"Theoretisch gibt es eine vollkommene Glücksmöglichkeit: An das Unzerstörbare in sich glauben und nicht zu ihm streben." (Kafka) Welche Form das Glück im vorliegenden Buch annimmt, ist eine Frage von vielen, die unbeantwortet bleiben. Des einen Freud, des anderen Leid ... Was unauffällig als Aneinanderreihung der Erlebnisse zweier befreundeter Paare beginnt, entpuppt sich im weiteren Verlauf als wortreiche Darstellung der wechselvollen Beziehungen der Charaktere zueinander: Christian Kippenberger, langjähriger Freund von Rainer Dahlhaus, dessen Frau Lore und Corinna Mühlbauer. So schlicht dieser Name auch klingen mag - Corinna ist doch der eigentliche Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, indem sie durch ihr unerklärliches Verhalten alle anderen Beteiligten (bisweilen auch den Leser) verwirrt. Diese, als rätselhafte Person konzipierte, Figur - die trotz, oder gerade wegen ihrer über weite Textpassagen ausgedehnten Abwesenheit Turbulenzen in den (ansonsten recht geordneten) Lebensläufen der Männer in ihrem Umkreis verursacht, bleibt mit ihrer seltsamen Anziehungskraft undurchschaubar. Kippenberger seinerseits verbindet vorerst ehrlich empfundene Liebe mit Corinna, jedoch weicht dieses Gefühl Stück für Stück tiefem Misstrauen und großer Verzweiflung aufgrund ihrer unerklärlichen Handlungen und der bedrückenden Sprachlosigkeit, die zwischen den beiden herrscht. So kommt es nicht zur Heirat, sondern zu Trennung, die Kippenberger auch mit Hilfe seines Freundes Dahlhaus und dessen Gattin mühsam überwindet. Doch Corinna sorgt weiterhin, selbst aus der Entfernung, für Verwirrung indem sie die Freundschaft der beiden Männer und Dahlhaus' Ehe durch vordergründige briefliche Annäherungsversuche untergräbt. Rainer Dahlhaus gerät mehr und mehr in den Bann dieser Frau, denn das unerklärte Geheimnisvolle, das sie umgibt, reizt ihn. (Jagdinstinkt!) Die unausweichliche gemeinsame Nacht kann unter Umständen wie diesen keinesfalls wie in einer "herkömmlichen" Liebesgeschichte verlaufen, ziehen sich doch Aussagen wie "Corinna entzieht sich auf eigenartige Weise", sie "verschwindet", "löst sich in Luft auf" durch die gesamte Geschichte. Anscheinend vermittelt diese Frauenfigur ihren Liebhabern irgendwie irgendetwas, wenn auch völlig unklar bleibt, wer sie eigentlich ist und vor allem, was die Motivation für ihr absonderliches Verhalten darstellt. Sie bleibt ein Fremdkörper, immer und überall. Hinsichtlich der Verschleierung der Figur Corinna Mühlbauers muss der Text wohl den Vergleich mit der Machart der Fernsehserie "Akte X" über sich ergehen lassen, denn da wie dort wird man mit undurchschaubaren Ereignissen konfrontiert und findet nur in der vagen Aussage Zuflucht, dass "die Wahrheit irgendwo da draußen" (im Falle des Buchs "irgendwo da drinnen?") sei. So hinterlässt die etwas unvermittelt endende Geschichte Befremden und den Eindruck, dass detailliert angelegte Handlungsstränge ohne ersichtlichen Grund vorzeitig abgerissen und vorhandene Entwicklungsmöglichkeiten vergeben wurden. Denn über die zerstörterische Anziehungskraft mancher Wesen und auch die bedrohliche Sprachlosigkeit lässt sich in Franzobels "Krautflut" Denkwürdiges, sprachlich weitaus intensiver dargestellt, finden!