Pressestimmen
"Ein faszinierender Krimi, intelligent konstruiert, gut geschrieben und mit hervorragenden Charakteren besetzt. Nesser in bester Form." (Münchner Merkur )
"... Fortsetzung dringend erwünscht." (NDR )
Kurzbeschreibung
Klappentext
Literarische Welt
"Nesser wird neben Henning Mankell als der derzeit erfolgreichste schwedische Krimiautor gehandelt. Sein Stil ist ähnlich human und romantisch wie der Mankells, dabei aber noch andeutungsvoller, zeitlos-poetischer und geheimnisvoller."
ZDF
"Derart eigenwillig und eigenständig erzählt kaum jemand Kriminalgeschichten."
WDR-Mittagsmagazin
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Über den Autor
Prolog. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Ich bin nicht wie andere Menschen.
Und ich will es auch gar nicht sein. Sollte ich jemals eine Gruppe finden, in der ich mich heimisch fühle, dann bedeutet das nur, dass ich abgestumpft bin. Dass auch ich zum Urgebirge der Gewohnheiten und Dummheiten abgeschliffen wurde. Es ist, wie es ist, nichts vermag diese grundlegenden Voraussetzungen zu ändern. Ich weiß, dass ich auserwählt bin.
Vielleicht war es ein Fehler, hierzubleiben. Vielleicht hätte ich meinem ersten Impuls folgen und nein sagen sollen. Aber das Gesetz des geringsten Widerstands ist stark, und Erik hat mich in den ersten Tagen interessiert, er ist zumindest kein Durchschnittsmensch. Außerdem hatte ich keine festen Pläne, keine Strategie für mein Reisen. In den Süden, das einzig Wichtige war, in den Süden zu kommen.
Aber heute Abend bin ich unsicherer. Es gibt nichts, was mich hier hält, ich kann jeden Moment meinen Rucksack packen und weiterziehen, und wenn sonst nichts, so empfinde ich zumindest diese Tatsache als eine gute Versicherung für die Zukunft. Mir kommt in den Sinn, dass ich sogar jetzt gehen könnte, in diesem Moment, es ist zwei Uhr, die monotone Stimme des Meeres ist nur ein paar hundert Meter entfernt in der Dunkelheit auf der Terrasse zu hören, auf der ich sitze und schreibe. Ich weiß, dass die Flut kommt, ich könnte hinunter zum Strand gehen und ostwärts wandern, nichts wäre leichter als das.
Eine gewisse Trägheit, zusammen mit Müdigkeit und Alkohol im Blut, hält mich jedoch zurück. Zumindest bis morgen. Vermutlich noch einige Tage mehr. Ich habe überhaupt keine Eile, und vielleicht lasse ich mich ja von der Rolle des Beobachters verlocken. Vielleicht gibt es Dinge, über die ich schreiben kann. Als ich Doktor L von meinen Plänen erzählt habe, eine längere Reise zu unternehmen, sah er zunächst nicht besonders begeistert aus, aber als ich ihm erklärt habe, dass ich Zeit in einer fremden Umgebung bräuchte, um nachzudenken und um das schriftlich festzuhalten, was passiert ist - und dass das der eigentliche Zweck der Reise war -, da nickte er zustimmend; und schließlich wünschte er mir sogar Glück, und ich hatte das Gefühl, dass diese Wünsche wirklich von Herzen kamen. Ich war ja mehr als ein Jahr in seiner Obhut gewesen, dann muss es wohl wie ein Triumph sein, wenn man tatsächlich einmal einen Klienten in die Freiheit entlassen kann.
Was Erik betrifft, so ist es natürlich sehr großzügig von ihm, mich hier kostenlos wohnen zu lassen. Er hat behauptet, dass er das Haus zusammen mit einer Freundin gemietet hat, die Beziehung aber beendet wurde, als es schon zu spät war, um zu stornieren. Ich habe zunächst geglaubt, dass er lügt, nahm an, er wäre schwul und wollte mich als sein Spielzeug haben, aber so ist es offensichtlich nicht. Ich glaube nicht, dass er homosexuell ist, bin mir aber keineswegs sicher. Möglicherweise ist er ja bi, er ist nicht gerade unkompliziert, der Erik. Und wahrscheinlich halte ich es deshalb mit ihm aus, es gibt da dunkle Ecken, die mir zusagen, jedenfalls solange sie noch unerforscht sind.
Und er hat reichlich Geld, das Haus ist groß genug, dass wir nicht aufeinanderhocken müssen. Wir sind übereingekommen, dass wir das Haushaltsgeld teilen, aber wir teilen noch etwas anderes. Eine Art Respekt vielleicht. Es sind jetzt vier Tage vergangen, seit er mich vor Lille aufgesammelt hat, drei, seit wir hier sind. Normalerweise werde ich Menschen bereits nach einem Bruchteil dieser Zeit überdrüssig.
