrein - die sich inzwischen auf emotionaler Ebene erfolgreich von ihm distanziert hat - seine düstere Zukunftsahnung in Form eines apokalyptischen Traumes schildert.
"Eine dunkle Begierde" (2011) ist ein Film, der von einer wichtigen Zeitphase der Psychoanalyse erzählt und von seiner Farbkomposition etwas grundlegend Positives ausstrahlt. Helle Farbtöne wie Weiß und Beige dominieren die Kinoleinwand. Es wird eine Zeitepoche gezeigt, in der die Welt ihre Unschuld noch nicht verloren hatte, denn die Weltkriege kamen erst später. Inhaltlich geht der Film ganz auf seine drei Hauptprotagonisten ein. Die Geschichte wird aus dem Inneren der Dreiecksbeziehung Jung-Spielrein-Freud heraus erzählt, so dass kein Platz mehr für einen Blick auf die Gesellschaft und Menschen um die Jahrhundertwende blieb, die Sigmund Freud zu seinen revolutionären Theorien inspirierten. Das ist aus intellektueller Sicht natürlich für all jene schade, die gerne möglichst viel erfahren hätten, aber aus filmischer Sicht eine Wohltat für die Zuschauer, weil dadurch eine knisternde dramaturgische Dichte entsteht die ganz von den hervorragend ausgewählten Schauspielern lebt.
Ein großes Lob gebührt sicherlich der Maske, die es hinbekommen hat aus Schauspielern unserer Zeit Filmfiguren zu machen, die den damals real existierenden Persönlichkeiten zum Verwechseln ähnlich sehen. Viggo Mortensen hat wohl für die Rolle des Freud extra ein paar Kilo zugenommen. Er passt perfekt in diese Rolle rein, die für einen Schauspieler sehr schwer sein muss, weil es einfach zu leicht ist bei der Darstellung einer Persönlichkeit wie Sigmund Freud einer übertriebenen Mimik und Gestik zu verfallen. Aber ganz besonders und vor allem Keira Knightley, die ich bisher nur aus Hollywood-Blockbustern wie "Piraten der Karibik" kannte, überzeugt durch ihr äußerst intensives Spiel. Der amerikanische Schauspieler Viggo Mortensen und die englische Schauspielerin Keira Knightley haben für ihre eindringlichen Darbietungen eine Oscar-Nominierung erhalten. Der deutsche Schauspieler Michael Fassbender, der es geschafft hat in Hollywood anzukommen, wurde nicht berücksichtigt, obwohl seine Darstellung des Carl Gustav Jung für meine Begriffe Mortensens Freud-Interpretation ebenbürtig ist. Auch der französische Charakterdarsteller Vincent Cassel liefert eine brillante Darbietung als "Anarchoanalytiker" Otto Gross, der den Menschen als von Grund auf unbefriedigtes weil von sozialen Zwängen gehemmtes Wesen begreift.
Der ganze Film ist eigentlich mehr auf Carl Gustav Jung fixiert denn auf Sigmund Freud. Mit C.G. Jung beginnt und endet diese Geschichte. Meine einzige Kritik besteht darin, dass Doktor Freud zu sehr heroisiert wird, während Doktor Jung als eine stark libidinöse Persönlichkeit porträtiert wird. Ich glaube, ganz so einseitig ist das menschliche Individuum dann wohl doch nicht zu begreifen, aber das tut der Tatsache keinen Abbruch, dass dem Film "Eine dunkle Begierde" das Kunststück gelingt, zu einem eher anspruchsvollen Thema eine spannende und unterhaltsame Geschichte zu erzählen.