7 Bücher und 2 Sammelbände umfasst das Werk von Richard Yates, alle sind autobiografisch. In den letzten Jahren wurden sie gründlich vom Staub des jahrzehntelangen Vergessens gereinigt: Yates ist angesagt, ein Umstand, den ihn, den übersehenen Schriftsteller, erfolglosen Ehemann und Vater, exzessiven Alkoholiker und Kettenraucher, vielleicht am meisten wundern würde. Seine Prosa kennt keine Manierismen, benutzt keine Tricks, ist einfach und gradlinig und stets dem Scheitern abgerungen. Ein später Erfolg zu Lebzeiten hätte seinen Absturz und Verderben, seinen Süchten geschuldet, auch nicht aufgehalten. Gewiss hätte er sich in einer erfolgreichen bürgerlichen Existenz niemals heimisch gefühlt.
In seinem bekanntesten Werk, "Zeiten des Aufruhrs" porträtierte er eine seiner Ehefrauen, die unbedingt in Europa leben wollte, was er ihr ermöglichte, in "Easter Parade" das Scheitern seiner Schwester Edith, die ebenfalls eine Alkoholikerin war und im Alter von nur 47 Jahren starb, und in diesem Buch erzählt er die Geschichte seiner Mutter, am Rande die seines Vaters und vor allem die seiner Kindheit und Jugend. Wie einst seine leibliche Mutter hält sich Alice Prentice für eine überragende Künstlerin, Bildhauerin, die schon bald aus ihrer Ehe ausbricht und mit ihrem Kind von Ort zu Ort zieht, immer abgebrannt, immer Schulden hinterlassend, immer erfolglos. Während ihre Verblendung sie vor allzu viel Realität schützt, erträgt ihr Sohn Robert mit zusammengebissenen Zähnen die Demütigungen ihres gemeinsamen Alltags und die immer verzweifelteren Kapriolen seiner Mutter. Sein Vater hat keinen Einfluss auf seine frühere Frau, nur seine zögerlich gewährte finanzielle Unterstützung ist stets sehr willkommen und manchmal die letzte Rettung für Alice, die weder das Talent zum Geldverdienen noch zum Haushalten besitzt. Die Liebe zu ihrem Sohn ist von entsetzlicher Lieblosigkeit und eingebettet in ihre Unfähigkeit, auf seine Bedürfnisse einzugehen, ja sogar, diese zu erkennen. Ihre Welt ist die der Illusionen, die sie rücksichtslos verteidigt und nicht davor zurückschreckt, ihren Sohn als Schutzschild zu benutzen.
Robert flüchtet schließlich zum Militär und landet auf den Schlachtfeldern des zweiten Weltkriegs in Europa. Die drastischen, detailreichen Schilderungen, grauenvolle Sequenzen, sind dem Fundus eigener Erinnerungen aus seiner Militärzeit in dunklen Zeiten entnommen, die Yates auch ins Zentrum der Finsternis brachte: nach Deutschland. Robert Prentice erhofft sich Ehre, vielleicht sogar Ruhm, was er nicht erreichen wird. Mit Alpträumen und eine Abfindung für seine auf Dauer lädierte Gesundheit verlässt er das Soldatenleben. Zu seiner Mutter, nach wie vor unbelehrbar, inzwischen alt und abgehalftert, die seine Rückkehr als Held sehnsüchtig erwartet, geht er nicht zurück.
"Eine besondere Vorsehung", sicher nicht Yates rundestes Werk mit zwei konträren Erzählsträngen, wurde von den Lesern abgelehnt und von der Fachwelt ignoriert. Es ist eine Geschichte, die dem Leser einiges abverlangt und keine Hoffnung bietet, sie ist schonungslos und mit Herzblut geschrieben. Richard Yates glanzlose Vita, geprägt von Einsamkeit, Exzessen und Depressionen endete damit, dass er an seinem eigenen Erbrochenen erstickte. In seiner armseligen Wohnung fand sich nur ein einziger sentimentaler Gegenstand, ein Bild seiner Töchter, für die er kein Sorgerecht hatte. Und das Fragment eines weiteren Buchs. Sein Nachleben als Schriftsteller hat lange auf sich warten lassen, jetzt aber ist es eingetreten.
Helga Kurz
19. August 2010