Aber heute Nacht - während ich schreibe - werde ich wie gesagt zum ersten Mal von ernsthaften Zweifeln befallen. Es begann mit einem sich lang dahinziehenden Lunch im Hafen von Benodet heute Nachmittag, mir war schnell klar, dass es sich um den Eröffnungszug für einen anstrengenden Abend handelte. So etwas merkt man. Ein Gedanke schwebte mir im Kopf herum - nachdem wir endlich Platz in dem chaotischen Restaurant gefunden hatten und es uns schließlich gelungen war, dem Kellner unsere Bestellung klarzumachen:
Bring die ganze Bagage um und hau ab.
Das wäre das Einfachste für alle Beteiligten gewesen, und es hätte mich nicht die Bohne berührt.
Wenn ich nur eine Methode gehabt hätte. Oder zumindest eine Waffe und einen Fluchtweg.
Vielleicht war es auch nur eine Idee, die aus der Tatsache geboren wurde, dass es so heiß war. Der Weg zwischen starker Hitze und Wahnsinn ist kurz. Wir hatten den Tisch zur Seite geschoben, den Sonnenschirm hin und her gezogen, um Schatten zu bekommen, aber ich landete immer wieder in der Sonne - besonders, wenn ich mich auf meinem Stuhl zurücklehnte -, und das war alles andere als bequem. Das ganze Dasein fühlte sich wie ein einziger Juckreiz an. Eine vibrierende Irritation, die auf eine Art unerbittlichen Punkt zutickte.
Überhaupt war die ganze Aktion eine infame Dummheit. Vielleicht geschah sie gar nicht auf direkte Initiative eines Einzelnen hin, vielleicht war es nur eine Frage von allgemeiner, falsch geleiteter Rücksicht. Eine Gruppe von Landsleuten, die auf einem samstäglichen Markt in einem kleinen bretonischen Ort aufeinanderstoßen. Gut möglich, dass die guten Sitten in so einer Lage ein bestimmtes Verhalten erfordern. Gewisse Riten. Ich verabscheue die guten Sitten genauso sehr, wie ich Leute verabscheue, die nach ihnen leben.
Es ist auch möglich, dass ich eine Gruppe von Ungarn an einem Restauranttisch in Stockholm oder Malmö auf andere
Weise betrachtet hätte, es ist das Innenleben der Gruppe, das ich nur schwer ertrage, das äußere Bild interessiert mich nicht. Etwas zu wissen und zu durchschauen, ist oft schlimmer, als ignorant zu sein. Oder so zu tun, als wäre man ignorant. Es ist einfacher, in einem Land zu leben, in dem man die Sprache nicht voll und ganz versteht.
Von Französisch, der Sprache, die uns momentan umgibt, wird beispielsweise behauptet, dass sie am ausdrucksvollsten ist, wenn man nicht ganz begreift, was eigentlich gesagt wird.
Aber man sieht mir nie an, was ich denke, ich bin da auf der Hut. Ich fluche innerlich, während ich lache und schmunzle, lache und schmunzle. Ich habe gelernt, mein Leben so zu meistern. Navigare necesse est. Es kann sogar sein, dass die anderen mich sympathisch finden. Die Gedanken sind nicht gefährlich, solange sie nur Gedanken bleiben, das ist natürlich eine Weisheit, die stimmt - wie viele andere auch.
Es handelte sich also um zwei Paare. Anfangs war ich davon ausgegangen, dass sie sich kannten, vielleicht zusammen Urlaub machten - aber dem war nicht so. Wir stießen ganz einfach alle sechs zufällig zwischen den Ständen auf dem Wochenmarkt zusammen, selbst gemachter Käse, selbst gemachte Marmeladen, selbst gemachter Muscadet, Cidre und gestrickte Tücher; vielleicht war es ja eine der beiden Frauen, auf die Erik scharf war. Sie sind beide jung und verhältnismäßig schön, vielleicht war er sogar auf beide scharf, er entwickelte tatsächlich so einigen Charme, während wir dasaßen, in unseren Schalentieren stocherten und eine Weinflasche nach der anderen leerten. Ich ja vielleicht auch.
Und dann diese sonderbare Verbindung zu Kymlinge. Erik hat offensichtlich sein ganzes Leben lang in dieser Stadt gelebt, die Frau des einen Paares ist dort aufgewachsen, aber nach Göteborg gezogen, die andere Frau lebt seit ihrem zehnten Lebensjahr in Kymlinge. Keiner der drei kannte einen der anderen in irgendeiner Art und Weise, aber diese geografische Merkwürdigkeit fanden alle interessant. Unwiderstehlich. Sogar Erik.
Was mich selbst betraf, fand ich sie äußerst ekelhaft. Als hätten sie einen Charterbus hierher genommen und könnten jetzt in der kleinen französischen Stadt sitzen und sich an den Sitten und Besonderheiten der Eingeborenen weiden und sie mit denen der Leute daheim vergleichen. In Kymlinge und anderswo. Ich trank drei Glas kalten Weißwein vor dem Hauptgericht, während eine Art äußerst vertrauter Verzweiflung von mir Besitz nahm, wie ich so dasaß und in der Sonne schwitzte. Ein Juckreiz, wie gesagt.
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